Stammhaus muss weg

Schwäbisch Hall.  Schon zum Start des Klinikneubaus soll das alte Stammhaus fallen. Der Neurenaissance-Bau gilt als Geburtshaus der Diakonie in Hall. Diak-Chef Hans-Joachim Lenke will aber die Auferstehungskirche erhalten.

"Wenn das Stammhaus abgerissen wird, geht das Gedächtnis des Diaks verloren", ist sich Stadtrat Reinhard Huppenbauer (Bündnis 90/Die Grünen) sicher. Er hat von 1956 bis 1963 auf dem Diak-Gelände als Sohn des Pfarrers gelebt. Eines der alten Krankenhausgebäude, das seinesgleichen im Süden sucht, sei in Gefahr. Und das im Jahr, in dem das 125. Jubiläum gefeiert wird.

Warum muss der historische Gebäudekomplex samt Kapellsaal und alter Johanniter-Kinderklinik fallen? "Aufgrund der Platzierung des Neubaus", erläutert Diakonie-Vorstandsvorsitzender Hans-Joachim Lenke. "Wir hätten ihn nicht weiter in den Hang bauen können." Das wäre viel zu teuer. Zudem steht das Stammhaus seit Jahrzehnten leer, es gibt kein Nutzungskonzept. Eine Sanierung wäre nicht zu finanzieren. Nun muss es weichen. Schon in der ersten Bauphase wird Platz für Kräne, Material und Baufahrzeuge benötigt. Derzeit wird der baurechtliche Rahmen für zwei große Klinikgebäude abgesteckt, die 200 Millionen Euro kosten. Am Montag behandelt der Bau- und Planungsausschuss Anregungen, die bei der Auslegung des Bebauungsplans und örtlichen Bauvorschriften eingingen.

"Es ist ein Antrag des Eigentümers", stellt Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim klar. Er macht aber keinen Hehl daraus, dass er die Klinik-Planung samt Abriss unterstützt. "Der Eigentümer hat uns nachdrücklich vermittelt, dass unter den jetzigen Rahmenbedingungen die Nutzung des Stammhauses unzumutbar wäre." Ein anderer Standort sei wirtschaftlich nicht zumutbar. Das sieht die Denkmalpflege anders. Im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens hat das Amt "erhebliche Bedenken" gegen den Abriss. Es wird ein Alternativkonzept gefordert. Denn das ganze Ensemble sei als Kulturdenkmal geschützt. Allerdings hat diese "Anregung" im jetzigen Stand des Verfahrens rechtlich wenig Gewicht. Der Gemeinderat kann sich zunächst über die Bedenken hinwegsetzen.

Wie gehts weiter? "Der Denkmalschutz ist kein absolutes Schutzgut", erläutert Peter Zaar, Pressesprecher des Regierungspräsidiums. Kommt es Spitz auf Knopf, wird am Ende das Regierungspräsidium abwägen: Denkmalschutz oder wirtschaftlicher Klinikbetrieb - was ist wichtiger?

In manchen Fällen wird gegen den Erhalt und für eine neue Nutzung gestimmt: In Hall wurde zuletzt ein Flügel des alten Knasts am Kocher geschliffen, um auf dem Gelände einige der Einkaufsimmobilien zu errichten. Noch ein Beispiel: Der erste Flügel des Hauptbahnhofs der Landeshauptstadt ist dem Projekt Stuttgart 21 gewichen. Auch er stand unter Denkmalschutz.

Vielleicht gibt es einen dritten Weg: Das Stammhaus wird verpflanzt. Drei bis fünf Millionen Euro würde es kosten, das Bauwerk ins Freilandmuseum nach Wackershofen zu versetzen, schätzt Museumsleiter Albrecht Bedal. Er räumt der Idee wenig Chancen ein. Das Freilandmuseum konzentriere sich auf den ländlichen Raum, das relativ große Stammhaus würde den dörflichen Charakter durchkreuzen.

Lenke versucht die Wogen im Diak zu glätten. "Es hat viele Gespräche gegeben. Eine alte Diakonisse hat mir gesagt: ,Wenn das Stammhaus nicht zu halten ist, müssen wir es eben abreißen." Je nach Größe des zweiten Bauabschnitts müsste auch die Auferstehungskirche weichen. Das wird überdacht. Lenke: "Die Kirche kann nach meinem Eindruck zum jetzigen Zeitpunkt nicht zur Disposition stehen."


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Autor: TOBIAS WÜRTH | 15.10.2011

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