"Grüß Gott" statt "Heil Hitler"

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Die Verweigerung des Hitlergrußes bezahlte der Gründelhardter Pfarrer Wilhelm Sandberger 1933 mit einer Art Berufsverbot. Der heutige Gemeindepfarrer Roland Silzle bespricht ein Buch von Helmut Goerlich, das sich mit dem Schicksal Sandbergers befasst.

Hitlergruß und Kirche", so ist ein kürzlich im Berliner Wissenschaftsverlag erschienenes Bändchen des im Ruhestand lebenden Juristen Helmut Goerlich überschrieben. Es beleuchtet die Situation eines Hohenloher Pfarrers im Jahr 1933, der mutig und gewissenhaft dem totalitären Staat widerstand. Der Gründelhardter Seelsorger Wilhelm Sandberger (1888 in Königsbronn geboren, 1957 in Korntal gestorben) weigerte sich im Spätsommer 1933, in der Schule und in der Öffentlichkeit mit dem Hitlergruß zu grüßen. Dem auf ihn ausgeübten Druck hielt er stand, wohl wissend, dass dies Konsequenzen haben kann. Als ihm die Verhaftung seitens der Gestapo drohte, ließ ihn die Kirchenleitung fallen. In einer Blitzaktion wurde er seines Amtes enthoben und zur "Erholung" in den Schwarzwald geschickt. Dem Geistlichen wurde verboten, das Dorf jemals wieder zu betreten. Obwohl die Gemeinde hinter ihm stand und sich für ihn einsetzte, wurde der mutige Pfarrer von der Kirchenleitung auch in späteren Zeiten nicht rehabilitiert.

Der bis zur Emeritierung an der Universität Leipzig lehrende Staats-und Kirchenrechtler Helmut Goerlich ist ein Großneffe des damaligen Gründelhardter Pfarrers. Er lässt im ersten Teil seines Buches "Hitlergruß und Kirche" zunächst einen weiteren Verwandten, Dr. Jörg F. Sandberger zu Wort kommen. In dessen Aufsatz werden die Ereignisse des Jahres 1933 nachgezeichnet.

Es begann im Spätsommer des Jahres, als sich Sandberger weigerte, anlässlich einer Ortsschulratssitzung mit dem Hitlergruß zu grüßen. In der Öffentlichkeit, auch in der Schule, zum Beispiel beim Betreten des Klassenzimmers, würde er dies auch künftig nicht tun, unterstrich er. Dies wurde dem damaligen Förster, der auch Ortsgruppenleiter der NSDAP war, bekannt. Es kam zu einem Gespräch im Pfarrhaus. In dessen Verlauf machte der Geistliche deutlich, dass er den neuen Staat wegen dessen Totalitätsanspruch nicht bejahen könne, auch nicht wegen der vom NS-Regime geschaffenen Glaubensbewegung "Deutscher Christen". Der Vorgang wurde dem damaligen Dekan Matthes in Crailsheim gemeldet. Dieser zeigte den Vorgang sofort in Stuttgart an und empfahl Sandberger schriftlich, er möge doch, wie er es selbst ja auch tue, mit erhobener Hand grüßen.

Doch Sandberger widersetzte sich und begründete seine Haltung in einem Brief theologisch. Er werde künftig - auch in der Schule - diesen Gruß nicht gebrauchen. Er könne dies mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, und werde gegebenenfalls auch die Konsequenzen dieser Haltung tragen. Der Brief wurde sofort nach Stuttgart geschickt, und Dekan Matthes bat um Weisung. Es wurde heftig telefoniert, wobei im Hintergrund bereits die nachbarschaftliche Stellvertretung in Gründelhardt besprochen wurde.

Dann ging alles sehr schnell. Die politische Polizei (Gestapo) hatte Wind von der Sache bekommen, drohte, den Geistlichen in Schutzhaft zu nehmen, wenn der Oberkirchenrat ihn nicht unverzüglich aus dem Amt entlässt. So kam es, dass wenige Tage nach seinem Verweigerungsbrief Sandberger von der Kirchenleitung mit sofortiger Wirkung des Amtes enthoben wurde. Auch die weiteren Forderungen der Gestapo wurden erfüllt. Der ganze "Fall" wurde von der Landeskirche nahezu widerspruchslos hingenommen.

Nicht jedoch von der Gemeinde Gründelhardt. Die Frau des Oberlehrers organisierte eine Unterschriftensammlung für ein Gesuch an den Oberkirchenrat. Darin wird um die Rückkehr des Ortsgeistlichen gebeten. Über 200 Gemeindeglieder unterschrieben, eine erstaunlich große Zahl! Die örtliche NSDAP hat es allerdings zu verhindern gewusst, dass der Brief den Oberkirchenrat erreichte. Erst nach dem Krieg, im Jahr 1945, hat der Oberlehrer Hofmann dieses Dokument an den Oberkirchenrat geschickt, verbunden mit der Bitte um die Wiedereinsetzung Sandbergers ins Gründelhardter Pfarramt. Dazu konnte sich die Kirchenleitung freilich nicht durchringen. Im zweiten Teil des Bändchens schildert Goerlich den Fall Sandberger aus rechtlich- historischer Perspektive als Testfall eines christlichen Zeugnisses gegen den totalen Staat. Der allgemeine kirchenpolitische Hintergrund und die Umstände des Verhältnisses zwischen Staat und Landeskirche zu Beginn des Nationalsozialismus kommen dabei zur Sprache. Das deutsch-nationale Element in den Landeskirchen war so stark ausgeprägt, dass in der Phase der ersten Anpassung hellsichtige Pfarrer "geopfert" wurden.

In einem Rückblick wird auf die Verwurzelung der Familie Sandberger in der Region hingewiesen. So war ein direkter Vorfahre der erste württembergische Amtmann in Ellwangen und Gründer des dortigen Kinder- und Jugenddorfs der Marienpflege. Der Großvater von Wilhelm Sandberger versah 36 Jahre Dienst in der benachbarten Pfarrei Honhardt. Sein Vater wurde dort geboren und pflegte auch, als er seinen Lebensabend im Gründelhardter Pfarrhaus verbrachte, ein freundschaftliches Verhältnis zum Nachbarort. Mit der politisch angeordneten Verbannung aus der Pfarrei des Dorfes Gründelhardt endete eine mehr als hundertjährige Familientradition in dieser Region.

Im Folgenden geht der Autor der Entstehung und Bedeutung des deutschen Grußes nach. Der Totalitätsanspruch des NS-Staates unter Adolf Hitler kam rasch und in der Tat durch diesen Gruß zum Ausdruck. Mit dieser Grußformel ging keine Anrufung Gottes einher, die die Verbindlichkeit des Grußes hätte einschränken können. Vielmehr gleicht der so geübte Gruß einem Eid, der uneingeschränkt und ohne Zusatz Geltung und Verpflichtung beansprucht. Dass ein Mann der Kirche diesen Gruß nicht akzeptieren konnte, erscheint einsichtig. Wenn der Hitlergruß wie ein Eid keine Grenze kennt, ist auch seine Verweigerung ein umfassender rigoroser Akt und somit natürlich eine Infragestellung des Staates.

Erstaunlich, dass eine Landeskirche recht früh den Erlass zum deutschen Gruß verfügt und damit gerade erst staatlich formuliertes Recht für ihren Bereich anstandslos übernimmt. Ebenso erstaunlich erscheint aber, dass der totalitäre Charakter des Regimes und seines Grußes nicht häufiger zu Verweigerungen führte. Überlegungen zur damaligen und heutigen Verfassungssituation von Religion und Staat führen immer wieder eng an das Schicksal des Großonkels heran und lassen beim Verfasser eine emotionale Spannung erkennen.

Am Schluss seiner Ausführungen bezeichnet er den "Fall Wilhelm Sandberger" als ein Lehrstück - im Licht der Gewissenentscheidung eines Einzelnen. Aber eben auch, weil die damalige Kirchenleitung nach 1945 den Willen der Kirchengemeinde auf Rückkehr ihres alten Ortspfarrers administrativ unterdrückt und somit einen peinlichen Stillstand dem Willen einer lebendigen Gemeinde vorgezogen hat.

Im ausführlichen Anhang der Schrift finden sich Teile des Schriftverkehrs des Ortsgeistlichen mit dem damaligen Dekan und dem Oberkirchenrat. Auch ein Brief an das Dekanat ist zu finden, in dem von Beanstandungen an zwei Geistlichen des Bezirks durch die Ortsleiter der NSDAP die Rede ist. Die erste Beanstandung galt Sandberger und dessen Ablehnung des Hitlergrußes. Der zweite Störenfried war der Nachbarpfarrer Messner in Honhardt. Er sei, so heißt es, wie der dortige Bürgermeister leider kein Nationalsozialist, es seien dort vielmehr Miesmacher und Pessimisten am Werk, und das Steuer müsse nun herumgerissen werden. Nach einer Aussprache mit dem Ortsgruppenleiter wurde die Sache seitens der Partei als bereinigt betrachtet. Man möge, so heißt es sogar, "des weiteren die Nennung seines Namens als nicht erfolgt" betrachten. Es bleibt die Frage, warum Dekan Matthes in Crailsheim die Angelegenheit nicht als erledigt betrachten konnte. Sofort und wohl ohne Not wurde auch dieser Vorgang an den Oberkirchenrat in Stuttgart gemeldet.

Liest man die Briefe, die am Ende des Buches im Anhang abgedruckt sind, gewinnt man den Eindruck, dass Wilhelm Sandberger ein mutiger, ein prinzipientreuer, ein politisch interessierter Mensch war, der offene Worte zur politischen und militärischen Lage nie gescheut hat - auch nicht nach seiner Entlassung, als er gesundheitlich stark angeschlagen war. Sandberger, so heißt es in einem der Nachrufe von 1957, sei ein Mensch von sehr eigener Prägung gewesen. Er, der Hellsichtige, habe, als sich auch in der Kirche fast alle von Hitlers Bewegung blenden ließen, als einziger württembergischer Pfarrer kategorisch den Hitlergruß verweigert und dafür mit dem Verlust seines Amtes bezahlt.

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