Abschlachtprämien und Freibier

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Der Reformwillen der Landesregierung Mitte der 1960er-Jahre ist bis heute unerreicht. Seit 1966 regierte eine Große Koalition aus CDU und SPD und die war mit einer Gemeindestruktur konfrontiert, die sich seit Napoleons "Flurbereinigung" im deutschen Südwesten kaum mehr verändert hatte. Doch die Politik musste auf die großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen der Nachkriegszeit reagieren - und wollte das wie einst der große Feldherr mit einer Art Rundumschlag machen.

Wie ambitioniert das Vorhaben war, verdeutlichen die Pläne der Landesregierung für den damaligen Landkreis Crailsheim. Die Planung aus Stuttgart sah für diesen Kreis nur noch sieben Verwaltungsräume vor. Zu diesem Zeitpunkt existierten 58 selbstständige Gemeinden. Das künftige Crailsheimer Stadtgebiet hätte von der bayrischen Grenze bei Leukershausen bis Markertshofen und von Gröningen bis Stimpfach reichen sollen. 19 Gemeinden mit rund 35 000 Einwohnern wollte man Crailsheim zuschlagen. Dass es anders gekommen ist, ist auch schon wieder Geschichte, wie Stadtarchivar Folker Förtsch in seinem Vortrag beim heimatgeschichtlichen Abend anlässlich des Crailsheimer Stadtfeiertages in gewohnt eindrucksvoller Art und Weise berichtete.

Das Crailsheimer Stadtgebiet reicht heute nicht einmal zur Autobahn, obwohl Hellmut Zundel, frischgebackener Oberbürgermeister von Crailsheim und damit einer der Hauptprofiteure der Gemeindereform, zu gerne die Gemeinde vor den Toren seiner Stadt "kassiert" hätte. Im März 1973 war im Stadtblatt, dem Crailsheimer Amtsblatt, zu lesen, dass die Sicherung eines großen Industriegebietes auf Markung Satteldorf "das wichtigste Anliegen der Stadt Crailsheim im Rahmen der Gemeindereform" sei.

Doch daraus wurde nichts, weil sich die Satteldorfer mit aller Macht gegen die Eingemeindung stemmten. Und so ist das Verhältnis zwischen den beiden Kommunen bis heute nicht ganz spannungsfrei, schielen die schuldengeplagten Crailsheimer doch immer wieder etwas neidisch in Richtung des prosperierenden Gewerbegebietes an der A 6. Die dortige Industrie sorgt dafür, dass Satteldorf eine bestens ausgebaute Infrastruktur hat - und trotzdem keine Schulden. Immerhin hat Crailsheim den kleinen Ort Beuerlbach, der zu Satteldorf gehörte, einsacken können.

Der Vortrag des Stadtarchivars am Sonntagabend im Rathaussaal war so informativ wie unterhaltend. Beim Stichwort Stadtblatt ging er auf die beiden Protagonisten der Gemeindereform in Crailsheim ein: auf Hellmut Zundel, seit Anfang 1972 Oberbürgermeister der Stadt, und Werner Ansel, bis Ende 1972 Landrat des Landkreises Crailsheim.

Laut Stadtarchivar Förtsch war Ansel "ein grundsätzlicher Gegner der Verwaltungsreform". Ansel unterstellte Zundel, er sei nur auf persönliche Vorteile aus. Zundel wiederum warf dem Landrat vor, die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen. Die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Politikern lassen sich, so Förtsch, auch publizistisch sehr genau verfolgen. Förtsch wörtlich: "Zundel schuf sich mit dem Stadtblatt ein Presseorgan, in dem er seine Politik uneingeschränkt vertreten konnte und das er auch massiv zu diesem Zweck einsetzte." Demgegenüber habe das Hohenloher Tagblatt "alle Seiten zu Wort kommen lassen", aber auch seiner Skepsis gegenüber der Zundelschen Politik "immer wieder deutlich Ausdruck verliehen" und im Zweifelsfall eher der Position von Landrat Ansel ein Forum geboten.

Die (kritische) Distanz nicht nur zu den Oberbürgermeistern der Stadt, sondern auch zu allen anderen Akteuren der Kommunalpolitik ist ein Sachverhalt, auf den die Redaktion bis heute großen Wert legt. Für sie ist diese Distanz eine journalistische Selbstverständlichkeit. Das von Zundel ins Leben gerufene Stadtblatt dient bis heute den Crailsheimer Oberbürgermeistern als publizistische Bühne. Das machen auch ganz aktuelle Zahlen deutlich: Im Haushaltsplan 2013 kann man nachlesen, dass das Stadtblatt rund 400 000 (!) Euro im Jahr kostet und davon 165 000 Euro als Defizit an der Stadt hängen bleiben.

Für Heiterkeit im Saal sorgte der Stadtarchivar, als er von der sogenannten Abschlachtprämie, Freibier und widerständigen Dörflern in Franken, die ohne Zaubertrank auskommen mussten, erzählte. Um die Gemeindereform durchzusetzen, muss Geld fließen, das war der Landesregierung von Anfang an klar. Also bekamen die Gemeinden, die sich freiwillig zusammenschlossen, hohe Zuschüsse. Im offiziellen Sprachgebrauch war vom "goldenen Zügel" die Rede, der Volksmund war da etwas derber in der Formulierung und sprach von einer "Abschlachtprämie".

Das wiederum war ganz im Sinne von Landrat Ansel, der, als es um die Eingemeindung von Tiefenbach ging, sagte, dass die zugesagte Installierung von Ortschaftsräten "der größte Schwindel" sei. Und, einmal in Rage, holte Ansel zum verbalen Rundumschlag aus: "In Tiefenbach lachen ja die Hühner, da darf alle neun Jahre einmal der Ortschaftsrat die Jagd verpachten." Und weiter: "Der Ortsvorsteher hat eine Funktion, bei der er sich schämen muß, daß er überhaupt noch Geld kassiert für die Dinge, die er machen darf!". Das war unsachlich, und Friedrich Lober, heute Ortsvorsteher von Tiefenbach, muss sich nicht seines Amtes oder für seine Arbeit schämen.

Aber die Auseinandersetzung zwischen Zundel und Ansel steht exemplarisch für die Lager- und Frontenbildung in den Jahren bis 1975. Widerstände mussten mit "goldenen Zügeln" und anderen Verlockungen überwunden werden. Doch die Zuschüsse sorgten nicht überall für Meinungsumschwünge. Es gab nicht nur in Gallien ein unbeugsames Dorf, sondern auch im württembergischen Franken. In Goldbach waren Bürgermeister Hans Schuster und sein Gemeinderat wild entschlossen, sich nur "gesetzlichem Zwang" zu beugen.

Weil die Goldbacher nicht wie die Gallier auf einen Zaubertrank zurückgreifen konnten, fügten sie sich 1975 zähneknirschend ihrem Schicksal und ließen sich eingemeinden. Aber in einer Anhörung kurz zuvor setzten sie nochmals ein Zeichen und stimmten mit mehr als 70 Prozent gegen die angedrohte Zwangseingemeindung. Was Hans Schuster später nicht daran hinderte, als Vorsitzender der CDU-Gemeinderatsfraktion im Gemeinderat kräftig in der Crailsheimer Kommunalpolitik mitzumischen.

Wie widerwillig die Goldbacher die Eingemeindung über sich ergehen ließen, machte auch die Eingemeindungsfeier deutlich. In deren Verlauf protestierten jungen Menschen aus dem Dorf noch einmal. Symbolisch beerdigten sie die Eigenständigkeit Goldbachs, indem sie einen Sarg auf die Bühne schafften, auf dem zu lesen war: "Opfer der Gemeindereform".

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