"Hohenlohe von oben": Viel Platz für Gemeinschaft auf dem Tempelhof in Kreßberg

Tempelhof ist kein Dorf wie jedes andere. Das sieht und spürt man auf den ersten Blick - sei es aus der Vogelperspektive oder beim Spaziergang durchs Dorf. Hier reiht sich kein Einfamilienhaus an das nächste, sauber getrennt durch Gartenzaun oder akkurat gestutzte Hecken.

|

Tempelhof ist kein Dorf wie jedes andere. Das sieht und spürt man auf den ersten Blick - sei es aus der Vogelperspektive oder beim Spaziergang durchs Dorf. Hier reiht sich kein Einfamilienhaus an das nächste, sauber getrennt durch Gartenzaun oder akkurat gestutzte Hecken. Verschiedenste Bauwerke gruppieren sich um einen zentralen Naturplatz: ein Schloss mit Café, Werkstätten und Wirtschaftsgebäude, ein Gästehaus, eine Mehrzweckhalle und eine Kantine, Ställe und Gewächshäuser und natürlich Wohnungen in den unterschiedlichsten Formen.

Von den 100 Erwachsenen und 45 Kindern und Jugendlichen in der Gemeinschaft Tempelhof lebt jeder auf 24 Quadratmetern Privatwohnfläche. Laut Statistik bewohnt jeder Deutsche eine doppelt so große Fläche. Ein Dach über dem Kopf, ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl und ein Ofen - mehr braucht der Mensch nicht, um glücklich zu sein. Davon sind die Tempelhofer überzeugt.

Dem begrenzten Privatraum steht der große Gemeinschaftsraum gegenüber - das ganze Dorf gehört allen Bewohnern zusammen und wird von allen genutzt. "Man muss Dinge nicht besitzen, sondern Zugang zu ihnen haben", erklärt Agnes Schuster, Aufsichtsrätin der Schloss Tempelhof Genossenschaft. Seit die Gemeinschaft vor fünf Jahren das leer stehende Dorf gekauft hat, baut sie vorhandene Gebäude um, damit sich ihre Vorstellungen von einem Zusammenleben von Jung und Alt verwirklichen lassen.

Das Dorf wächst: Junge Familien siedeln sich an, betagte Eltern von Tempelhof-Bewohnern wollen ihren Lebensabend in der Gemeinschaft verbringen, die ersten Kinder wurden im Dorf geboren.

Nun wird mehr Wohnraum benötigt. "Die Vielfalt, die wir hier auf allen Ebenen haben, wollen wir auch in der Baukultur entwickeln", erklärt Jonas Dörfler, der sich im Bereich Siedlungsplanung und ökologische Dorfentwicklung engagiert. "Wir haben eine Checkliste für nachhaltiges Planen und Bauen. Sie ist Grundlage für die weitere Entwicklung des Dorfes, in dem einmal 300 Menschen Platz haben werden."

Zunächst ist geplant, das Zentrum zu verdichten. Zwei neue Häuser sind in Planung, sie werden von Baugruppen aus Familien, Paaren und Singles gebaut und von der Gemeinschaft mitgetragen: das eine eher klassisch als Mehrgenerationenhaus mit kleinen Privatzimmern und großen Gemeinschaftsräumen, das andere als experimentelles Bauprojekt. "Wir bauen Deutschlands erstes Earthship", sagt Roman Huber, Mitbegründer des Gemeinschaftsdorfes.

Das vom Amerikaner Michael Reynolds entwickelte Earthship ist ein Versorgungsbau mit Küche, Wohnzimmer und Sanitärräumen, der aus Recyclingmaterial gebaut wird, selbst Strom produziert, sein Wasser liefert, sich selbst heizt und seinen Abfall wiederverwertet. Zum Konzept gehört: so wenig Technik wie nötig und so viel Natur und Nachhaltigkeit wie möglich. Das Earthship ist Teil eines gedachten Gebäudekomplexes. Die "Zimmer" sind hufeisenförmig um das Versorgungsschiff herum in der Natur angesiedelt. Huber: "28 Menschen unserer Gemeinschaft, Singles, Familien, Kinder, Paare, alte und junge Menschen werden ihren Lebensmittelpunkt in den Gemeinschaftsraum verlegen und ihre persönlichen Rückzugsräume in den Bauwagen und Jurten finden." Die werden inzwischen sogar am Tempelhof gebaut: Nico Ratereng und Max Thulé fertigen mit ihrer Manufaktur Mowo Tempelhof mobile Bauten und Zirkuswagen mit Liebe von Hand.

Die Genehmigung für das Earthship liegt bereits vor, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Die künftigen Bewohner steuern die Hälfte der Baukosten bei, die andere Hälfte zahlt die Gemeinschaft. Sie sammelt Spenden und Material: Autoreifen für die tragenden Wände und bunte Glasflaschen für eine Mosaikwand werden für den Bau benötigt. Baubeginn ist Ende September, im Dezember soll das Earthship bezugsfertig sein.

Nicola und Stefan Schmidt werden mit ihren Kindern Ben (6) und Clea (4) einziehen. Als Schlafraum werden sie sich ein Jurtezelt bauen. "Ich möchte näher an der Natur wohnen und im Kreis mit Älteren und Jüngeren. Das ist für mich richtige Gemeinschaft", erzählt Nicola Schmidt. Probeweise hat die Familie schon einige Wochen in einem Rundzelt gelebt. "Das war eine wundervolle Erfahrung: Wohnen wie in einem Wollpullover - ein sehr angenehmes Gefühl." Die Kinder bewegten sich freier, die Erwachsenen halfen sich beim Kochen und der Kinderbetreuung. Durch das naturnahe Leben wurde außerdem der Umgang mit den Ressourcen bewusster, ergänzt Stefan Schmidt: "Wenn man Wasser zum gemeinsamen Kochplatz trägt, geht man viel bewusster damit um."

Der Tempelhof hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Viele Jahre war er Gutshof und Adelssitz. Das Lustschloss zeugt heute noch von dieser Zeit und bildet den historischen Kern. 1843 wurde der Tempelhof zu einer kirchlichen Kinderrettungs- und Erziehungsanstalt, zwei Jahre später kam eine Lehrerbildungsanstalt hinzu. 1922 erweiterte sich der Aufgabenbereich auf schwer erziehbare Fürsorgezöglinge. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam noch ein Altersheim hinzu. Von 1983 bis 2006 befand sich dort eine Einrichtung für Behinderte.

Bei allen Veränderungen, die die neuen Bewohner des Dorfes mitbringen, knüpfen sie doch an die alten Traditionen an. "Wir verstehen uns als soziales Dorf. Es ist für uns selbstverständlich, dass wir Raum für Jung und Alt und benachteiligte Menschen bieten", sagt Agnes Schuster. Vier vom Jugendamt zugewiesene Jugendliche leben derzeit mit Betreuungspersonen in Wohngruppen und nehmen am täglichen Dorfleben teil. Einer von ihnen hilft gerade mit, den Holzboden für die Jurte von Familie Schmidt zu bauen. Nein, ein Dorf wie jedes andere ist Tempelhof gewiss nicht.

"Hohenlohe von oben" in 14 Teilen: Von A wie Anglerparadies bis W wie Wellness

1. Teil / Samstag, 1. August:

Beerenobst so weit das Auge reicht (Gemeinde Wallhausen)

2. Teil / Mittwoch, 5. August:

Die A 6 als Lebensader (Satteldorf)

3. Teil / Samstag, 8. August: Ernte mit Bauer Hanselmann (Gerabronn)

4. Teil / Mittwoch, 12. August: Anglerparadies Storchenweiher (Fichtenau)

5. Teil / Samstag, 15. August: Die Outdoor-Puten vom Sternhof (Rot am See)

6. Teil / Mittwoch, 19. August: Oh, du schöne Jagst (Kirchberg)

7. Teil / Samstag, 22. August: Wiesenbach - kleiner Ort, große Firma (Blaufelden)

8. Teil / Mittwoch, 26. August: Energiewende in den Hirtenwiesen (Crailsheim)

9. Teil / Samstag, 29. August:

Eine Herberge im Schloss (Stimpfach)

10. Teil / Mittwoch, 2. September: Wellness im Muschelkalk (Langenburg)

11. Teil / Samstag, 5. September: Wohnen auf dem Tempelhof (Kreßberg)

12. Teil / Mittwoch, 9. September: Ein Schäfer und seine Herde (Frankenhardt)

13. Teil / Samstag, 12. September: Die Burgruine Leofels lebt (Ilshofen)

14. Teil / Mittwoch, 16. September: Barockes Bartenstein (Schrozberg)

Das große Finale mit weiteren Bildern: Samstag, 19. September

SWP

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

HT-Sommerserie "Hohenlohe von oben"

Mit der Serie „Hohenlohe von oben“ gehen wir vom 1. August bis 16. September auf eine Reise in alle Gemeinden des HT-Verbreitungsgebietes. Heraus kommen also 14 Teile, die wir immer samstags und mittwochs präsentieren.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Dauerbaustelle Kirche

Kirchen: Reformation ist immer. Deshalb sollen die Luther'schen These fortgeschrieben werden, und zwar an einem Bauzaun vor der Johanneskirche. weiter lesen