90. Geburtstag: Die Sehnsucht nach der Heimat ist bis heute geblieben

"Ich stand da wie eine Säule und hatte Höllenangst", erinnert sich Irmgard Urbaniak an jenen Januartag 1945, als ein Tiefflieger über ihrem Heimatort kreiste. Sie erinnert sich daran, als sei es gestern gewesen.

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"Ich bin immer noch daheim", sagt sie, und die Sehnsucht ist geradezu spürbar. Vor ihr liegt der Städte-Atlas Ostpreußen und eine Karte von Deimemünde, von jenem kleinen Ort, in dem sie ihre Kinder- und Jugendzeit verbracht hat. "Eine wunderschöne Zeit in einer wunderschönen Landschaft", schwärmt die Frau, die heute vor 90 Jahren das Licht der Welt erblickt hat. Und zum Beweis der Schönheiten zeigt sie Fotos vom Elternhaus, vom Leuchtturm, von Booten, vom kurischen Haff, von ihrer geliebten Heimat, die sich so tief in ihr Herz und ihre Erinnerungen eingegraben haben, dass sie bis heute lebendig sind.

Irmgard Urbaniak gehört zu der Generation, die ein für die nachfolgenden Generationen kaum vorstellbares und nachvollziehbares Leben durchgemacht hat. Sie gehört zu dem Kreis von Menschen, die die Zeit des Deutschen Reichs und ihre Folgen erlebt und durchlitten haben, die aus ihrer Heimat verjagt wurden, sich mit unbekanntem Ziel auf den Weg machen mussten, nach vielen Stationen irgendwann, irgendwo angekommen, mit ihren Gedanken aber immer in ihrer Heimat geblieben sind. Und sie gehört zu den Menschen, deren Erinnerungen noch so gut und deren Geist noch so klar ist, dass sie darüber erzählen, sehr viel erzählen können.

Spontane Turnübung beim Kaffee trinken

Für "Irmchen" ist diese Heimat in Ostpreußen. So wird sie von ihren Tanten in Berlin genannt, einem von vielen Zufluchtsorten der Neunzigjährigen. Die Kinder- und Jugendzeit in der über alles geliebten Heimat ist für sie weitaus wichtiger und schöner, als die neue Zeit danach, weshalb sie dieser Zeit bei dem Gespräch auch nur wenig Zeit und Bedeutung einräumt. Dreimal ist die gelernte Damenschneiderin verheiratet. Sie bringt zwei Söhne zur Welt, arbeitet unter anderem in einer Mantelfabrik und Änderungsschneiderei, lebt in Rotenburg an der Wümme, in Landau in der Pfalz, in Gügglingen und Esslingen und jetzt in Riedbach bei Sohn Klaus und Schwiegertochter Erika. Sie versorgt sich selbst, kümmert sich um die Blumen, arbeitet sehr gerne im Garten, liest gerne Romane und ist gesundheitlich wohlauf, wie sie mit einer spontanen Turnübung eindrucksvoll unterstreicht.

"Schauen Sie das an", zeigt sie voller Stolz und Begeisterung ein Bild von dem auf Stelzen stehenden Elternhaus, in dem sie zusammen mit vier Geschwistern aufwächst. "Wie die Orgelpfeifen", kommentiert sie ein Bild mit drei Buben und zwei Mädchen. Sie erinnert sich an ihren Vater, der Fischermeister und Gemeindevorsteher in dem sechs Häuser und 30 Einwohner zählenden Dorf ist, sie erzählt von dem Kirschbaum vor dem Haus ("oben haben die Spatzen geerntet, unten die Hühner und wir sind leer ausgegangen") und dem in Sichtweite stehenden Leuchtturm, den Kurenkähnen und dem großen Hochwasser, von den Fahrten mit dem Boot und vom Schlittschuhlaufen. Und sie erinnert sich an den 21. Januar 1945, als sie alle in Deimemünde über die Räumung informieren muss, als ein Tiefflieger über das Dorf kreist.

Mama und Irmchen machen sich bei eisiger Kälte mit zwei Koffern auf den Weg mit unbekanntem Ziel. Sie werden zusammen mit 60 anderen Menschen in einen Viehwaggon ohne Fenster gepfercht. Sie hält sich immer wieder die Hände vors Gesicht, wenn sie davon erzählt, dass sie dem verheerenden Angriff auf Dresden ("das war ein einziges Feuer") entgehen, weil es im Zug keinen Platz gibt, wenn sie über die Zeit spricht, als sie mit dem Leiterwagen von einem zum anderen Ort ziehen, hungern und krank werden, wie Abertausend Flüchtlinge auf die Unterstützung anderer angewiesen sind, nicht wissen, wo die Angehörigen sind, sich Sorgen machen.

Dann treffen sie den Mann und Vater, der später in einer Zuckerfabrik in Stendhal Arbeit findet. Glückliches Ende und neuer Anfang, der die Vergangenheit aber nicht ersetzen kann. Die alte Heimat lebt in Irmgard Urbaniak bis heute weiter. "Schauen Sie mal", zeigt sie auf ein Bild ihrer Großeltern, "und das war unsere Schule."

Nein, sie war nicht mehr in ihrer alten Heimat. Ihr Bruder schon und der hat Bilder mitgebracht, auch vom Elternhaus. Von dem sind nur noch Mauerreste übrig. Da schaut die Jubilarin lieber die alten Fotos von der alten, schönen Heimat an.

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