Fluss aus künstlichem Bett befreien
Landkreis. Angler und Naturschützer streiten seit Jahren über den Kormoran. Ein Projekt könnte beide einen: Die Forderung, den Kocher zu renaturieren. Der Fluss wurde vor Jahrzehnten vielerorts in einen Kanal verwandelt.
Leidenschaftlich diskutieren Angler und Vogelschützer über den Kormoran. Die einen sehen in ihm einen seltenen Vogel, die anderen einen Fischdieb (Bericht folgt). Horst Schneider und Dieter Bock vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) in Hall wollen ein Projekt vorantreiben, das Fischer und Vogelschützer einen könnte: Für den Kocher ein natürliches Ufer und Bachbett zu schaffen.
Beim flüchtigen Blick auf den Fluss, der idyllisch durchs Tal mäandert, könnte man denken: "Der Kocher ist Natur pur!" Weit gefehlt, argumentieren die Aktivisten vom Nabu: "Am Kocher wurden in den Nachkriegsjahrzehnten die Ufer mit Steinblöcken bis zu Schrankgröße befestigt, die jede natürliche Flussdynamik verhindern. Schätzungsweise 70 Prozent des Kocherabschnitts im Altkreis Schwäbisch Hall sind auf diese Weise verbaut. Heute ist Vegetation darüber gewachsen, aber es ändert nichts daran: Der Fluss ist in Wirklichkeit ein Kanal", schreibt Dieter Bock.
Wer mit dem Kanu den Bach hinunter fährt, erkennt: Es stimmt. Die Uferböschung besteht an vielen Stellen aus klotzigen Steinen. "Die Renaturierung des Kochers würde sowohl für den Naturschutz als auch für die Sportfischerei Verbesserung bringen. In einem intakten Fluss gibt es genügend Fische für Angler und Wasservögel", argumentiert der Nabu. Dann wäre auch die Diskussion über den "Profi-Fischer", den Kormoran, entschärft.
Manfred Böhm, Gewässerwart des Haller Fischzuchtvereins, will zwar den Konflikt über die aus seiner Sicht viel zu vielen Kormorane nicht einfach vom Tisch wischen. Er bestätigt aber: "Eine Renaturierung, das würden wir unterschreiben." Trotz der Konflikte mit den Naturschützern gebe es Gemeinsamkeiten: So hätten die Angler an der Bühler schon mal darauf verzichtet, ihre Köder auszuwerfen, um dem Eisvogel eine Chance zu geben.
Auch der Nabu besinnt sich auf Harmonie: "Im Landkreis Schwäbisch Hall besteht traditionell ein gutes Verhältnis zwischen dem Nabu und Sportfischern." So wurden Regenrückhaltebecken verhindert und eine Begradigung des Flusses bei Haagen, argumentiert der Verband.
Die Naturschützer wittern nun eine Chance für den Kocher. Sieben Schutzgebiete nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) decken den Fluss ab. Zudem besteht ein Vogelschutzgebiet "Kocher mit Seitentälern." Wenn man es mit dem Naturschutz ernst meint, müsste man den Kocher wieder in einen natürlichen Fluss verwandeln. Dazu gehören Versteckmöglichkeiten für Fische und Uferhänge aus Erde, in denen der Eisvogel brütet, argumentieren die Haller Naturschützer.
Das Regierungspräsidium als zuständige Behörde gehe Schritt für Schritt vor, klärt Wilfried Gerlinger von der Behörde in Stuttgart auf. Gerade ist der Abschnitt "Kochertal, Schwäbisch Hall bis Künzelsau" in Bearbeitung. Dafür werde noch der "Managementplan" aufgestellt, der den "Erhalt und die Entwicklung des Schutzgebietes" zum Ziel habe. Derzeit würden die etwa zehn Änderungswünsche geprüft. Im April soll die endgültige Version veröffentlicht werden. Das Landratsamt habe während der Auslegung des Plans keine Stellungnahme abgegeben, sagt Petra Moser vom Landratsamt.
Ursprünglich dachten die Mitglieder des NABU aus Hall, mit dem Managementplan die Renaturierung des Flusses erzwingen zu können. Die Kosten müsste dann das Land tragen, da der Fluss ein Gewässer erster Ordnung ist. So einfach sei das aber nicht, meint der Sachbearbeiter aus dem Regierungspräsidium. Der Managementplan enthalte nur Empfehlungen. Zum Beispiel die, dass bestimmte Wiesen nur zwei Mal im Jahr gemäht werden sollen.
Dieter Bock und Horst Schneider geben aber nicht so schnell auf in ihrem Bemühen, den Kocher zum natürlichen Ufer und Bachbett zu verhelfen. Mit alten Bildern und Texten auf Stellwänden werben sie auf verschiedenen Veranstaltungen für bessere Lebensbedingungen der Fisch- und Vogelwelt.
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Autor: TOBIAS WÜRTH | 09.03.2010
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Ein Eisvogel schnappt sich sein Mittagessen: Der Naturschutzbund will die Ufer des Kochers von Steinen befreien lassen. Die wurden zur Befestigung der Böschung angebracht. Der Eisvogel findet dort kaum Brutstätten. Foto: swp
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