Diktatur statt Paradies
Der Mann, der sich Frank Lehmann nennt, zeichnet einen großen roten Kreis auf ein großes weißes Blatt Papier. "Das ist ein Obstkorb", erklärt er und füllt diesen per Filzstift mit kleineren Kreisen - "Äpfeln". Einen davon, den im Zentrum, malt er blau - "faulig". "Was passiert mit den anderen Äpfeln, wenn einer fault?", fragt der Verkäufer und das Publikum murmelt: "Die anderen faulen auch." Wohin also mit dem fauligen Apfel? "Raus!" Frank Lehmann lächelt und blickt vielsagend zur Tür der Gaststätte. Durch diese hatten zuvor vier "Gäste", die kritische Fragen stellten, die Veranstaltung verlassen. Damit ist vorgegeben, was von "anständigen" Kaffeefahrt-Teilnehmern erwartet wird: kritikloses Gehorchen.
Wenige Stunden früher stehe ich mit Christa J. an der Bushaltestelle vor dem Satteldorfer Rathaus. Die 67-Jährige hatte an einem Preisausschreiben teilgenommen und ein dubioses Gewinnschreiben erhalten. Es ist die alte Masche: "Ihre Karte wurde als Super-Hauptgewinn gezogen". Die Chance auf 3000 Euro winkt, dazu ein LCD-Fernseher, ein Überraschungsgeschenk. Im Rahmen eines Busausflugs ("Jubiläums-Sonderfahrt Nürnberg") mit kostenloser Verpflegung sollen die Gewinne übergeben werden. Christa J. kam das alles verdächtig vor und deshalb verständigte sie das HT. So durfte ich einen Tag lang ihren Enkel spielen und sie auf dem "Ausflug" begleiten.
Der Bus ist pünktlich und bereits gut gefüllt. Er hat in Waldtann, Wildenstein, Matzenbach, Stimpfach, Jagstheim und Crailsheim Halt gemacht. Die Stimmung ist gut. Kein Wunder, schließlich haben alle "gewonnen". Wobei: So recht glauben will das kaum einer. Man gibt sich misstrauisch.
Wo es wohl hingeht? Tatsächlich nach Nürnberg? Busfahrer Jürgen biegt auf die Autobahn und kündigt an, dass "zunächst" Schnelldorf Ziel der Reise sei. Es ist die erste Lüge an diesem Tag. Ein Schnelldorfer Gasthaus nämlich ist in Wahrheit endgültige Endstation. Hier gibt es das versprochene Frühstück, hier begrüßt uns (und eine weitere Busladung aus Richtung Blaufelden) der Mann, der sich Frank Lehmann nennt, ein blaues Hemd trägt und mit norddeutschem Akzent spricht. Er ist der Mann mit dem Mikro, er ist der Mann mit der Macht. Er entscheidet, wen er "leiden kann" und wer es deshalb wert ist, "beschenkt" zu werden.
Vier Teilnehmer, die zu Beginn Fragen stellen - wer er sei, welche Firma er vertrete, wann die Gewinne übergeben würden, warum man in Schnelldorf statt in Nürnberg sei - sind es nicht wert. Frank Lehmann reagiert sofort unwirsch, wird beleidigend, stellt die Kritiker als Störenfriede dar. "Sie packen Ihre Sachen und gehen raus", befiehlt er. Oder: "Setzen Sie sich hin und hören Sie zu." Es gibt Tumulte, rasch eingespielte Volksmusik soll wohl die Heile-Welt-Fassade aufrecht erhalten, die "Störenfriede" werden mit einem Taxi nach Hause gebracht.
Kaffeefahrt-Anbieter seien die Prellböcke der Nation, bemitleidet sich der Verkäufer selbst und fügt gleich hinzu: "Auch hier im Publikum sitzen nicht nur brave Engel. Sie müssen nur mal heute Nachmittag auf die Toiletten schauen." Und in Bezug auf das Gewinnschreiben: "Wenn Sie das anders verstehen, können wir doch nichts dafür." Darin heißt es, "Alle Ehepaare und Paare" erhalten einen Video/DVD-Player". Stimmt: ALLE zusammen erhalten EIN Abspielgerät. Ist doch logisch, wie kann man das nur anders verstehen? Das Mittagessen - umsonst? "Hier steht doch nur: ,Unser Küchenchef zaubert Ihnen ein ebenso leckeres wie reichhaltiges Mittagsmenü." Dass die Überschrift "Kostenlose und Exclusiv-Leistungen der Sponsoren" lautet, erwähnt Frank Lehmann nicht. Es folgt eine ausführliche Medienschelte. All die Berichte über unseriöse Kaffeefahrten brächten immer nur die schwarzen Schafe auf den Bildschirm, an Positivem habe die sensationsheischende Presse kein Interesse.
Die Taktik ist klar: Gleich zu Beginn werden die Zuhörer eingeschüchtert. Jeder weiß: Wenn ich nicht spure, werde ich offensiv und vor allen anderen zum Außenseiter abgestempelt, der nichts, aber auch gar nichts kapiert. So fallen Sätze wie: "Sie verstehens ja nicht. . .", "Wenn Sie einigermaßen nachdenken würden. . ." oder "Ich kann Sie auch wieder ausladen. . .". Frank Lehmann schafft es schnell, das Gros der Leute auf seine Seite zu ziehen. Man will ja lieber dazugehören, als bloßgestellt zu werden. Der erste Gang der Gehirnwäsche war erfolgreich.
Es folgt Runde zwei: Als wäre ein imaginärer Schalter umgelegt worden, verwandelt sich der gestrenge Zuchtmeister in einen einfühlsamen "Teddybären", wie er sich selbst nennt. Er streut nun vermehrt kleine Witze ein und stellt verschiedene Produkte der "Sponsoren" vor ("Schließlich gebietet es der Anstand, dass sich die Unternehmen, welche diesen Tag für Sie finanzieren, präsentieren dürfen"). Pfanne, Kamera, Messerset, Friteuse, Kaffeemaschine - all das wolle er verschenken, nicht verkaufen. Es ginge ihm einzig darum, neue Werbeträger für die Produkte zu gewinnen.
Im Mittelpunkt steht jedoch bald eine Magnetmatte. Wer auf ihr schlafe, sei gefeit vor dem schlimmen Elektrosmog der Nachttischlampe, vor Bluthochdruck und einer langen Reihe von Krankheiten von A wie Arthrose bis Z wie Zahnschmerzen. Ein Wunderding, vom Wissenschaftler Dr. Jörg Zittlau empfohlen. Komisch nur, dass eben jener bereits vor vier Jahren in einem Zeitungsartikel vor solchen Kaffeefahrt-Angeboten gewarnt hat.
1798 Euro koste diese Matte normalerweise, verkündet Frank Lehmann. Viel Geld? Der Verkäufer beginnt jetzt mit einem langen Monolog, erzählt von einem angeblichen Motorradunfall, der ihn ins Koma gebracht habe. Von dem leidvollen Leben mit künstlichem Darmausgang. Von einem Firmenchef, der einen Schlaganfall erlitten habe. "Stimmts, oder stimmts nicht?", schiebt er seinen Allgemeinplätzen stets hinterher. Seine Botschaft: Gesundheit ist das höchste Gut. Wer wollte da widersprechen? "Wer von Ihnen würde also diese Magnetmatte kaufen?", fragt Lehmann. Viele melden sich, nicht alle. "Es ist erschreckend, wie viele nicht strecken", meint er. Da gebe es nur zwei Erklärungen: "Entweder Sie haben nicht zugehört oder Ihnen ist Ihre Gesundheit wurscht." Beides freilich, daran lässt er keinen Zweifel, sei ungefähr gleich verwerflich. Die meisten Zuschauer blicken gebannt nach vorne, er hat sie in der Hand.
Bald kaufen sie überteuerte Hautcremes, Salben und Waschmittel ("Das hat was mit Anstand und Höflichkeit zu tun, dann kann ich Sie gut leiden"). Man beginnt zu erahnen, wie es ist, in einem autoritären System zu leben. Es herrscht eine Atmosphäre der Angst, hinter jedem anderen Gast vermutet man einen Spitzel.
Warum aber lassen sich so viele ködern? Bei nicht wenigen alten Menschen ist es wohl der Wunsch, einmal von zu Hause wegzukommen, unterhalten zu werden, Gesellschaft zu haben. Doch scheinen sie nicht zu merken, in welchem Maße sie dabei psychologisch manipuliert, ja verführt, werden. "Liebe macht blind", heißt es. Bei einer Kaffeefahrt verhält es sich ähnlich.
Der restliche Tag steuert auf ein einziges Ziel zu: Wer kauft die Magnetmatte? Der Weg dorthin hat viele uneinsehbare Kurven. Lehmann verschenkt drei Pfannen. Danach macht er den "Test": "Würden Sie die Pfannen auch für die Hälfte des Normalpreises kaufen?" Die Beschenkten bejahen. Test bestanden. Denn warum solle er jemandem etwas schenken, was dieser gar nicht brauche? Nun darf jeder einzelne zwischen der Kamera und dem Messerset als Geschenk wählen. Wieder folgt der Test. Wer ja sagt, muss etwas ausfüllen, wer verneint, ist gänzlich aus dem Spiel - kann nichts mehr gewinnen, bekommt garantiert nichts geschenkt, ist ausgegrenzt. Frank Lehmann formuliert es so: "Ich habe Ihnen ein Tor aufgemacht. Wer durchgeht, gelangt ins Paradies. Wer nicht durchgeht, muss draußen bleiben." Sein Verhalten wird derweil immer aggressiver, der Druck erhöht. Lehmann fragt eine alte Dame, warum sie ein Produkt nicht zum halben Preis kaufen möchte. "Ich habe gar kein Geld dabei", antwortet sie. "Es hieß doch, es sei alles umsonst." Der Verkäufer und seine Helfer fassen sich an den Kopf, den sie in gespielter Theatralik schütteln. "Bei manchen hilft nicht einmal mehr die heilende Magnetmatte", wird die Frau beleidigt.
Christa J. und ich ertragen das "Spektakel" nicht mehr länger. Wir verlassen den Saal als "Störenfriede". Draußen ist es kühl, es nieselt. Nach sieben Stunden in der Parallelwelt "Kaffeefahrt" ist es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, außer: weg hier. Einer der Veranstalter blickt uns prüfend hinterher. Der Mann, der sich Frank Lehmann nennt, kann mit unserem Abgang gut leben. Am Ende des Tages verkauft er acht Magnetdecken zum "Spottpreis" von je 899 Euro. SEBASTIAN UNBEHAUEN
Hintergrundinformationen zum beschriebenen Fall und zu Kaffeefahrten allgemein finden Sie nebenstehend sowie ausführlicher auf der Internetseite des Lahn-Dill-Kreises in Hessen: www.lahn-dill-kreis.de. Der Landkreis betreibt als einzige deutsche Behörde eine Warnliste vor konkreten Kaffeefahrten .
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Autor: SWP | 30.10.2010
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