"Wohltuend, nicht schreierisch"

Wie ein Sachse den Kreisliberalen wieder zum aufrechten Gang verhilft

Schwäbisch Hall.  Nach Außenminister Guido Westerwelle im vergangenen Jahr präsentierte die Kreis-FDP heuer zum Neujahrsempfang den stellvertretenden Bundesvorsitzenden Holger Zastrow - einen Freund klarer Worte.

Eine Gemeinheit der CDU - so bewerteten die Kreisliberalen die neueste Hiobsbotschaft, die sie schlucken mussten. An der Saar zerbricht die Koalition - nicht wegen der Grünen, sondern wegen der FDP, und das ausgerechnet an Dreikönig, wo die Liberalen zum traditionellen Empfang nach Stuttgart laden und der Kreisverband Schwäbisch Hall zum Neujahrsempfang. Die Präsenz einiger Konservativer beim Empfang in der Haller Hospitalkirche zeige, dass wenigstens hierzulande die CDU noch zu den liberalen Partnern stehe, beeilte sich der FDP-Landtagsabgeordnete Friedrich Bullinger zu betonen. Der Dreikönigstag scheint unter einem schlechten Stern zu stehen. Vor genau einem Jahr wurde am Stuhl des damaligen Parteichefs Guido Westerwelle gesägt - in Stuttgart hatte er die Rede seines Lebens halten müssen und sprach danach wortgewaltig in Ilshofen. Jetzt - nach mehreren Rücktritten an der Bundesspitze - wollen die Kreisliberalen von der Bundespartei gar nichts mehr wissen. Nichts zur Lage in Berlin, sagte Kreisvorsitzender Stephen Brauer bewusst, "denn sonst müsste ich mich im neuen Jahr schon wieder aufregen".

Und doch: Das "Wir werden liefern", das der neue Vorsitzende Philipp Rösler "hinausposaunt" hatte, wurmt ihn noch. "Das genügt nicht", schimpfte Brauer und mahnte an, man könne ja mal "mit der Umsetzung des Koalitionsvertrags beginnen." Wenn in Berlin der Wind weht, "dann tut man sich in den Ländern schwer, zu strampeln", klagte Bullinger. Gerade weil die Bundespartei der liberalen Basis so viel Kummer bereitet, hatte der Kreisverband den sächsischen Landtagsabgeordneten Holger Zastrow eingeladen, "einen Freund deutlicher Worte", wie Brauer ihn nannte.

Warum aber die FDP im Ländle, das für die Sachsen stets Vorbild gewesen sei, die Regierungsbeteiligung verliert, wo doch kein anderes Land so gut dastünde, "das kann mir keiner erklären", sagte Zastrow. Die Sachsen nämlich hätten immer alles so gemacht, wie es die Baden-Württemberger vorexerzierten. Diese seien Geburtshelfer seines Landes gewesen, "ihre besten Leute sind jetzt bei uns". Zastrow versteht es nicht: "Wie satt muss dieses Land sein, dass man sich diese Regierung leisten kann?" Das gefiel - streichelte er doch das angeschlagene Ego der Liberalen im Südwesten, wo jetzt die Grünen regieren.

Dabei folgt auch Zastrow der liberalen Mode, den Medien die Schuld zuzuweisen. Doch er kommt zur Erkenntnis: Die jetzige Misere sei das Ergebnis zweier miserabler Jahre. "Trotz des Kampagnenjournalismus haben wir diese Quittung zu Recht bekommen."

Mit der Bundestagswahlhabe die FDP eine Chance verpasst. Und nun vergesse sie, für ihre Ziele zu kämpfen. Doch genau das wolle der Wähler, "und nicht in vorauseilendem Gehorsam vor der Kanzlerin einknicken". Schlimmer noch: "Wir haben den Kompass verloren." Eine unangenehme, aber ehrliche Analyse, die den Zuhörern gefiel. Gerade weil der seriös wirkende Zastrow weder ein Marktschreier noch ein Bubi ist, fiel er aus dem Rahmen - und half den Kreisliberalen, sich am Feuer des Freiheitsgedankens zu wärmen. "Wir haben Mut gefasst", bedankte sich FDP-Mitglied Dieter Breitner. "Das war wirklich wohltuend und nicht schreierisch."


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Autor: KARSTEN DYBA | 09.01.2012

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