600 Arbeitsstunden und 2000 Euro: Das kostet ein Faschingswagen

Zum Faschingsumzug in Bühlertann am Sonntag haben sich neben Fußgruppen, Garden und Kapellen auch 18 Motivwagen gemeldet. Darunter die Gruppe Eintracht Dorfplatz.

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Die Bühlertanner Wagenbauer.  Foto: 

Matthias Schneider (45) stülpt sich ein über 20 Jahre altes weißes T-Shirt über, das sich hauteng seinem muskulösen Oberkörper anpasst. Der schwarze Schriftzug „Eintracht Dorfplatz Bühlertann“ geht dabei leicht in die Breite. Ebenso das stilisierte Bühlertanner Wappen, an dessen Tanne ein biertrinkender Jugendlicher lehnt. Einer der „2,0 % Göttlichen“, wie die T-Shirt-Rückseite verrät. Zu diesen gehörte Schneider als Jugendlicher. „Das T-Shirt passt noch“, verkündet er stolz und reckt die Brust. „Und das Bier schmeckt auch noch“, prostet er Michael Vogel (45) zu.

Die beiden Freunde schwelgen in Erinnerungen. Regelmäßig sehen sie sich nur noch an Fasching. Vor 20 Jahren aber trafen sie sich täglich. Nach Feierabend aufm Rathausbänkle am Dorfplatz, von wo der Abend seinen Lauf nahm. Ab den 90er Jahren vermehrt in Fahrgemeinschaften, weil der Golfkrieg die Spritpreise in die Höhe peitschte und den jungen Männern das wenige Geld aus der Tasche zog. „Während einer solchen Fahrgemeinschaft haben wir beschlossen, an Fasching mit einem eigenen Wagen mitzumachen“, erinnert sich Vogel. „Und selbstredend das Thema der Situation entnommen – Fahrgemeinschaft“, ergänzt Schneider. Das war im Januar 1994. Dann musste es schnell gehen. Bei Vogels in der Garage flexten die Freunde das Dach von einem alten Auto und funktionierten den Wagen in einen rollenden Biergarten für die 20 Cliquenmitglieder um. Wer auf den beiden Schrannen keinen Platz fand, durfte auf einer Matratze auf der Motorhaube mitfahren. „Da hat Wagenbauen noch richtig Spaß gemacht“, schwärmt Schneider sehnsuchtsvoll. Heute nicht mehr?

Dorfplatz-Airline, James-Bond-Pistole und ein Stern mit Auto-Nebelscheinwerfern

Das „Schon“ kommt zögerlich. „Heute haben wir Familie, Kinder, einen Job, sind nicht mehr 20 sondern über 40“, zählt Peter Schneider (46) auf. „Die Wagen entstehen nicht mehr in einer Hauruck-Aktion über Nacht, sondern sind ausgefeilter geworden, größer, technischer“, lenkt sein Bruder Matthias den Fokus weg von der Familie auf die Bausituation. Und fixiert seinen Schwager Peter Wratschko (43). Der nickt schuldbewusst. Denn die technischen Raffinessen gehen auf sein Konto. Zusammen mit Thomas Herdlitschka (49), genannt Herzle, stieß er 2005 zum Dorfplatz. Fortan waren die Wagen nicht mehr nur toll, sondern konnten auch tolle Dinge. 2006 blitzten die Augen des spanischen Stiers mit Hilfe von Auto-Nebelscheinwerfern, zwei Jahre später drehte sich der Stern – der überm Dorfplatz steht – dreidimensional im Kreis, die 15 Meter lange Dorfplatz-Airline vor drei Jahren konnte sich neigen, ihre Flügel ausklappen und einen Start simulieren und die schwenkbare James-Bond-Pistole 2013 schoss Konfetti ab. „Bis beim Fuchs der Pressluftschlauch riss und wir keinen Druck mehr aufbauen konnten“, zeigt sich Herzle noch immer enttäuscht.

Doch Tüftler lassen sich nicht unterkriegen. Für den Jubiläumswagen haben sie schon etwas Neues ausgeheckt. Die Männer grinsen und zeigen auf ein vier Meter hohes filigranes Stahlgeflecht. Was daraus wird, bleibt geheim. Dass etwas daraus wird, haben 20 Jahre Erfahrung gezeigt. „Dafür arbeiten 46 Männer, Frauen und Kinder 600 Stunden“, hat Wratschko im Vorjahr ausgerechnet. Was im Berufsleben einem Arbeitspensum von drei Mann täglicher Arbeit einen ganzen Monat lang entspricht. „Und kostet, ohne Arbeitszeit, rund 2000 Euro“, schiebt Siegfried Gürth (46), der Mann, der beim Dorfplatz das Geld verwaltet, die Bilanz hinterher. Geld und Zeit, die viel närrischen Idealismus verlangt. Die der Bühlertanner Faschingsnarr aber bereit ist einzusetzen.

Ein Auto mit abgefrästem Dach war nur der Anfang

„Weil Fasching zu Bühlertann gehört, wie die Bühler, die Tanne und der zwei Promille Göttliche Matthias“, sagt Helmut Markl (46) lachend und boxt seinem Kumpel im legendären Dorfplatz-T-Shirt in die Seite. Der es jetzt auszieht und seinem Neffen Lukas (17) weiterreicht. Ist der Gymnasiast der Dorfplatzsamen? Lukas verdreht die Augen. „Nein. Ich mach’ mit, weil ich schon immer mitgemacht habe“, sagt er geradeheraus wie es nur Jugendliche können. Im gleichen Boot säßen auch seine Cousinen und Cousins. Gefällt es ihnen etwa nicht? „Doch!“ Die ewige Nachwuchsdebatte nerve nur, erklärt Lukas. Sie könnten ohne das Wissen ihrer Eltern solche Wagen nicht bauen. Wüssten auch gar nicht wo. Der Dorfplatz baue etwa beim Reichert in Ummenhofen, weil Herzle dort arbeite. Soll er in der Schule bauen? „Cool bleiben“, sagt Vater Peter Wratschko. Der weiß, dass ein Übergang innerhalb der Gruppe nicht funktionieren wird. Dass die Jungen in der Gruppe nur in den Fasching hineinwachsen müssen um sich dann selber zu finden. Sie selbst seien schließlich auch nicht mit der Dorfplatz-Airline an den Start gegangen, sondern mit einem kleinen Auto mit abgefrästem Dach.

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