Ein echt beschissenes Hühnerleben

Diesmal ist die Sau, die durchs Dorf getrieben wird, gar kein Schwein, sondern ein Huhn. In letzter Konsequenz macht das keinen großen Unterschied, denn es geht darum, welches Verhältnis wir Deutschen zum Essen haben und wie wir mit unseren Lebensmitteln umgehen. Und da scheint jedes Mittel recht zu sein. Jedes Mittel? Auch Antibiotika? Genau das nämlich war zu Wochenbeginn die Botschaft, die der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) hinausposaunte in die Welt: In 20 Supermärkten haben Umweltschützer Stichproben von Hähnchenfleisch genommen und ermittelt, dass jede zweite Probe mit Bakterien belastet und gegen Antibiotika resistent ist.

Skandal? Wohl kaum. Eher nichts Neues, weil gängige Praxis - und das seit vielen Jahren. Der Finger der BUND-Aktivisten in der seit Langem schwärenden Wunde ist lediglich der Beweis, dass sich in der Produktion von Zuchtgeflügel nicht wirklich viel geändert hat. Bundesweit 1,7 Millionen Hähnchen werden täglich geschlachtet, um des Bundesbürgers gierige Nachfrage zu befriedigen. Auf einen Verzehr von 19,3 Kilo Geflügel im Schnitt bringt es jeder Deutsche, Jahr für Jahr. Da kann es nicht ausbleiben, dass sich in den "Fleischkammern" der Republik, die vorrangig im Norden produzieren, die Spreu vom Weizen trennt. Die Qualität? Bleibt auf der Strecke - selbst wenn die Erzeuger beschwichtigen. Das kann bestätigen, wer jemals einen lang und sorgfältig gemästeten Landgockel, vergleichbar mit dem vorzüglichen französischen Bresse-Huhn, genießen durfte.

Fast alle klassischen deutschen Masthühner (und Hähnchen) wachsen in der Geflügelindustrie auf - sofern man bei einem Schlachtalter von 32 bis 35 Tagen überhaupt von Aufwachsen sprechen kann. Die Abläufe sind restriktiv und minutiös vorgegeben: Brüterei, Aufzucht, Fütterung, Haltung, Medikation, Transport, Schlachttermin, Preise. Die nur in Centbeträgen zu erzielenden Gewinne wären sonst nicht zu garantieren. Nicht der Bauer bestimmt das Geschäft, sondern die vier großen deutschen Industrie-Fleischverwerter Wiesenhof, Stolle, Sprehe und Rothkötter (Emsland). Allein Marktführer Wiesenhof macht mit Masthähnchen einen Jahresumsatz von mehr als zwei Milliarden Euro, das sind rund 270 Millionen Tiere jedes Jahr. Aus den Fabriken der vier Großen kommen drei Viertel aller in Deutschland verkauften Hühner. Am Rande: Bio-Geflügel macht am "Kuchen" lediglich ein Prozent aus.

Diese Fakten machen klar, dass in den Massenaufzuchtstationen kein Platz sein kann für Emotionen. Es herrscht das nackte Geschäft - von wegen glückliche Hühner! Die Bedingungen in den Ställen haben sich zwar verbessert in den letzten Jahren, doch ein Besatz von bis zu 25 Vögeln pro Quadratmeter bei einer Stalleinheit von neuerdings erlaubten 100 000 Tieren - ohne Auslauf - spricht Bände. Die Streu im mit Rotlicht beheizten Stall wird nur erneuert, wenn frische Küken eingesetzt werden. Logisch, dass die feuchten Fäkalien am Boden einen immerwährenden Infektionsherd darstellen. Das Hühnerleben ist also regelrecht beschissen. Artgerecht scharren, mit den Flügeln schlagen? Unmöglich. Stattdessen werden die Jungvögel oftmals aggressiv, gehen aufeinander los. Bis vor nicht langer Zeit wurden ihnen vorsorglich die Schnäbel gekappt - ohne Betäubung, versteht sich.

Antibiotika sind quasi ständig angesagt, weil im Grunde alle Junghühner krank werden. Zwar dürfen die Mittel nicht mehr wie früher von vornherein der Futtermischung beigesetzt werden, aber verzichtet wird auf die Verabreichung eben auch nicht. Tierärzte finden eigentlich immer kranke Tiere, die einen Antibiotika-Einsatz rechtfertigen. Was das auslöst: siehe BUND-Recherchen!

Nichts wirklich Neues also. Es bleibt die Chance, sich als Verbraucher gegen die Praxis zu stemmen und auf Geflügelverzehr zu verzichten. Doch wer möchte das? Die Dummen sind neben den Verbrauchern, die weit bessere Ware bekommen könnten, wenn sie die nur forderten, die Bauern. Die müssen sich die Bedingungen diktieren lassen, unter denen sie ihre Ware liefern. Oft gegen besseres Wissen. Bis zum nächsten "Skandal" dann! MATHIAS BARTELS


Kommentare (1)

17.01.2012 08:13 Uhr |   Antonietta Tumminello

Hühner haben nichts zu lachen -

egal ob sie Eier legen müssen oder zur Mast gehalten werden. Was viele aber nicht wissen: Bei der Haltung und Züchtung von Masthähnchen hat die stärkste Intensivierung von allen Bereichen der Nutztierhaltung stattgefunden. Die Folgen für das Wohlbefinden und die Gesundheit der Masthühner ist dramatisch.

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Autor: SWP | 14.01.2012

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