„Kooperation der Klugen“ vonnöten

Am Tempelhof präsentieren Vordenker und visionäre Praktiker beim dreitägigen Symposium innovative Ansätze für eine aufbauende und nachhaltige Agrarkultur.

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Die Lebensgemeinschaft Schloss Tempelhof versorgt sich weitgehend selbst mit Lebensmitteln. Sie will sich zu einem Modellbetrieb für eine zukunftsfähige Landwirtschaft entwickeln, die Ressourcen aufbaut, anstatt sie zu verbrauchen. Dazu wurde Anfang des Jahres das Forschungsvorhaben „aufbauende Landwirtschaft am Tempelhof“ ins Leben gerufen. Die Erforschung ganzheitlicher, naturkonformer Ansätze und innovativer Methoden zur Regeneration der Bodenfruchtbarkeit und Förderung der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft steht im Mittelpunkt.

Beim dreitägigen Symposium am Wochenende erhielten die aus ganz Deutschland angereisten Besucher jede Menge Input zum Thema. 17 Impulsreferate und ­Erfahrungsberichte von namhaften Landwirten, Gärtnern und Beratern beleuchteten verschiedene Aspekte einer regenerativen und nachhaltigen Landbewirtschaftung. An den Abenden konnten die Themen beim Austausch in Kleingruppen weiter vertieft werden.

Besonderes Augenmerk war dem Aufbau einer stabilen und fruchtbaren Humusschicht gewidmet. Biobauer Sepp Braun schwört dabei auf Vermehrung der Wurzelmasse im Boden. Er integriert Untersaaten und Baumreihen in seine Anbausysteme, praktiziert Mischfruchtanbau und experimentiert mit mehrjährigen Getreidesorten. Bodenbearbeitung betreibt er nur noch minimal und überlässt sie lieber den Heerscharen von Regenwürmern, die er durch aromatische Kräutermischungen im Zwischenfruchtanbau gezielt fördert.

Von seinen Erfahrungen von der Umstellung auf humusmehrende Landwirtschaft berichtete der konventionell wirtschaftende Landwirt Michael Reber aus Gailenkirchen. Stagnation in seinen Erträgen trotz steigendem Aufwand an Mineraldünger, chemischem Pflanzenschutz und hohem Anteil organischer Dünger sorgten dafür, dass er sich auf die Suche nach einer Weiterentwicklung des Anbausystems machte. Das Werkzeug für eine Neuorientierung gab ihm der Bodenkurs bei Friedrich Wenz und Dietmar Näser an die Hand. Näser arbeitet seit 15 Jahren mit Landwirten aller Produktionsrichtungen an der Praxis der Bodenbelebung und berichtete am Samstag aus seiner Tätigkeit. Er arbeitet eng mit Dr. Ingrid Hörner zusammen, die bei der Tagung über praxisnahe und kostengünstige Methoden zur Vitalisierung des Systems Pflanze und Boden referierte.

Die Tierärztin Dr. Anita Idel erläuterte die These ihres Bestsellers „Die Kuh ist kein Klimakiller“. Ihr Blick auf die großen Graslandschaften dieser Erde, die vor dem Einsetzen der Agrikultur von wandernden Weidetierherden bevölkert waren, zeigte auf, dass diese Lebensgemeinschaft die weltweit fruchtbarsten Böden hervorbrachte. Vor diesem Hintergrund brach Idel beim Grünland eine Lanze für ein nachhaltiges Weidemanagement, bei dem Kohlenstoff als Humus gespeichert werde. Dadurch werde die Atmosphäre entlastet und die Bodenfruchtbarkeit aufgebaut.

Gehölze in Ackerbau integriert

Für die Integration von Gehölzen im Ackerbau und in der Weidewirtschaft sprach sich der frei­berufliche Berater für nach­haltige Landnutzung, Agroforst­systeme und Permakultur-Designer Burkhard Kayser aus. Urs Mauk, einer der Betriebsleiter in der Gärtnerei am Tempelhof, der zum ­Tagungsauftakt eine Führung durch den landwirtschaftlich-­gärtnerischen Betrieb angeboten hatte, stellte das Landschaftsgestaltungselement „Keyline Design“ vor, bei der die Bodenbewirtschaftung Hand in Hand geht mit einer gleichmäßig nivellierten Wasserverteilung. Und Demeterlandwirt Klaus Strüber hat in einem achtjährigen Vergleichsversuch nachgewiesen, dass sich ein mit dem Pferdegespann bearbeiteter Boden besser entwickelt als bei Bearbeitung mit dem ­Traktor.

Alle Beiträge hätten genug Stoff für ein eigenes Seminar geliefert. Entsprechend groß war der Gesprächsbedarf in den Pausen und an den Abenden. Auch beim Podiumsgespräch mit Organisator und Moderator Stefan Schwarzer vom Tempelhof wurde auf Teilnehmerfragen eingegangen. Konsens herrschte darin, dass das gegenwärtige Agrar­system den Planeten auf Dauer ruiniere und es einer „Kooperation der Klugen“ bedarf, um die bestehenden Strukturen zu verändern, und, wie Sepp Braun es formulierte, eine „faire und ehrliche Partnerschaft mit der Natur“ aufzubauen, die auch den Bedürfnissen der Mitgeschöpfe gerecht werde.

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