König geht Kirche an Kragen

Schwäbisch Hall.  21. Februar 1812, gestern vor 200 Jahren: Die Haller Kirche muss tiefe Einschnitte verkraften. Aus fünf Pfarreien werden auf Befehl von König Friedrich I. drei. Auch im Jahr 2012 denkt die Kirche an Kürzungen.

In der Schwäbisch Haller Kirche hatte sich von der Reformationszeit bis ins 19. Jahrhundert kaum etwas geändert. Die evangelische Reichsstadt umfasste fünf Pfarreien. Acht Geistliche inklusive Dekan amtierten in Sankt Michael und Sankt Katharina, in der Hospitalkirche samt Nikolaikapelle, in Sankt Johann im Weiler sowie in der Urbanskirche. Nach der Reformation hatte der Haller Rat das bis dahin von Würzburg ausgeübte Bischofsrecht erfolgreich für sich beansprucht. Das Haller "Landkapitel" bildete eine Art Hällische Landeskirche, an deren Spitze der Magistrat über die Einhaltung der lutherischen Lehre wachte. Die Pfarrer kamen oft aus der akademisch gebildeten Oberschicht der Haller Bürgerschaft - Namen wie Seiferheld, Wibel, Gräter, Bonhöffer oder Haspel sind zahlreich vertreten.

Die Okkupation Schwäbisch Halls durch Württemberg 1802 beendete diese Eigenständigkeit. Die Pfarreien gehörten nun zur evangelischen Kirche Württembergs, an deren Spitze der Kurfürst und ab 1806 der König standen. Bis in das 20. Jahrhundert hinein blieb die Landeskirche Teil des Staatsapparats.

So war es König Friedrich I., der 1812 das Haller Kirchenwesen neu organisierte. Dass es hier zu viele Pfarrer gab, hatte er bereits deutlich gemacht. Nun sah er sich "allergnädigst bewogen, die Zahl der Geistlichen in Unserer Stadt Hall zu verändern" und dekretierte am 21. Februar die Aufhebung der Pfarreien im Spital, in Unterlimpurg und von Sankt Johann im Weiler. Die Zuständigkeit für die Bewohner des Spitals, der Armenhäuser und Unterlimpurgs ging an Sankt Michael, während der Katharinenpfarrer seinen Bereich um den Weiler und den Teurershof vergrößerte. Das zu Sankt Johann gehörende Gottwollshausen kam an Gailenkirchen. Vier Pfarrstellen entfielen, das geistliche Personal umfasste nun den Dekan, zwei Pfarrer an Sankt Michael und einen an Sankt Katharina. Die überzähligen Geistlichen wurden teils pensioniert, teils versetzt.

Unterschiedlich war das Schicksal der Kirchengebäude. Die Spitalkirche und die Nikolaikapelle fanden zunächst als Nebenkirchen Verwendung. Letztere musste 1835 einer Straßenverbreiterung weichen und wurde 1844 an anderer Stelle als Friedhofskapelle neu gebaut. Die Hospitalkirche blieb bis ins 20. Jahrhundert ein Gotteshaus und wird heute für Konzerte und Vorträge genutzt. Am schwerwiegendsten waren die Folgen für die gotische Johanniterkirche im Weiler. Sie fiel zwar nicht der Spitzhacke zum Opfer wie die Schöntaler Kapelle (1807) und Sankt Maria am Schuppach (1812), die man bereits vor 1802 nur noch sporadisch genutzt hatte. Sie diente aber ab 1816-mal als Lager, mal als Turnhalle, mal als Veranstaltungssaal. Die wertvolle Ausstattung ging weitgehend verloren. Erst die Nutzung für die Alten Meister der Sammlung Würth ab 2008 hat sie aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Ein ähnliches Schicksal drohte der Urbanskirche in Unterlimpurg. Statt abgerissen oder ausgeräumt zu werden, erhielt sie aber eine neue Bestimmung als Garnisonskirche für die evangelischen Angehörigen des ab 1817 auf der Comburg stationierten Ehren-Invalidenkorps der württembergischen Armee. Später diente sie den Steinbacher Protestanten. Auch dank des großen ehrenamtlichen Engagements ist sie bis heute ein Schmuckstück unter Halls Kirchen.

Info Autor Daniel Stihler ist Mitarbeiter des Stadtarchivs.


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Autor: DANIEL STIHLER | 22.02.2012

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