Der Blick in den Abgrund

Schwäbisch Hall.  Schwarzer Himmel, graue Landschaft, ein Feld schwarzer Stümpfe, davor ein rostiger Gartenstuhl: "Espenbaum", das monumentale Anselm-Kiefer-Bild im Adolf-Würth-Saal, beschwört den Weltuntergang.

Unter dem Werk, das zur Ausstellung "Waldeslust" gehört, sieht es ähnlich düster aus. "Wir blicken alle gemeinsam in den Abgrund", sagt die CDU-Abgeordnete Inge Gräßle. "Die Krise weitet sich aus", konstatiert Henning Arp, Regionalvertreter der Europäischen Kommission. "Gibt es eine Inflation, wird es auch bei uns handfest", fürchtet FDP-Kreisrat Stephen Brauer. "Hätten wir eine Jugendarbeitslosigkeit von 45 Prozent, wäre der Sprengsatz bei uns genauso da", weiß Halls OB Pelgrim. Und Manfred Kern, Landespolitiker der Grünen, gibt offen zu: "Ich weiß nicht, wie man das anpacken soll."

Wenn derzeit auf Podien über Europa geredet wird, dann erlebt man etwas Seltenes: Die sattsam bekannten Phrasen, die Allwissenheit vortäuschen, selbst das parteitaktische Geplänkel bleiben außen vor - Politiker sagen die Wahrheit, und die ist in diesem Fall: Niemand kennt sie.

Stephen Brauer zum Beispiel, erst seit wenigen Jahren politisch aktiv, erzählt, dass er in seinem Brotjob als Lehrer auch das Thema Europäische Zentralbank behandelt und von seinen Schülern gefragt werde, warum denn nicht mehr stimme, was in den Schulbüchern stehe - etwa, dass die EZB keine Anleihen aufkauft. ",Das ist doch ein Trick, Herr Brauer, heißt es dann", sagt der FDP-Mann, "und ich sage: ,Ja, es ist ein Trick."

Nicht lange dauert es, und es geht um Griechenland. Dass der Name Merkel dort ein Schimpfwort ist, hat Hermann-Josef Pelgrim vor Ort erlebt. Nicht auszudenken, welche Meinung man dort erst von Inge Gräßle hätte, wüsste man in Athen um den Furor der Politikerin. Sie ist "zornig und enttäuscht", dass sich so wenig bewegt. Es sei brandgefährlich, den Deutschen zu sagen, sie müssten Steuern zahlen, damit "schwerreiche Griechen verschont bleiben".

Den Einwand von Henning Arp, es seien "keine Laster mit Steuergeldern unterwegs", man bürge nur dann, wenn Griechenland insolvent sei, kontert Gräßle: "Griechenland ist insolvent." Auch eine Erweiterung um Bulgarien, Rumänien oder die Türkei sei nur gegen ihren Willen zu machen - "das überfordert uns".

Dem stellt Pelgrim die "friedensphilosophische Komponente" Europas entgegen. "Ich würde die Tür niemals ganz schließen", meint der Sozialdemokrat, der überdies für ein Europa "der unterschiedlichen Geschwindigkeiten" plädiert - einst von Joschka Fischer vorgeschlagen.

Die Chance, hier einzuhaken, lässt der blässliche Grünen-Vertreter Manfred Kern ungenutzt verstreichen. Seine Replik auf den Vorwurf aus dem Publikum, die neue grün-rote Landesregierung würde trotz Steuermehreinnahmen neue Schulden machen: Man verspreche den Leuten aus der Opposition heraus eben leichter etwas. Wers gut mit Kern meint, findet das genauso ehrlich wie den Tenor des Abends, dass eigentlich niemand so recht weiß, wie es nun weitergehen soll.

Wenn etwa Stephen Brauer feststellt, dass die Politik des Deficit Spending noch nie funktioniert habe, Hermann-Josef Pelgrim zustimmend nickt und Inge Gräßle nicht widerspricht, reibt man sich verwundert die Augen: FDP, SPD und CDU negieren im Handstreich die Politik der letzten 50-Jahre.

Der Blick schweift nach oben. An die Wand ist ein Gedicht von Ingeborg Bachmann gemalt. Es heißt: "Das Spiel ist aus". Dann gibt es Sekt.


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Autor: HOLGER STRÖBEL | 29.11.2011

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