"Hinstehen statt wegducken"

Gedanken zum Sonntag von Pfarrer Karl-Heinz Kämpler von der Evangelischen Christusgemeinde Crailsheim.

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Ein kurzer Vers aus dem ersten Buch Mose ist für mich einer der wichtigsten Bibeltexte überhaupt. Von der Erschaffung des Menschen ist die Rede, davon wie Gott ihn sieht: "Zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau." Die Gattung Mensch besteht in Mann und Frau. Fertig.

Weitere Unterscheidungen werden nicht gemacht. Weder von Deutschen noch von Nicht-Deutschen, weder von Christen und Muslimen, noch von Juden und Hindus, weder von Reichen, noch Armen, noch Mächtigen und Machtlosen, sondern nur von Frau und Mann. Und das heißt: In Gottes Schöpfung gibt es keine weiteren Unterschiede.

Jeder Mensch, alle Menschen sind Ebenbild Gottes. Was bedeutet das? Das bedeutet auch, jeder Mensch muss so behandelt werden, dass seine Ebenbildlichkeit gewahrt bleibt. Einem Menschen die Ebenbildlichkeit zu nehmen - das geschieht immer da, wo ein Mensch zum Objekt gemacht wird, zum Mittel zum Zweck, zu etwas, mit dem ich nur meine Wünsche befriedige und meine Ziele erreiche.

Wenn wir so etwas beobachten, dass Menschen zum Mittel für den Zweck werden, sind wir gefordert, mutig für die Menschenwürde einzutreten.

Wenn wir mit offenen Augen durch unsere Stadt, unser Land und diese Welt gehen, werden wir viel entdecken, was nicht einfach so hingenommen werden darf.

Entwürdigend, dass so vielen, vor allem jüngeren Leuten, nur noch Arbeit zweiter Klasse angeboten werden: Leiharbeit, Mini-Jobs, Befristungen, Scheinselbstständigkeit - alles ohne ausreichenden sozialen Schutz, mit weniger Rechten und daher mit weniger Würde.

Vieles wäre noch zu sagen zum unbeschreiblichen Elend der Hungerleidenden in der ganzen Welt, zu den Konflikten im Nahen Osten, zur brutalen Gewalt in Afrika und zu der weltweiten Not der Flüchtlinge.

Entscheidend ist aber nicht, wo wir mutig werden für Menschenwürde, sondern dass wir es werden, wo immer es auch sei.

Lassen wir uns alle ermutigen, für Menschenwürde einzustehen. Werden wir zu Menschen, die hinhören statt weghören. Christinnen und Christen sollen hellhöriger werden. Hellhöriger werden für das leise Weinen eines Kindes, die verhaltene Klage eines alten oder kranken Menschen. Wir dürfen nicht auf Durchzug schalten bei Ausländerfeindlichkeit und rechtsradikalen Parolen, bei Beschimpfungen. Werden wir zu Menschen, die hingucken statt weggucken. Fast täglich begegnen wir versteckter oder gar offener Gewalt. Wir dürfen die Augen nicht verschließen bei Gewalt auf den Straßen, in Familien, bei Mobbing und Anmache im Betrieb. Bei Burn-out, wenn Menschen einfach nicht mehr können. Wir sollten hinsehen, wenn Menschen um uns herum arm und arbeitslos sind.

Werden wir zu Menschen, die hinstehen statt sich wegzuducken. Das ist sicher die größte Herausforderung. Anrennen, aufstehen gegen den Krieg und seine Handlanger, gegen menschenverachtenden Kapitalismus, gegen Korruption. Mutig für Menschenwürde, das bedeutet eine neue Kultur der Wahrnehmung und der Achtsamkeit zu entwickeln. Mehr noch: der Wachsamkeit, der prophetischen Kritik. Wir wollen Menschen sein, die miteinander die Fragen der Zeit bedenken. Menschen, die sich selbst und anderen nichts vormachen, die Fehler zugeben und um Vergebung bitten können.

Ich glaube: Christen können solche Menschen sein, die ihre eigenen Vorurteile bekämpfen, die das Leben anderer achten wie das eigene, die Andersartige verstehen wollen. Wir wollen Frauen und Männer sein, die sich nicht überschätzen. Menschen, die sich aber auch nicht unterschätzen. Menschen, die miteinander den Weg des Friedens gehen.

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