Eine Partei gegen den Verdruss

Die Wähler im Ländle kann man durchaus als vernünftig bezeichnen: Von Radikalen halten sie wenig, sie scheuen Experimente und gehen beim Wählen auf Nummer sicher. Auch Norbert Geng aus Grünsfeld im Main-Tauberkreis, Professor für Unternehmensrecht an einer Fachhochschule, ist stets seiner staatsbürgerlichen Pflicht nachgekommen und hat sein Kreuz gemacht. Doch die Landtagswahl am Sonntag wird eine Premiere: "Es wird das erste Mal sein, dass ich nicht wählen gehe, weil ich vom Ausgang der bisherigen Wahlen maßlos enttäuscht bin."

Statt staatspolitischer Vernunft sieht der Professor nämlich nur noch ein Kartell von Parteien, die sich kaum noch unterscheiden würden. Ihn nervt "das übliche Wahl-Tamtam" von Politikern, die "immer taktisch denken, aber nie aus grundsätzlichen Erwägungen heraus". Von Vernunft keine Spur. Wozu also wählen? "Es ist die Frage, ob man Pech oder Schwefel wählt."

Von den etablierten Parteien ist Geng enttäuscht. Die CDU? "Ein Machtkartell." Die SPD? "Die sind doch genauso." FDP? "Die sind doch vorne mit dabei." Grüne? "Eine Partei der Klima-Religion." Linke? "Um Gottes Willen, das ist eine Partei der SED-Altkader." Und wie wäre es mit einer der exotischen Kleinparteien? "Das sind doch Ein-Thema-Parteien", schimpft Geng. Und erklärt: "Ich habe eigentlich gar keine Lust auf eine Partei."

Irgendwas muss der Professor aber doch tun. Deshalb lädt er am Wahlsonntag um 14.30 Uhr alle Menschen, die sich mehr Vernunft in der Politik wünschen, ins Café am Markt in Öhringen ein. Dort soll die Sektion Tauber-Hohenlohe-Schwäbisch Hall der "Partei der Vernunft" (PdV) gegründet werden. Die Partei, deren Bundesvorstand Geng angehört, setze sich für mehr direkte Demokratie, eine Stärkung der Grundrechte und für einen Ausstieg aus dem Euro ein. Geng ist überzeugt: Die Leute warten nur auf diese neue Partei - auch wenn sie jetzt noch nicht zur Wahl antritt. Eine Parteigründung gegen die Parteienverdrossenheit? "Es geht ja nicht anders", sagt er, "soll ich etwa auswandern?" Karsten Dyba


Kommentare (1)

26.03.2011 08:46 Uhr |   Beobachter1

Nicht-Wählen fördert extrem(istisch)e Parteien

Eigene Partei Gründen - interessante/gute Aktion.

(..) Doch die Landtagswahl am Sonntag wird eine Premiere: "Es wird das erste Mal sein, dass ich nicht wählen gehe, weil ich vom Ausgang der bisherigen Wahlen maßlos enttäuscht bin." (..)

Dieses Verhalten ist jedoch am kommenden Wahlsonntag gefährlich.

Extrem(istisch)e Parteien, wie Die Linke oder NPD, mobilisieren in der Regel ihren komplette Truppe zur Stimmabgabe.

Bei einer geringen Wahlbeteiligung (wie z.B. bei der Bundestagswahl) profitieren dann extrem(istisch)e Parteien von ihrer Wählermobilisierung.

Bei der letzten Bundestagswahl konnte sich dadurch Die Linke unrepräsentativ überdurchschnittlich positionieren.


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Autor: SWP | 26.03.2011

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