Adolf Barthelmäs - in Auschwitz für alle Deportationszüge verantwortlich

Reichsbahn und Holocaust: Neues Buch über regionale Täter, Helfer und Trittbrettfahrer im „Dritten Reich“ beleuchtet auch die Rolle eines Schrozbergers in der Vernichtungsmaschinerie.

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  • Auch von Crailsheim aus wurden Juden mit der Reichsbahn deportiert, wie ein Eintrag vom 20. August 1942 im „Tätigkeitsbuch“ des örtlichen Polizeipostens belegt: „Transport der Juden von Crailsheim nach Stuttgart 6 von Crailsheim 7 von Michelbach a./L. von 6.55 bis 20.56 Uhr.“ Stadtarchiv Crailsheim 01/10
    Auch von Crailsheim aus wurden Juden mit der Reichsbahn deportiert, wie ein Eintrag vom 20. August 1942 im „Tätigkeitsbuch“ des örtlichen Polizeipostens belegt: „Transport der Juden von Crailsheim nach Stuttgart 6 von Crailsheim 7 von Michelbach a./L. von 6.55 bis 20.56 Uhr.“ Stadtarchiv Crailsheim Foto: 
  • in Kieselstein mit der Aufschrift „Shalom“ („Frieden“) auf dem Eisenbahngleis, das seit Mai 1944 mitten in das Vernichtungslager Birkenau hineinführte. 02/10
    in Kieselstein mit der Aufschrift „Shalom“ („Frieden“) auf dem Eisenbahngleis, das seit Mai 1944 mitten in das Vernichtungslager Birkenau hineinführte. Foto: 
  • Die Tür eines Viehwaggons auf der Rampe im KZ Auschwitz-Birkenau: Über 1,1 Millionen Menschen aus ganz Europa wurden dort von der SS ermordet. Die Reichsbahn transportierte die Opfer – nach Fahrplan und gegen Gebühr. 03/10
    Die Tür eines Viehwaggons auf der Rampe im KZ Auschwitz-Birkenau: Über 1,1 Millionen Menschen aus ganz Europa wurden dort von der SS ermordet. Die Reichsbahn transportierte die Opfer – nach Fahrplan und gegen Gebühr. Foto: 
  • Im Mai 1944 nahm die SS ein neues Anschlussgleis in Betrieb, das vom Güterbahnhof in Auschwitz direkt in das Vernichtungslager Birkenau zur berüchtigten Rampe für die Selektionen führte. Binnen neun Monaten fuhren allein auf diesem Gleis, das sich heute in einem erbärmlichen Zustand befindet, mindestens 589 000 jüdische Kinder, Frauen und Männer in den Tod. 04/10
    Im Mai 1944 nahm die SS ein neues Anschlussgleis in Betrieb, das vom Güterbahnhof in Auschwitz direkt in das Vernichtungslager Birkenau zur berüchtigten Rampe für die Selektionen führte. Binnen neun Monaten fuhren allein auf diesem Gleis, das sich heute in einem erbärmlichen Zustand befindet, mindestens 589 000 jüdische Kinder, Frauen und Männer in den Tod. Foto: 
  • Güterbahnhof in Auschwitz und Anschlussgleis für das KZ Birkenau 05/10
    Güterbahnhof in Auschwitz und Anschlussgleis für das KZ Birkenau Foto: 
  • Güterbahnhof in Auschwitz und Anschlussgleis für das KZ Birkenau 06/10
    Güterbahnhof in Auschwitz und Anschlussgleis für das KZ Birkenau Foto: 
  • Sechs Jahre Dienst direkt neben dem KZ Auschwitz-Birkenau : Adolf Barthelmäs aus Schrozberg in der Uniform eines Reichsbahners. 07/10
    Sechs Jahre Dienst direkt neben dem KZ Auschwitz-Birkenau : Adolf Barthelmäs aus Schrozberg in der Uniform eines Reichsbahners. Foto: 
  • Güterbahnhof in Auschwitz und Anschlussgleis für das KZ Birkenau 08/10
    Güterbahnhof in Auschwitz und Anschlussgleis für das KZ Birkenau Foto: 
  • Güterbahnhof in Auschwitz und Anschlussgleis für das KZ Birkenau 09/10
    Güterbahnhof in Auschwitz und Anschlussgleis für das KZ Birkenau Foto: 
  • Güterbahnhof in Auschwitz und Anschlussgleis für das KZ Birkenau 10/10
    Güterbahnhof in Auschwitz und Anschlussgleis für das KZ Birkenau Foto: 
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Ihr Onkel Adolf sei ein "weicher und gutmütiger Mann" gewesen. Eigentlich habe er keiner Fliege etwas zuleide tun können; er sei wegen seiner umgänglichen Art sogar ihr "Lieblingsonkel" gewesen. Das sagt seine heute 87-jährige Nichte, die sich gut an den 1900 in Schrozberg geborenen, 1976 in Stuttgart verstorbenen Adolf Barthelmäs erinnert.

Als Eisenbahnbeamter war er von Oktober 1939 bis zum Januar 1945 Vorsteher des Güterbahnhofs Auschwitz. Von dort aus waren im "Dritten Reich" über eine Million jüdischer Männer, Frauen und Kinder ihrer Vernichtung im Konzentrationslager zugeführt worden.

Diese Arbeit versah Barthelmäs jahrelang ohne Widerspruch und angesichts der Dauer von fünfeinhalb Jahren offenkundig auch zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Es gibt heute keine Hinweise, dass Barthelmäs je ernsthafte Zweifel an seiner Arbeit gekommen sein könnten. Als man ihn 1967 beim Landeskriminalamt in Stuttgart zweimal als Zeuge vernahm, verkaufte er sich als pflichtbewusster, völlig harmloser Beamter. Mit allem, was innerhalb des KZ geschehen sei, habe er nichts zu tun gehabt, denn seine Dienststelle lag ja außerhalb der Zäune. Er ist seinerzeit damit problemlos durchgekommen.

Adolf Barthelmäs hatte von 1906 bis 1914 die Volksschule in Schrozberg und danach bis 1917 die Verkehrsbeamtenschule in Mögglingen bei Schwäbisch Gmünd besucht, die er mit Abitur verließ. 1918 wurde er Eisenbahner. Am 6. Oktober 1939 versetzte man ihn an den Bahnhof Auschwitz, wo er bis 1945 als Oberinspektor amtierte. Nach dem Krieg arbeitete er im Hauptbahnhof Nürnberg, wo er 1965 pensioniert wurde.

Züge zum Vernichtungslager begleitet

In Auschwitz gehörte es zu seinen dienstlichen Aufgaben, mehr als eine Million in Waggons verstaute Juden störungsfrei auf den letzten Teil ihrer Todesreise zu schicken. Er hatte dafür zu sorgen, dass ankommende Deportationswaggons auf ein Nebengleis gelenkt und an eine neue Lokomotive gehängt wurden, um anschließend über 1937 Meter hinweg im Konzentrations- und Vernichtungslager Birkenau einzufahren. Drei oder vier Bahnbedienstete begleiteten den Zug dabei. Oft wurden sie Zeugen, wie die Insassen aus den Waggons getrieben und zur Selektion geführt wurden. Bereits nach wenigen Minuten kehrten die entleerten Waggons zurück, die schließlich noch von Zwangsarbeitern gereinigt wurden.

Auch wenn er persönlich bei den "Ausladungen nie zugegen" gewesen sein will, wusste er doch zu berichten, dass in jedem Wagen etwa 60 Personen untergebracht waren. Die geschätzte Zahl der Insassen der Waggons war, wie sein Stellvertreter Wilhelm Hilse beim Auschwitz-Prozess 1964 als Zeuge angegeben hatte, "wichtig für die Abrechnung", also die Ermittlung der Transportkosten. Originalton Barthelmäs 1967: Nach ihrer "Entladung auf der Rampe im Lager" seien die Wagen "vom Rangierdienst herausgezogen und zur Entseuchung bezettelt und abgefertigt" worden.

Als der ihn vernehmende Kriminalkommissar von Barthelmäs wissen wollte: "Stand den Opfern in den Waggons eine Toilette zur Verfügung?", entgegnete der Ex-Reichsbahner: "Die Juden waren in geschlossenen Güterwagen untergebracht, in denen bekanntlich keine Klosette eingebaut sind. Inwieweit möglicherweise Fäkalienkübel in den einzelnen Waggons aufgestellt waren, ist mir nicht bekannt."

Vier Tage ohne Essen, Trinken und Toilette

Zur Verpflegung der Menschen in den Zügen und über die Dauer der Transporte gab er an: "Was auf dem Transport geschah, entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn ich aber nach meiner Meinung gefragt werde, so muss ich sagen, dass es technisch kaum möglich gewesen sein wird, die in den einzelnen Güterwagen zusammengepferchten Personen ordnungsgemäß zu versorgen. Wenn ich gefragt werde, wie lange ein Transportzug von seinem Ausgangsbahnhof bis nach Auschwitz unterwegs war, so schätze ich, dass ein Transport von Frankreich nach Oberschlesien etwa vier Tage gedauert haben dürfte."

Adolf Barthelmäs war sich völlig darüber im Klaren, dass bereits während der Fahrt viele Menschen die Strapazen nicht aushielten. Dazu urteilte er betont distanziert: "Wie schon erwähnt, dürfte die Todesursache der unterwegs verstorbenen Personen in der damals herrschenden großen Hitze gelegen haben. Im Winter dürfte Kälte die Todesursache gewesen sein. Ich habe nicht beobachtet, dass Öfen installiert waren. Auch dürfte die unzulängliche Unterbringung Grund für das Sterben auf dem Transport gewesen sein. Ich habe einmal einen Leerzug angesehen. Dabei musste ich feststellen, dass der Wagenboden etwa 10 cm mit Menschenkot und Unrat bedeckt war. Diese Beobachtung erfolgte von der Türe aus, ohne den Wagen zu betreten."

Adolf Barthelmäs wurde als NSDAP-Mitglied seit 1. Mai 1937 unmittelbar nach dem Überfall auf Polen ins besetzte Gebiet abkommandiert. Es ist nicht bekannt, dass er sich später um Versetzung an einen anderen Dienstort bemüht hätte. Aus der Unterlassung wurde insofern Teilhabe. Er residierte mit seiner Familie, so die Nichte, in einer "noblen Dienstwohnung" mit "fünf bis sechs Zimmern" und einer "polnischen Frau als Haushaltshilfe". Dabei seien, so der Auschwitzüberlebende Hermann Langbein, die Flammen "15 bis 20 Kilometer weit" zu sehen gewesen. Und alle vor Ort wussten, dass Menschen verbrannt wurden; an seinem Fenster habe Barthelmäs "süßlichen Geruch und bläuliche Farbe" bemerkt.

Trotzdem erklärte er noch 1967 gegenüber den Beamten des Landeskriminalamtes, "kein persönliches Interesse" an einer weiteren Klärung des Schicksals dieser Menschen gehabt zu haben.

Opfer mussten Fahrt ins Todeslager bezahlen

Die Historikerin Sybille Steinbacher schrieb 2004 in ihrem Buch "Auschwitz. Geschichte und Nachgeschichte" über derlei Kaltschnäuzigkeit: "Gleichgültigkeit ließ die Eisenbahner ihre mörderische Zuarbeit routiniert verrichten. Aus Gehorsam und auch geprägt von der pedantischen Präzision ihres Berufes ließen sie Zweifel am eigenen Tun nicht zu. Dass die Last, von der systematischen Tötung zu wissen, nicht nach Konsequenzen rief, zeigt: Mit dem Massenmord konnte man sich arrangieren." Die Bahn verdiente mit beim Massenmord. Sybille Steinbacher schreibt dazu: "Die Reichsbahn ließ sich die Fahrt wie herkömmliche Frachttransporte bezahlen. Das Geld stammte von den Opfern selbst, die eine Fahrkarte dritter Klasse für den Weg ins Todeslager kaufen mussten: pro Person für jeden Schienenkilometer vier Pfennige, für Kinder unter zehn Jahren zwei. Dass die Reichsbahn der SS Mengenrabatt gewährte - bei Transporten ab 1000 Personen galt der halbe Preis - und die Leerfahrten auf dem Rückweg gratis waren, gehört zu den atemverschlagenden Details der Organisation des Massenmords."

Bei Adolf Barthelmäs, dem unterstellt werden kann, über diese und andere Details gut informiert gewesen zu sein, reichte das alles laut seiner Nichte nur für Selbstmitleid im Familienkreis: "Wenn wir das mal büßen müssen, was wir hier machen, dann geht es uns ganz schlecht." Dabei wurde ein Sechstel (!) aller beim Holocaust ermordeten Juden im Laufe der Auschwitzer Dienstzeit des Adolf Barthelmäs über seine Dienststelle und durch sein Zutun der Vernichtung zugeführt.

Dass dieser Mann nie zur Verantwortung gezogen wurde, ja dass er bis heute völlig unbekannt ist, belegt, wie viel historische Forschungsarbeit über den Nationalsozialismus noch immer zu leisten ist.

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