"Am falschen Ende gespart"

Jobcenter und Arbeitsagenturen schöpfen ihre Fördermittel nicht aus. Leidtragende seien arbeitslose Menschen, für die es umso schwieriger sei, wieder in Arbeit zu kommen, sagt Wolfgang Sartorius.

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Auch die Arbeitsagentur Schwäbisch Hall-Tauberbischofsheim hat im vergangenen Jahr nicht alle zur Verfügung stehenden Fördergelder für Existenzgründer ausgeschöpft. Im Bild sind Fliesenleger zu sehen. Archivfoto: Handwerkskammer

"Hier wird am falschen Ende gespart", stellt der Leiter der Sozialeinrichtung Erlacher Höhe aus Großerlach fest. Wolfgang Satorius beruft sich auf einen Bericht der Süddeutschen Zeitung. 2012 sind demnach für Eingliederungsmaßnahmen für Arbeitslose 900000 Euro weniger eingesetzt worden, als eigentlich zur Verfügung standen. Laut Sartorius ist die Pro-Kopf-Förderung seit 2010 von 1370 Euro auf rund 900 Euro zurückgegangen.

"Dass die Jobcenter Gelder zurückgeben, ist für uns ein Hinweis, dass sie mit dem Geld nicht offensiv umgehen. Aus unserer Sicht hat das System", stellt er fest. Die Sparmaßnahmen gingen von ganz oben vom Vorstand der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg aus. Die Bewilligungspraxis habe sich sehr geändert, das habe er auch von Mitarbeitern des Haller Jobcenters erfahren. Obwohl die Arbeitslosigkeit in Hall sehr niedrig ist, würde sich die zurückhaltende Vergabe von Fördermitteln auch hier auswirken.

Dem Geschäftsführer der Haller Arbeiterwohlfahrt Werner Hepp ist aufgefallen, "dass Träger häufig Probleme haben, ihre Angebote für Arbeitslose zu refinanzieren". Wenn gleichzeitig Fördergelder nicht ausgeschöpft werden, werfe das Fragen auf, die in den zuständigen Gremien besprochen werden sollten. Hepp will das Thema in der nächsten Sitzung des Haller Jobcenter-Beirats anschneiden.

Wenn nicht alle Mittel ausgeschöpft werden, liege das an der niedrigen Arbeitslosigkeit im Bereich der Haller Arbeitsagentur, erklärt dagegen Roland Rößler, Geschäftsführer des Haller Jobcenters, das für die Hartz-IV-Empfänger zuständig ist. Seine Behörde sei dazu verpflichtet, Fördermittel sparsam und wirtschaftlich einzusetzen, betont Rößler. Pauschale Maßnahmen gebe es nicht. Vielmehr komme es darauf an, welche Voraussetzungen der Kunde, also der Arbeitslose, habe. Entscheidend sei etwa, welche Unterstützung jemand schon erhalten hat und ob er für bestimmte Qualifizierungen geistig und körperlich in der Lage ist. "Für unterschiedliche Personen haben wir ganz unterschiedliche Maßnahmen", stellt er fest. Oft müssten die Menschen erst wieder lernen, ihren Tag mit Arbeit zu strukturieren. Dafür gebe es die sogenannten Arbeitsgelegenheiten ("Ein-Euro-Jobs"). Um die Betreuung der Kunden zu verbessern, sei das Personal aufgestockt worden. Mit 30 Fachkräften sei man im Landkreis Hall gut aufgestellt.

Stefan Gutfreund, Leiter der Haller Agentur für Arbeit, weist darauf hin, dass 2012 mehr Arbeitsuchende an Qualifizierungsmaßnahmen teilgenommen haben, als im Jahr zuvor. "Und das, obwohl die Arbeitslosigkeit gesunken ist", stellt er klar. Es sei aber richtig, dass sie in bestimmten Bereichen, etwa beim Gründungszuschuss für Existenzgründer, nicht alle Mittel ausgeschöpft hätten. Grund sei eine Gesetzesänderung: Den Zuschuss erhielten nur noch Personen, die keine Chance auf eine Anstellung hätten und sich deshalb selbständig machen wollen. "Wenn jemand einen Friseurladen eröffnen will und es gleichzeitig freie Stellen für Friseure gibt, zahlen wir nicht", gibt er als Beispiel.

Der gute Arbeitsmarkt habe dazu geführt, dass weniger Eingliederungszuschüsse an Arbeitgeber gingen. "Wenn die Unternehmen Mitarbeiter suchen, ist Geld vom Arbeitsamt unnötig", so Gutfreund. Für 2013 hätten sie genügend Gelder, um Qualifizierungsmaßnahmen etwa für Arbeitssuchende ohne Abschluss zu finanzieren. "Unser Ziel ist es, Fachkräfte für den nächsten Aufschwung zu schaffen", erklärt er.

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