"Handeln war formal korrekt" - Schrozberger Zugunglück und die Folgen

Das Zugunglück vor zehn Jahren hat sich nicht nur in das Gedächtnis der Schrozberger Bürger eingebrannt: Überlebende Opfer und Einsatzkräfte treibt die verheerende Katastrophe bis heute um.

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Eine dramatischere Wende im Leben eines Menschen ist kaum denkbar: Als am Mittwoch, 11. Juni 2003, um exakt 12.03 Uhr zwei 70 und 80 Tonnen schwere Züge 800 Meter vor dem Bahnhof in Schrozberg mit unvorstellbarer Wucht aufeinanderprallen, verliert ein damals 44 Jahre alter Mann aus einem Dorf bei Dillingen an der Donau seine gesamte Familie: In den zerfetzten Trümmern der Waggons sterben seine 38 Jahre alte Ehefrau und seine drei Kinder im Alter von fünf, zehn und zwölf Jahren. Fassungslose Trauer legt sich damals auch über zwei Dörfer nahe Aschaffenburg und Miltenberg, wo die ebenfalls getöteten Zugführer im Alter von 33 und 35 Jahren wohnten.

Der 44-jährige Witwer (um dessen Leben die Ärzte in der Uni-Klinik in Würzburg tagelang kämpften) sowie weitere Opfer-Angehörige müssen dann zwei Jahre später im Ellwanger Landgericht einen damals 28 Jahre alten Mann ertragen, der als Fahrdienstleiter im Bahnhof in Schrozberg einen bis heute nicht nachvollziehbaren Fehler gemacht und damit die Katastrophe unausweichlich programmiert hatte: Er gab einem Regionalexpress aus Crailsheim auf der eingleisigen Strecke freie Fahrt, obwohl der Gegenzug aus Niederstetten noch nicht in Schrozberg eingetroffen war.

Als Angeklagter vor Gericht erklärte der Bahnbedienstete sein totales Versagen mit einer Verwechslung: Einen Güterzug, der kurz zuvor Schrozberg passiert hatte, habe er für den Gegenzug gehalten: "Mein Handeln war formal korrekt, aber auf einer falschen Grundlage" - auch diesen Satz müssen die Angehörigen der Opfer ertragen.

Der aus Kiel stammende Mann, der seit 2001 auf den Bahnhöfen in Blaufelden und Schrozberg eingesetzt wurde und wenig schmeichelhafte Beurteilungen von seinen Vorgesetzten erhielt ("Derzeit keine beruflichen Stärken erkennbar") erging sich bei dem Prozess, der für ihn mit einer milden Bewährungsstrafe von 18 Monaten endete, auch in zynischen Betrachtungen: "Wir schützen Menschenleben - das macht den Reiz dieses Berufs aus."

Auf die Anfrage bei der Bahn, ob der Mann nach wie vor in den Diensten des Unternehmens steht, gab es keine Antwort. Damals erklärte er, bei seinem Arbeitgeber auf "Bürokommunikation" umsatteln zu wollen.

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