Buchvorstellung: „Die Akte Glyphosat“ im Schloss

Seine Deutschland-Premiere erlebte kürzlich ein neues investigatives Buch  des österreichischen Biochemikers Helmut Burtscher-Schaden mit einer Lesung in Kirchberg.

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Im Gespräch mit MdL Jutta Niemann (Grüne) stellte Helmut Burtscher-Schaden in Kirchberg sein brisantes Buch über „Die Akte Glyphosat“ vor.  Foto: 

Rund 50 interessierte Zeitgenossen waren der Einladung zur Veranstaltung über ein sehr brisantes Thema gefolgt, die auf Einladung des Kirchberger Bundestagsabgeordneten Harald Ebner zustande kam. Seit Jahren erhebt der Grünen-Politiker seine Stimme gegen den Einsatz des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat, das im Verdacht steht, Krebs und Missbildungen bei Mensch und Tier zu verursachen.

Ebner hat dadurch eine weltweite Diskussion mit entfacht, die immerhin bewirkte, dass der umstrittene Wirkstoff im Sommer vergangenen Jahres von der EU-Kommission nicht wie geplant für weitere 15 Jahre wiederzugelassen wurde, sondern lediglich um zunächst nur eineinhalb Jahre. Ende 2017 sollen die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union entscheiden, ob Glyphosat für weitere zehn Jahre in der EU zugelassen wird oder nicht.

Als „aufrechten Kämpfer gegen Dinge, die wir nicht brauchen“, würdigte Gastgeber Rudolf Bühler, Vorsitzender der Stiftung Haus der Bauern, Harald Ebner in seinem Grußwort. Glyphosat stehe für eine agrarindustrielle Landwirtschaft, die „in Kumpanei mit der chemischen Industrie“ Profite mache und dabei unsere natürlichen Lebensgrundlagen zerstöre, kritisierte Bühler.

Für den verhinderten Kirchberger Abgeordneten übernahm die Grünen-Landtagsabgeordnete Jutta Niemann die Moderation und führte das Gespräch mit dem Autor und Glyphosat-Experten der österreichischen Umweltorganisation Global 2000.

Helmut Burtscher-Schaden geht in seinem neu erschienenen Sachbuch der Frage nach, wie die zuständigen Zulassungsbehörden jahrzehntelang in denselben Tierstudien „keine Hinweise“ auf eine krebserregende Wirkung von Glyphosat erkennen konnten, in denen Krebsforscher der Weltgesundheitsorganisation WHO sehr wohl „ausreichende Belege“ dafür fanden. Für die Bürger Europas ergibt sich damit ein äußerst verwirrendes Bild: Wie können Gesundheitsbehörden beim weltweit meist eingesetzten Pestizid zu derart widersprüchlichen Einschätzungen kommen?

Auf der Suche nach Antworten recherchierte Burtscher-Schaden in US-amerikanischen Behörden-Archiven der 1970er- und 80er-Jahre und analysierte die verfügbaren Dokumente aus dem gegenwärtigen europäischen Zulassungsverfahren. Die Details, die er rund um die geheimen Studien der Hersteller ans Licht bringt, eröffnen erschreckende Einblicke in Verstrickungen zwischen chemischer Industrie, privaten Prüfinstituten und Regierungsbehörden und entlarven ein System inakzeptabler Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Pestizidherstellern und Untersuchungslabors, das die Hersteller unterstützt, Gefahren und Risiken ihrer Produkte herunterzuspielen. Mit seinen chronologischen Einblicken in Studienergebnisse, Behörden- und Gerichtsakten belegt der Autor, dass die Persilscheine zur Unbedenklichkeit von Glyphosat nur deshalb ausgestellt wurden, weil gültige wissenschaftliche Regeln umgangen, kritische Befunde übersehen oder gleich politisch Einfluss auf die Entscheidungen genommen wurde.

„Bewertung neu aufrollen“

Dass es auf der Basis einer solch fahrlässigen Risikobewertung keine Glyphosat-Neuzulassung mehr geben könne, darin waren sich Referent, Moderatorin und Zuhörerschaft einig. In der abschließenden Diskussion wurden die Möglichkeiten der Zivilgesellschaft erörtert, diese Missstände zu ändern. Als einer der sieben Initiatoren der Europäischen Bürgerinitiative „Stopp Glyphosat“ ermutigte Burtscher-Schaden die Besucher, sich einzumischen und Klage zu erheben. Die grüne Bundestagsfraktion erhebt laut Niemann die Forderung an die EU-Kommission, die Glyphosat-Bewertung komplett neu aufzurollen und das zuständige Personal auszutauschen.

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