"Lernen ohne Druck"

Die Grund- und Werkrealschule Rot am See gehört bald der Vergangenheit an. Die Gemeinschaftsschule kommt. Damit ist die Gemeinde Vorreiter im Landkreis. Rektor und Bürgermeister sind überzeugt vom Konzept.

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  • Im Regal liegen die "Lernjobs" - also Arbeitsblätter - für die Fächer Mathe, Deutsch und Englisch. Eine Kompetenz kann auf drei unterschiedlichen Niveaustufen erworben werden. Die Schüler greifen selbstständig zu. 1/4
    Im Regal liegen die "Lernjobs" - also Arbeitsblätter - für die Fächer Mathe, Deutsch und Englisch. Eine Kompetenz kann auf drei unterschiedlichen Niveaustufen erworben werden. Die Schüler greifen selbstständig zu.
  • Bürgermeister Siegfried Gröner: "Maßlose Kritik ist fahrlässig." 2/4
    Bürgermeister Siegfried Gröner: "Maßlose Kritik ist fahrlässig."
  • Schulleiter Oliver Grau: "Klassenverband ist uns extrem wichtig." 3/4
    Schulleiter Oliver Grau: "Klassenverband ist uns extrem wichtig."
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Psst, nur flüstern ist erlaubt. Die Klasse 6 hat gerade eine IL-Stunde. IL, das steht für individuelles Lernen und heißt: Schüler bearbeiten selbstständig Aufgaben in Mathe, Deutsch oder Englisch. Im Regal liegen die Lernblätter verschiedener Niveaustufen, daneben hängen Zettel mit der Information, was bis zur nächsten Klassenarbeit erledigt sein sollte. Wer gerade Lust auf Zahlen hat, macht Mathe, während der Nebensitzer vielleicht gleichzeitig an den Englischkenntnissen feilt. Zwei Lehrer sind dabei und stehen beratend zur Seite, auch Lernen im Tandem ist erlaubt. Es ist ruhig im Klassenzimmer, flüsterleise eben.

An der Schule in Rot am See ist die neue Form des Lernens längst Alltag. Um Gemeinschaftsschule zu werden, musste schließlich ein umfassendes, fertiges Konzept vorgelegt werden. Vom kommenden Schuljahr an wird das Angebot schrittweise weiter ausgebaut.

Die Frage ist freilich: Nehmen die Eltern die Gemeinschaftsschule an? Es herrscht einige Verunsicherung, denn kaum jemand kann sich so recht etwas darunter vorstellen. Bürgermeister Siegfried Gröner ist erklärter Anhänger der neuen Schulform - und kritisiert Union und FDP für ihre ablehnende Haltung: "Die maßlose Kritik ist fahrlässig und sehr, sehr kurz gedacht", sagt er. Das klassische, dreigliedrige Schulsystem werde es über kurz oder lang nicht mehr geben, was auch die Politiker der bürgerlichen Parteien wüssten. Gröner empfiehlt: "Die Kritiker sollten sich einmal wirklich vor Ort umschauen."

Das HT hat genau das getan. Im Folgenden sollen die wichtigsten Fragen und Begriffe rund um die Gemeinschaftsschule in Rot am See geklärt werden.

Was ist die Grundidee der Gemeinschaftsschule?

Schüler werden nicht nach der viertenKlasse getrennt, sondern lernen weiter gemeinsam. Die frühe Weichenstellung entfällt. "Die Schüler können ohne Druck lernen, das ist das Entscheidende", sagt Rektor Oliver Grau. Aufgaben und Klassenarbeiten sind nach Niveau differenziert und mit einem, zwei oder drei Sternen gekennzeichnet. So soll jedem ermöglicht werden, in seinem Tempo, ohne Überforderung, zu arbeiten. Individuelles Lernen spielt an der Gemeinschaftsschule eine große Rolle, der klassische Frontalunterricht verliert an Bedeutung. Schwächere Schüler sollen von stärkeren profitieren - und umgekehrt, indem sie den Stoff durch eigenes Erklären besser verinnerlichen.

Welche Schulabschlüsse werden angeboten?

Grundsätzlich können an einer Gemeinschaftsschule der Hauptschulabschluss, die mittlere Reife und das Abitur gemacht werden - Letzteres allerdings nur bei entsprechender Schülerzahl, die in Rot am See kaum zu erreichen ist. Im Gegensatz zur Werkrealschule bietet die Gemeinschaftsschule den exakt gleichen Abschluss wie eine Realschule, mit denselben Abschlussprüfungen. In Rot am See unterrichten künftig Hauptschul-, Realschul- und Gymnasiallehrer.

Können Gemeinschaftsschüler auf andere Schulen wechseln?

Ja. Ein Wechsel ist jederzeit möglich. Allerdings muss ab der sechsten Klasse Französisch wählen, wer später ein allgemeinbildendes Gymnasium besuchen möchte.

Ist der Ganztagesbetrieb verpflichtend?

Nicht in den ersten vier Klassen. Ab der fünften Klasse ist die Gemeinschaftsschule eine gebundene, also verpflichtende Ganztagesschule. Schüler kommen dann montags, dienstags und donnerstags nicht vor 15.15 Uhr nach Hause. Ein vierter Nachmittag ist freiwillig.

Sind von 2013/14 an alle Schüler in Rot am See Gemeinschaftsschüler?

Nein, zunächst nur Schüler der Klassen 1 bis 5. Jahr für Jahr kommt eine Klassenstufe dazu.

Gibt es an der Gemeinschaftsschule keine Klassen mehr?

Doch. Zwar lernen die Schüler oft individuell, der Klassenverband aber bleibt. "Das ist uns extrem wichtig", sagt Grau. "Wir wollen ja nicht alle zu Individualisten erziehen." Dazu sollen auch Angebote wie die "Aktion mobbingfreie Schule" oder das "Project Adventure" (Erlebnispädagogik) beitragen.

Gibt es auch noch "ganz normale" Stunden?

Ja, es gibt weiterhin klassischen Unterricht. "Nur" sechs IL-Stunden pro Woche sind zunächst geplant - in den Hauptfächern. "Das Klima an der Schule ändert sich dadurch aber vollkommen", sagt der stellvertretende Schulleiter Joachim Kraft. "Die Schüler werden automatisch selbstständiger." Und natürlich muss auch Nicht-IL-Unterricht stärker differenziert sein als zum Beispiel in einer homogeneren Gymnasialklasse. Für Schüler mit ähnlichem Niveau gibt es Input-Stunden, die in ein Thema einführen.

Gibt es weiterhin Noten?

Ja, aber sie sind nicht mehr so zentral. Viel wichtiger als ein Zeugnis mit Zensuren ist an der Gemeinschaftsschule die regelmäßige Rückmeldung, die Schüler und Eltern alle sechs bis acht Wochen bekommen. Anhand eines Kompetenzrasters, das deutlich macht, was ein Schüler wann beherrschen sollte, zeigt es den aktuellen Leistungsstand an. "Ich kann mit einfachen Brüchen rechnen" steht da beispielsweise, verbunden mit der Bewertung. So ist immer klar, woran noch gezielt zu arbeiten ist und was schon recht gut funktioniert.

Kann man an der Gemeinschaftsschule sitzenbleiben?

Nein. Wer es zwischendurch schleifen lässt, wird dennoch versetzt. Er hat die Möglichkeit, Kompetenzen in individueller Lernzeit aufzuholen. In regelmäßigen Reflexionsgesprächen sind die Lehrer bestrebt, frühzeitig lenkend einzugreifen.

Info Die Schule Rot am See bietet einen Informationsabend für künftige Fünftklässler am kommenden Montag, 4. März, um 19.30 Uhr in der Aula an. Auch das Schulhaus kann dann besichtigt werden.

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