Der Mann, der Häuser aus Müll baut

Earthship: Eine etwas andere Baustelle lässt sich gerade auf dem Tempelhof in der Gemeinde Kreßberg beobachten. Aus 1000 Altreifen und 10 000 Flaschen entsteht energieautarkes Haus.

JENS SITAREK |
„Stellt euch ein Haus vor, das sich selbst heizt, sein Wasser liefert, Essen produziert. Es braucht keine teure Technologie, recycelt seinen eigenen Abfall, hat seine eigenen Energiequellen. Es kann überall und von jedem gebaut werden, aus Dingen, die unsere Gesellschaft wegwirft.“

Diese Vorstellung ist keine Utopie mehr, sondern längst Realität. Und am Tempelhof sind sie gerade dabei, das, was der Architekt Michael Reynolds einmal formulierte, entsprechend in die Tat umzusetzen. „Es ist schön, hier zu sein“, so sagt es Reynolds. Schön grün. Viel Land. Die Gemeinschaft. Und Deutschland, natürlich. In Deutschland hat er, der sonst in der Wüste New Mexicos lebt, mit seiner Firma nämlich noch nie gebaut. Tempelhof macht es möglich. Dort entsteht ein Earthship – ein Haus, das vom Stil her an Hundertwasser oder Gaudí erinnert, aber eines, das sich selbst versorgt, keine Wasserversorgung braucht, kein Stromnetz, keine Heizung und auch keine Klimaanlage. Für die Genehmigung brauchte es allerdings einen Anschluss an die Kanalisation.
 


Das Earthship soll einmal bis zu 25 Leuten als Gemeinschaftsraum dienen. Küche, Duschen, Toiletten, Gewächshaus, Wohnzimmer, Esszimmer, alles inklusive. „Man trifft sich da und lebt in diesem Raum“, sagt Stefanie Raysz, die zur sechsköpfigen Vorbereitungscrew des Projektes am Tempelhof gehört. Wer individuelle Zimmer und Schlafräume sucht, der zieht sich einfach nach draußen in seine Jurte oder seinen Bauwagen zurück. „Experimentelles Wohnen am Tempelhof mit einem Versorgungsgebäude (Earthship) und 14 Aufenthaltsräumen“, so heißt das Bauvorhaben.

Die Kosten liegen bei rund 300.000 Euro, schlüsselfertig versteht sich. Einzug vielleicht schon Anfang Dezember. Das Tempo, das die Helfer seit Baubeginn vor zehn Tagen vorlegen, ist enorm. Und das liegt an den 55 Freiwilligen aus 17 Nationen, die lediglich für Kost und Logis arbeiten. Die Anleitungen bekommen sie von acht Instruktoren. Der Arbeitstag beginnt für viele schon morgens gegen 6 Uhr, alternativ mit Qigong oder einem Kurs für korrekte Körperhaltung. Nach dem Frühstück geht es dann auf die Baustelle, gegen 17 Uhr ist Feierabend. Bei kohlenhydratreicher Kost am Mittag in der Kantine dreht sich aber nicht nur alles um die Baustelle, sondern auch um Dinge wie das Surfen in Australien, das ja jetzt wegen der Haie gefährlicher geworden sei.

Michael Reynolds, für viele ist er einfach nur der Mike, könnte man sich auch gut auf einem Surfbrett vorstellen. Die Haie wären in diesem Fall die Behörden, die ihn erwischen wollen und ihn qua Existenz ständig daran erinnern, dass beim Bauen gewisse Vorschriften einzuhalten sind. „Wir testen Waffen, Medikamente, Atombomben“, fragt Reynolds sich. „Aber warum dürfen wir keine Häuser testen?“ Anfang der 70er galt er als Spinner, Mitte der 90er entzog man ihm sogar die Lizenz. Den Durchbruch schaffte er erst, als er in Katastrophengebieten Häuser aus Trümmern baute. Heute vermietet er Earthships an Touristen, führt eine Akademie, hält Vorträge, bietet Pläne und Bücher zum Nachbauen an.

„Reynolds ist nicht nur ein Denker, sondern auch ein Macher“

Wer Reynolds – lange graue Haare, Rauschebart, Cowboyhut, kariertes Hemd, Halstuch, Vorschlaghammer in der Hand – trifft, hat nicht das Gefühl, vor einem 70-Jährigen zu stehen, geschweige denn vor einem „Stararchitekten“, den Roman Huber, Vorstand der Stiftung Schloss Tempelhof, in ihm sieht. „Reynolds ist nicht nur ein Denker, sondern auch ein Macher“, findet Stefanie Raysz.

Es gibt da einen sehenswerten Dokumentarfilm von 2007, der seine Arbeit regelrecht glorifiziert, „Garbage Warrior“ heißt er. Garbage steht für Müll und Warrior für Kämpfer – oder Krieger. „Ich bin die ganze Zeit im Krieg“, so sagt es Reynolds beim Mittagessen. Wer weiß, vielleicht kommt Reynolds’ größte Zeit erst noch. Angesichts einer zunehmenden Weltbevölkerung und knapper werdender Ressourcen könnte er mit dem, was er schafft, auch ein bisschen mehr Frieden schaffen. Reynolds erzählt davon, dass Texas New Mexico mal für kurze Zeit den Gashahn abdrehte. Daraufhin gerieten die Menschen in Panik. Seine Erkenntnis daraus: „Wenn Menschen wissen, dass sie es warm haben, dass sie genug Wasser haben, dass sie zu essen haben, dann geht es friedlich zu.“

Earthship für 25 Menschen

Wärme, Wasser, Essen – all das bietet ein Earthship. Angesichts der Herausforderung, vor der Europa steht, stellt sich zwangsläufig die Frage: warum nicht auch für Flüchtlinge? Sie könnten es nach Anleitung sogar selber errichten – mit dem Material, das es überall gibt, und dem Müll, den es überall gibt. „Warum nicht“ mag sich Reynolds wohl denken, wenn man seinen Gesichtsausdruck richtig deutet. „Man braucht aber Land“, sagt er. Für ihn ist es gerade spannend zu erleben, wie sich sein Konzept in Richtung Gemeinschaft weiterentwickelt. Reynolds wohnt sonst in einer Siedlung, die sich Greater World Community nennt, 70 Earthships für 130 Menschen. Am Tempelhof baut er ein Earthship für 25 Menschen.

Auf der Baustelle herrscht ein besonderer „Spirit“, das spürt man, das sieht man, das sagen alle. „Das liegt an den Drogen“, sagt Reynolds und lacht. Ein Scherz, na klar. Er hat seine Erfahrung gemacht, vieles ausprobiert, aber das war einmal. Im Ernst: „Es“, sagt Reynolds, „hat uns gefunden“, und: „Es gibt genug Leute, die keine Atomkraftwerke mehr wollen und die wissen wollen, wie es anders geht.“ Dass sich so viele Freiwillige bei ihm melden, betrachtet er als „Geschenk“.

Ein Feierabend-Bier darf bei einigen aber nicht fehlen, obwohl man bei diesem Anblick etwas anderes vermuten könnte. Neben den 1000 Altreifen haben die Tempelhofer 10.000 Flaschen gesammelt, die noch als Ziegel verwendet werden sollen. Dafür klapperten sie im 20-Kilometer-Radius sämtliche Bars und Restaurants ab. Besucher fragten sich: „Was saufen die hier so viel?!“ Roman Huber geriet nicht in Erklärungsnot. „Gott sei Dank war die Baustelle schon am Laufen“, sagt er. Einmal kam es auch vor, dass sich ein Anwohner wegen der lauten Musik beschwerte, die während der Arbeit lief. Heute und morgen besteht die Gefahr nicht, dann nämlich ruht die Baustelle. Die Arbeiter sind in Berlin – auf einer Demo gegen das Freihandelsabkommen TTIP.

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