"Das Leben ist chaotisch"

Das ökumenische Winterseminar des Evangelischen Bauernwerks hat sich nochmals mit dem Thema Arbeit befasst. Im Europasaal in Wolpertshausen ging es um die Balance zwischen Freizeit und Arbeitszeit.

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Bildungsreferentin Veronika Grossenbacher begrüßt Professor Hans Pongratz aus München. Sein Vortrag dreht sich über die Arbeit. Foto: Claudia Kern-Kalinke

Die Vortragsreihe des Evangelischen Bauernwerks Hohebuch steht unter dem Motto "So viel du brauchst". Wie viel Arbeit braucht der Mensch denn? Arbeiten wir, um zu leben oder leben wir um zu arbeiten?

"Arbeit bleibt zwar eine Notwendigkeit, der Sinn des Lebens liegt jedoch im Leben, nicht in der Arbeit", lautete das Fazit von Professor Hans Pongratz aus München. Die viel beklagten Zwänge im Alltag seien oft selbstgemacht.

Uwe Wackler vom Bezirksarbeitskreis Schwäbisch Hall befasste sich mit solchen Alltagszwängen. Seine Schilderung vom alljährlichen Silieren Anfang Mai entbehrte nicht einer gewissen Komik. Es ging um die Aufregung schon Tage zuvor, wenn das Wetter passt, aber der Lohnunternehmer erst Zeit hat, wenn wieder Regen angesagt ist. Dann kommen noch Ereignisse in der Familie dazwischen. Das setzt den Milchbauern unter Stress.

Die zahlreichen Landwirte im Saal hätten weitere Beispiele aus der Praxis beitragen können, während der Vortrag von Professor Pongratz eher theoretisch blieb. "Aber in der Wissenschaft wird eben sortiert, geordnet und verallgemeinert", erklärte der Soziologe. Er holte aus und erinnerte an frühere Zeiten, als man Arbeit noch vermeiden wollte. "Heute sucht man sie."

Er unterschied zwischen einfachen Lohnarbeitern, die weitgehend fremdbestimmt sind, Angestellten mit Leistungssicherung, die professionelle Standards erfüllen müssen sowie dem Arbeitskraftunternehmer, der selbständig seine Aufgaben erfüllt, meist in selbstorganisierter Projektarbeit. "Die hängen sich oft so rein, dass sie die eigenen Grenzen nicht mehr spüren und der Burn-out droht."

In der Arbeit des Landwirts sieht Pongratz Chancen und Risiken. Das Arbeitsumfeld mit Natur und Familie und dem Ziel der Nahrungsgewinnung gebe dem Leben Sinn. Andererseits könne die Familie auch betriebliche Hemmnis sein und die Abhängigkeit vom Wetter zur psychischen Belastung werden.

In der anschließenden Fragerunde war noch viel von den äußeren - oder doch eher inneren - Zwängen die Rede und wie man ihnen entgehen kann: Auszeiten nehmen, in denen man nicht an die Arbeit denkt sowie auf die strikte Trennung von Arbeit und Freizeit achten, riet der Soziologieprofessor. "Das geht auch gut im Gottesdienst", ergänzte Uwe Wackler.

"Brauchen wir eigentlich die ständige Dokumentation und Bewertung aller Vorgänge?", lautete eine Frage aus dem Publikum. "Das wird gemacht, weil man mit der EDV die technische Möglichkeit hat", antwortete Pongratz. Er konnte aber die permanenten Kontrollversuche nicht gutheißen: "Das Leben ist halt chaotisch, es kann nicht alles geordnet werden."

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