Ein Gespräch über Geldschöpfung aus dem Nichts, Milliardengewinne und Politik auf Sicht

Reform statt Crash: Roman Huber sieht unser Finanzsystem auf dem Weg in Richtung Abgrund – weil Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Sein Appell: Wir brauchen Vollgeld!

SEBASTIAN UNBEHAUEN |

Tempelhof, Kreßberg: Von Hohenlohe aus wird der Verein "Mehr Demokratie" geführt, hier hat der geschäftsführende Bundesvorstand Roman Huber sein Büro. Die Tempelhof-Bewohner sind schon heute dabei, anders zu leben und zu wirtschaften. Hubers Ziel aber ist ein größeres: ein wirklich demokratisches Europa.

HOHENLOHER TAGBLATT: Herr Huber, die Griechen haben gewählt. Was sagen Sie zum Ergebnis?

ROMAN HUBER: Es war vorauszusehen, dass die Leute dort nach vielen Jahren echten Leidens sagen: Wir brauchen Alternativen. Man fragt sich, wo die Hunderte von Milliarden Euro Griechenland-Hilfe hingekommen sind. Wenn man nachforscht, wird einem klar: Wir haben nicht Griechenland gerettet, sondern unsere eigenen Banken. Das wissen auch die Griechen. So steht durch die Wahl ein Stück weit unser Finanzsystem auf dem Prüfstand.

Auf jeden Fall steht die Euro-Rettungspolitik auf dem Prüfstand. Sie haben vor dem Verfassungsgericht gegen den Rettungsschirm gekämpft. Sind Sie ein Euro-Gegner?

HUBER: Überhaupt nicht. Ich bin weder ein Euro-Gegner noch ein Europa-Gegner. Im Gegenteil. Ich bin Befürworter eines demokratischen, föderalistischen Europas.

Und Sie sind Verfechter eines neues Geldsystems.

HUBER: Ja, denn heute gibt es folgende Hierarchie: Finanzmärkte, Großkonzerne, Staat. Das müssten wir umdrehen: Bürger bestimmen, der Staat schafft den Rahmen, innerhalb des Rahmens wird gewirtschaftet - und Geld dient dem Ganzen.

Ihre Antwort heißt Vollgeld. Was ist das?

HUBER: Das heißt, dass unser Geld wieder zu 100 Prozent von der Zentralbank kommt. Wenn man jemanden auf der Straße fragen würde, würde er wohl sagen: Das ist doch so. Ein Geldschein wird gedruckt, eine Münze wird geprägt und dann wird's in Umlauf gebracht. Tatsächlich werden über 80 Prozent des Geldes - das virtuelle Giralgeld - von den privaten Geschäftsbanken aus dem Nichts geschöpft.

Das müssen Sie erklären!

HUBER: Aus dem Nichts geschöpft heißt: Ich nehme als Banker einen Computer und gebe eine Million ein. Diese wird Ihrem Konto gutgeschrieben, dadurch ist ein Kredit entstanden. Der muss natürlich zurückgezahlt werden, und das Geld verschwindet wieder. Aber Sie zahlen Zinsen. Diesen Gewinn macht die Bank für nichts. Überhaupt: Der Betrag, der auf einem Girokonto liegt, ist nur ein Versprechen, eine Art Schuldschein, das Geld ist nicht mehr real vorhanden. Wenn alle zur Bank gehen würden und ihr Guthaben abheben wollten, würde das System kollabieren. Und wenn die Bank pleitegeht, ist Ihr Geld weg.

Allerdings braucht die Bank Eigenkapital und muss eine Mindestreserve bei der Zentralbank hinterlegen.

HUBER: Richtig, das sind die Grenzen des Ganzen. Aber der größte Teil des Geldes in unserem System wird einfach aus der Luft erzeugt, ohne staatliche Kontrolle. Und, jetzt wird es wirklich absurd: Staaten finanzieren sich, indem sie sich Geld von Banken leihen und dafür Zinsen zahlen. Und mit diesem Geld werden dann wieder Banken gerettet. Da fragt man sich doch: Warum machen wir das eigentlich? Ich will, dass Geld wieder ein öffentliches Gut wird.

Warum durchschauen so wenige Menschen diese scheinbar so auf der Hand liegende Absurdität des heutigen Systems?

HUBER: Wenn man eine Banklehre macht, kommt das nicht vor. Wenn man Betriebswirtschaft studiert, kommt das nicht vor. Wenn man Finanzwissenschaft studiert, kommt das auch nicht vor. Gerade den großen Banken ist das jetzige System natürlich sehr recht - weil sie Milliarden verdienen! Es findet eine unglaubliche Umverteilung von unten nach oben statt!

Wie sähe eine Vollgeld-Einführung aus?

HUBER: Es bräuchte eine einfache Gesetzesänderung. Zu einem Stichtag würde das Giralgeld aus den Bilanzen der Banken herausgenommen und zum Eigentum der Kunden. Aus einem Versprechen würde ein reales Guthaben, wie Bargeld in einem Schließfach, eben Vollgeld. Wenn die Bank pleitegeht, kann ich immer noch ans "Schließfach" gehen. Und die Banken müssen das ganze von ihnen geschöpfte Geld im Laufe einiger Jahre an die Zentralbank zurückzahlen. Damit erklärt sich ein einmaliger großer Gewinn, den eine Vollgeld-Einführung bringen würde: fünf Billionen Euro in der EU. Und mit der Systemrelevanz der Banken wäre es dann auch vorbei.

Da wird jahrelang die Euro-Rettung hin und her diskutiert und dann kommt jemand und sagt: Wir könnten jetzt einfach eine Gesetzesänderung machen und hätten fünf Billionen Euro mehr. Wer soll das glauben?

HUBER: Sie haben recht, es klingt unglaublich! Und diese Unglaublichkeit ist wie eine Wand, durch die man nicht durchkommt. Ich hab's auch zuerst nicht kapiert. Dabei ist es so simpel!

Es gibt nun einmal einen Abwehrreflex gegen radikale Vereinfacher.

HUBER: Wenn Dinge zu komplex werden, dann sind ein paar grundlegende Axiome nicht beachtet. Das Leben ist nicht nur kompliziert. Es ist in der Feinheit verästelt, aber wenn man's gar nicht mehr überschauen kann, muss man an die Grundlagen rangehen.

Ein Vorteil, den Sie einem Vollgeld-System zuschreiben, ist abnehmender Wachstumsdruck. Wie das?

HUBER: Wenn ein Zins gezahlt wird, muss dieser irgendwo herkommen. Das heißt: Es muss ein Mehr erwirtschaftet werden. Durch die Zinsen und Zinseszinsen gibt es in der Wirtschaft einen eingebauten Wachstumszwang. Wenn weniger Geld durch Zinsen in Umlauf kommt, geht der Wachstumsdruck zurück. Und: Heute werden in den virtuellen Finanzgeschäften hohe Renditen erzielt. Daran müssen sich Unternehmensrenditen messen, weil das Geld sonst dorthin abwandert. Wenn Banken nicht mehr selbst Geld schöpfen können, können die Finanzmärkte nicht mehr so befeuert werden.

Wer verliert bei einer Vollgeld-Einführung?

HUBER: Vor allem die Investmentbanken. Das Bankengeschäft wird insgesamt langweiliger, Renditen von 25 Prozent sind nicht mehr drin. Die Banken müssen sich wieder auf ihr ursprüngliches Geschäft besinnen: die Versorgung der Wirtschaft mit Krediten. Dieses Geschäft ist schwierig genug.

Andere Systemkritiker sehen keine Alternative zum Finanzcrash. Sie sind da optimistischer?

HUBER: Soweit ich es überblicken kann, ist die Einführung des Vollgelds die einzige Chance, die überbordende Staatsverschuldung auf friedliche Art, ohne Revolution, in den Griff zu kriegen. Ich bin grundsätzlich für reformerische Ansätze.

Haben Sie Verbündete innerhalb der Parteien?

HUBER: Wir machen jetzt erst einmal die Vollgeld-Initiative in der Schweiz. Wenn man dort in 18 Monaten 100.000 Unterschriften sammelt, kommt es verbindlich zu einem Volksentscheid. Und wenn die Schweiz über Geld abstimmt, haben wir eine internationale Diskussion. Ich glaube nicht, dass so etwas vom Parlament auf den Weg gebracht wird.

Warum nicht?

HUBER: Weil dort Politik auf Sicht betrieben wird. Die Impulse für einschneidende Reformen, grundlegende Dinge, gesellschaftliche Kernfragen kommen in der Regel aus der Zivilgesellschaft.

Woran liegt's? Fehlt der Mut, weil man die nächste Wahl gewinnen will?

HUBER: Die Parlamentarier sind alle total überlastet und einem riesigen Lobbyeinfluss ausgesetzt. Da hockt ein Abgeordneter mit zwei Mitarbeitern. Wenn du im Verkehrsausschuss bist, hast du die Lufthansa hier, die Deutsche Bahn da und das Verkehrsministerium dort, jeweils mit Tausenden von Mitarbeitern - was willst du machen? Ein Kongressabgeordneter in den USA hat bis zu 50 Mitarbeiter. Unsere Devise ist: Großbanken und Exekutive schwächen, Parlamente und Bürger stärken.

Herr Huber, werden Sie die Vollgeld-Einführung noch erleben?

HUBER: Ja. Ich bin ein optimistischer Mensch und habe eine hohe Lebenserwartung.

Das Interview führte HT-Redakteur Sebastian Unbehauen.

 

Buch und Symposium

Gemeinsam mit dem Bürgerrechtler Thomas Mayer hat Roman Huber das Buch "Vollgeld - Das Geldsystem der Zukunft" geschrieben. Erschienen ist das rund 300-seitige Werk 2014 im Tectum Verlag.

Auf dem Quellhof in Mistlau findet von Freitag, 6., bis Sonntag, 8. März, ein Symposium zum Thema "Wer regiert die Welt - wir oder das Geld?" statt. Die Auftaktveranstaltung am Freitag von 18 bis 22 Uhr ist öffentlich. Huber stellt dort sein Buch vor. Eine Expertenrunde mit Rudolf Bühler, Jörg Kunze, Wilfried Münch und Fritz Vogt diskutiert darüber.

SEBU
 

Der Gesprächspartner

Roman Huber ist Bürgerrechtler, Unternehmer und Trainer. Seit 1996 gehört er dem Bundesvorstand des Vereins "Mehr Demokratie" an, der sich für direkte Beteiligung der Bürger in Deutschland und Europa einsetzt. Seit 2001 ist Huber geschäftsführender Vorstand des Vereins. Er war Initiator der größten Verfassungsbeschwerde in der Geschichte der Bundesrepublik zu den Eurorettungsschirmen - 37.000 Bürger schlossen sich an. Huber baute die Lebensgemeinschaft auf dem Tempelhof in der Gemeinde Kreßberg mit auf. Er sitzt im Vorstand der gemeinnützigen Stiftung Schloss Tempelhof.

SEBU

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