Anlaufstelle in Blaufelden: Wenn die Seele krank wird

Immer mehr Menschen sprechen über ihr Leben mit einer psychischen Störung, damit andere Betroffene das erhalten, was ihnen oft so gefehlt hat: Verständnis für ihre Krankheit und deren Auswirkungen.

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Wenn das Leben aus dem Ruder läuft. Die Gespräche mit Bianca Preuninger sind streng vertraulich. Sie kommt zur Beratung auch nach Hause. Privatfoto

Sie stehen stellvertretend für Millionen Menschen in Deutschland, die erkrankt sind - nicht an Herz, Lunge oder Leber, sondern die krank an ihrer Seele sind. In Blaufelden gibt es jetzt eine Anlaufstation für sie.

"Dass man mir nach meinen Panikattacken sprachlos, abweisend oder gar desinteressiert begegnete, mich entmündigen wollte, mir Verantwortung entzogen hat, das hat mich sogar noch mehr getroffen, als die Erkenntnis, dass ich psychisch krank bin", sagt Roland. Zwischen dreißig und sechzig Menschen, denen es ähnlich wie ihm geht, werden jährlich vom Sozialpsychiatrischen Dienst (SPDI) in der Region Blaufelden und Schrozberg betreut. Diese Menschen leben zu Hause sind aber in ihrer Fähigkeit den Alltag zu gestalten, massiv eingeschränkt. Sie haben Depressionen; manische Schübe, Wahnvorstellungen oder andere krankhafte Veränderungen ihrer Psyche.

"Der tut nicht gut", beschreiben engste Familienangehörige häufig deren Wesen und schweigen dann. Was nicht ausgesprochen wird, ist die enorme Anspannung, mit der Angehörige und Erkrankte leben. Die einen erwarten eine Teilnahme am Leben und Alltag, die anderen können sich nicht aufraffen, sind völlig antriebslos, haben Ängste oder sind bei den kleinsten Begebenheiten aggressiv, halten nicht eine Regel ein.

"Viele sagen mir, gleich beim ersten Gespräch, dass sie nicht möchten, dass irgendetwas über die Erkrankung nach außen dringt", sagt Bianca Preuninger, die den SPDI in Blaufelden übernommen hat. Die Sozialpädagogin, die zudem in Teilzeit auch im ambulant betreuten Wohnen des Samariterstifts in Crailsheim arbeitet, kennt die Gründe für dieses Verbarrikadieren.

Das Leben stellt große Ansprüche. Es gilt zu funktionieren. Die Dinge müssen rundlaufen. Da passt es nicht, wenn jemand aus dem Rahmen fällt. Zur Angst, man könnte selbst als Vater oder Mutter versagt haben, gesellt sich die Furcht vor dem Gerede der Leute und schließlich fehlt oft einfach die Zeit, sich um den Menschen zu kümmern, dessen Leben da aus dem Ruder läuft. Die Erkenntnis, dass es sich bei dem nicht gewöhnlichen Verhalten um eine schwere Krankheit handelt, die schwer zu therapieren und manchmal eben auch nicht heilbar ist, setzt sich vielfach erst in den Gesprächen mit Bianca Preuninger durch. Bis dahin geben sich die Betroffenen gern der Hoffnung hin, die Auffälligkeiten verschwänden schon wieder.

Seit Dezember vergangenen Jahres können Betroffene in und um Blaufelden einmal die Woche, donnerstags von 9.30 bis 11 Uhr in ein Kontaktcafé im evangelischen Dekanat in Blaufelden kommen. Dort treffen sich Gleichgesinnte, und es ist zu spüren, dass keiner mit seinen Sorgen, Ängsten und Nöten alleine bleiben muss. Wem solch ein Treffen zu persönlich erscheint, der kann sich bei Bianca Preuninger telefonisch melden. Sie kommt zu einem Beratungsgespräch auch nach Hause. Wenn in einem ersten Gespräch abgeklärt ist, wo die Schwierigkeiten sowohl für die Erkrankten wie die Angehörigen liegen, kann sie helfen, konkrete Maßnahmen einzuleiten. Das kann von Gesprächen mit behandelnden Ärzten und Therapeuten bis zu Verhandlungen mit den Sozialämtern oder Vermittlung zu Selbsthilfegruppen gehen. All diese Dienste sind kostenlos und vor allem streng vertraulich.

Wie wichtig diese Gesprächsangebote sind, schildert eine 70-jährige Mutter, die mit ihrem 40-jährigen Sohn jahrelang unter einem Dach lebte, seine Schübe und Aggressionen ausgehalten hat und nach außen kein Wort darüber verlor. Sie habe immer nur das Beste für ihn gewollt, und es hätte sie so schockiert, dass er nichts davon habe annehmen können. Nachdem er nach Jahren und dank der Intervention von Bianca Preuninger schließlich in einer Einrichtung stationär aufgenommen worden war, fühlte sie sich plötzlich von zentnerschwerer Last befreit.

"Es hat ein ganz neues Leben für mich angefangen", erinnert sie sich. Auch für ihren kranken Sohn sieht das Leben inzwischen besser aus. Er ist nicht mehr dem ständigen Druck ausgesetzt, es richtig machen zu müssen und nicht zu können.

Klar ist, dass die Betreuung durch Bianca Preuninger nicht in allen Fällen ausreichen kann. Dort, wo ihr Engagement zu wenig ist, müssen weitergehende Hilfsangebote in Erwägung gezogen werden. Dazu gehören ambulant betreutes Wohnen, stationäre Hilfen und Tagesstätten mit strukturiertem Tagesablauf. Während für Preuningers Dienste keinerlei Kosten oder Unterschriften anfallen, sind die Eingliederungshilfen, die beim Landratsamt beantragt werden müssen, kostenpflichtig, sobald das eigene Vermögen eine bestimmte Höhe übersteigt. In einer solch fraglichen Situation ist es am besten, die Fachfrau in Gesprächen abklären zu lassen, welches das beste Verfahren ist, um Erkrankten wie deren Angehörigen die größtmögliche Erleichterung zu verschaffen.

Info Kontakt zu Bianca Preuninger: Telefon 0 79 53 / 9 26 22 86, Hauptstraße 11, 74572 Blaufelden.
 


Das Samariterstift Obersontheim betreut auf Basis des SPDI etwa 400 Menschen im Landkreis. Außerdem unterhält die Einrichtung alle Hilfen der Sozialpsychiatrie vom stationären Wohnen über die Werkstätten bis hin zum ambulant betreuten Wohnen und Tagesstätten an den Standorten Schwäbisch Hall, Obersontheim, Crailsheim und Blaufelden.

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