96 Prozent scheitern an Sprache Ein Jahr nach Fachkräfte-Anwerbeaktion: Pelgrim zufrieden, Agentur-Chef nicht

Vor fast genau einem Jahr hat die Stadt Hall Journalisten aus krisengeplagten Euroländern eingeladen, um auf den Fachkräftemangel aufmerksam zu machen. Die Verantwortlichen sind geteilter Meinung.

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Ein beinahe historischer Tag: Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim spricht am 26. Januar 2012 im Haller Rathaus mit Journalisten aus fünf europäischen Ländern. Archivfoto: Ufuk Arslan

Acht Journalisten aus fünf europäischen Ländern sitzen gut gelaunt, aber erschöpft im Rathaus. Die Stadt hat sie eingeladen, um über den Fachkräftemangel in der Haller Region zu berichten. Das war am 26. Januar 2012. Ein Jahr später ist die Stadt um einige Erfahrungen reicher - auch um einige Portugiesen. "Zwischen 25 und 40 sind hergezogen", sagt Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim.

Was die Autorin Madalena Queirós mit ihrem Bericht in der Wirtschaftszeitung "Diário Económico" losgetreten hat, "eröffnete für einige Chancen, zerstörte aber auch Hoffnungen", bringt es Pelgrim auf den Punkt.

Über Nacht fluteten Bewerbungen von rund 15000 Portugiesen die Haller Arbeitsagentur und legten die Server lahm. Es dauerte sechs Monate, um alle abzuarbeiten, so der Agenturchef Stefan Gutfreund. "In der Hoch-Zeit waren bis zu 45 Mitarbeiter damit beschäftigt." Damals, vor der Zusammenlegung mit dem Bezirk Tauberbischofsheim, hatte die Agentur 140 Angestellte.

Grund für die Bewerberflut, so Pelgrim: Im Zeitungsbericht stand, dass Deutschkenntnisse unwichtig seien. "Wir wurden von Personen überrannt, die sprachlich keine Chance hatten" - das betrifft 96 Prozent. Doch gerade die hohe Zahl sorgte für den weltweiten Hype. "Trotzdem haben wir unser Ziel vollumfänglich erreicht", resümiert Pelgrim. Hall habe auf sich aufmerksam gemacht. Der Fachkräftemangel wurde bundespolitisch zum Thema.

Aussortieren war angesagt, beispielsweise bei Optima in Hall. 800 Bewerbungen gingen dort ein. "Wir haben niemanden eingestellt", sagt Sprecherin Sabine Gauger. "Die Profile haben nicht gepasst."

Rainer Grill, Sprecher von Ziehl-Abegg, sieht die Aktion dennoch positiv: "Wir haben enorm an Renommee gewonnen." Das Künzelsauer Unternehmen sei weltweit in der Presse aufgetaucht. "Die Einstellungsquote von ausländischen Fachkräften, also nicht nur Portugiesen, war 2012 hoch." Und noch immer meldeten sich qualifizierte Bewerber.

Die Spedition Schmitt beschäftigt im Lager in Sulzdorf sieben Portugiesen - und finanziert deren Deutschkurs. "Wir haben einen hohen Bedarf an Lagerkräften, wobei die Sprache nebensächlich ist", erzählt Geschäftsführer Eric Leuchters. "Das Amt hat uns die Arbeiter vermittelt." Die Portugiesen seien "nett, aufgeschlossen und lernwillig".

Davon profitiert auch das Goethe-Institut, das sogar Dozenten nach Künzelsau schickt, um den ausländischen Mitarbeitern die deutsche Sprache zu vermitteln. "Zahlreiche Unternehmen kooperieren mit uns, beispielsweise Bausch und Ströbel, Recaro und die Bausparkasse", berichtet Barbara Malchow-Tayebi, Instituts-Leiterin. Seit Kurzem gebe es eine hohe Nachfrage nach Abendkursen für Fachkräfte - das Institut bietet nun drei.

Arbeitsagentur-Chef Stefan Gutfreund kritisiert die Aktion dennoch. "Das war zu unspezifisch." Die Stadt hätte gezielt zu offenen Stellen suchen sollen - und nur in den Bereichen, die nicht mit deutschen Arbeitslosen abgedeckt werden können. "Aus Sicht der Agentur ist diese Form nicht geeignet", so Gutfreund. Dennoch sei es richtig, sich langfristig etwas gegen den Fachkräftemangel auszudenken. "Der Bedarf ist da, wenn auch selektiv." Denn häufig passe das Profil nicht. Der Bezirk Hall-Tauberbischofsheim habe 10573 Arbeitslose bei 3853 offenen Stellen. "Das sind 2,7 Arbeitslose je Stelle. Damit stehen wir bundesweit auf Platz 6."

Von den 15000 Bewerbern wurden bundesweit 20 an Betriebe vermittelt. 2000 wurden in Vermittlungssysteme eingetragen. "Dazu haben wir keine Rückmeldung", so Gutfreund. Die 20 bis 45 Portugiesen, die direkt bei den Firmen in Hall einen Job gesucht haben, müssen noch dazu gerechnet werden. Sie tauchen in keiner Statistik auf.

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