41 Jahre Schultheiß von Westheim

Eine "Bilderbuchehe" soll Friedrich Eisenmenger (1846 - 1915) mit seiner Ehefrau Marie geführt haben. Er war Schultheiß, sie die "Rössle"-Wirtin. Nur wenn sie die Sperrstunde überzog, hörte der Spaß auf.

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  • Die Friedrich-Eisenmenger-Straße befindet sich im Westheimer Wohngebiet "Im Ghai". Dort lebt auch die Familie Emmler. Die Frau des Hauses, Anja Emmler, sagt über die Nachbarschaft: "Hier wohnt es sich schön. Man kennt sich." Foto: Ufuk Arslan 1/3
    Die Friedrich-Eisenmenger-Straße befindet sich im Westheimer Wohngebiet "Im Ghai". Dort lebt auch die Familie Emmler. Die Frau des Hauses, Anja Emmler, sagt über die Nachbarschaft: "Hier wohnt es sich schön. Man kennt sich." Foto: Ufuk Arslan
  • Friedrich Eisenmenger war 41 Jahre Westheimer Bürgermeister. 2/3
    Friedrich Eisenmenger war 41 Jahre Westheimer Bürgermeister.
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Friedrich Eisenmengers Tochter Lina leitete mit ihrem Mann eine private Handelsschule in Landau. Eines sonntags spazierte sie - wie für diese Zeit und ihre Position üblich - fein ausstaffiert durch den Stadtgarten. Nebenan arbeiteten einige Bauern. Einer von ihnen rief in derbem Ton: "Na ihr Stadtfratzen, ihr spaziert herum, während wir das Heu machen." Das ließ sich Friedrich Eisenmengers Tochter nicht zweimal sagen. Sie drückte ihrem Mann Schirm und Hut in den Arm, nahm dem Bauern die Sense aus der Hand, dengelte sie und begann, mit der gewetzten Sense zu mähen. Just in diesem Moment erkannte der Bauer, wen er vor sich hatte. "Frau Direktor", stammelte er, "wenn ich Sie erkannt hätte . . .". Sie entgegnete: "Niemand nennt mich einen Stadtfratzen! Denn Sie müssen bedenken: Ich war meinem Vater in Westheim die beste Magd."

Über Friedrich Eisenmenger selbst sagt das zwar nicht unmittelbar etwas aus, wohl aber über seine Erziehung. Jedes seiner sechs Kinder (drei Töchter und drei Söhne) genoss zwar eine sehr gute Schulbildung, blieb aber auf dem Boden. Und das wiederum trifft auch auf Friedrich Eisenmenger zu.

Am 11. Mai 1846 wurde er als Jakob Friedrich Eisenmenger in Westheim geboren. Er besuchte das Realgymnasium in Hall, wo damals der höchstmögliche Schulabschluss in der Region zu erlangen war. In die Geschichte der Gemeinde Westheim ging er aus zweierlei Gründen ein: Zum einen war Eisenmenger von 1874 bis 1915 Schultheiß von Westheim und hat damit bis heute von allen Rosengartener Bürgermeistern die längste Amtszeit inne: stolze 41 Jahre. "Er war unglaublich gerecht, uneigennützig und in der Gemeinde sehr hoch angesehen - sowohl bei einfachen Bauern als auch bei seinen Vorgesetzten", weiß seine Urenkelin Grete Horlacher-Fuchs aus Erzählungen.

Nebenbei betrieben er und seine Frau den Gasthof "Rössle" und die Landwirtschaft - mit Sicherheit ein Grund für seine Beliebtheit. Zwischen seinen beiden Funktionen als Schultheiß einerseits und als Wirt andererseits trennte Eisenmenger strikt, was bisweilen kuriose Züge annahm. So schickte er seiner Frau, die offiziell das Rössle leitete, regelmäßig den Ortsbüttel auf den Hals, wenn diese wieder einmal die Sperrstunde überzogen hatte. Er fand: Wenn andere Wirte für etwas gestraft werden, sollte sie es auch. "Er war eben unheimlich korrekt", sagt seine Urenkelin.

Sein Verhalten soll der Ehe indes nicht geschadet haben. Im Gegenteil: "Sein Enkel erzählte mir von einer Bilderbuch-Ehe, die die beiden führten", so Grete Horlacher-Fuchs, die inzwischen die Zügel im Rössle in der Hand hält. Friedrich Eisenmenger war verheiratet mit Marie. Kurioserweise war sie ebenfalls eine geborene Eisenmenger. Marie war seine Cousine aus Uttenhofen. Ihr Glück fanden die Eheleute in den gemeinsamen Stunden im Kreise der Großfamilie. "Deren Blühen und Gedeihen war sein größtes Glück. Ihre Freude war seine Freude, ihre Sorge war seine Sorge", liest Grete Horlacher-Fuchs aus der Grabrede vor, die Pfarrer Löhrl gehalten hat.

Besonders stolz war Friedrich Eisenmenger auf die Beziehung, die zwischen der Familie Eisenmenger und dem Reformator Johannes Brenz bestand. Es war so, dass Brenz zweite Frau eine geborene Eisenmenger war - das erzählte der Westheimer Schultheiß gerne zu unterschiedlichen Gelegenheiten.

Für seine Verdienste um die Gemeinde Westheim erhielt Friedrich Eisenmenger noch zu Lebzeiten die Verdienstmedaille in Silber und Gold sowie das Verdienstkreuz des Friedrichsordens vom König von Württemberg verliehen. Er starb schließlich an einem schweren Herzleiden am 1. Oktober 1915 mit 69 Jahren in Westheim.

Seit etwas über einem Jahr wohnt die junge Familie Emmler in einem Haus in der Friedrich-Eisenmenger-Straße. "Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich viel Grün und die Nachbarhäuser", erzählt Anja Emmler, während im Hintergrund die kleine Lara zu hören ist. "Wir sind aus der Haller Innenstadt nach Westheim gezogen, weil ich schwanger war und wir hier ein nettes Haus gefunden haben." Von den Nachbarn seien sie herzlich aufgenommen und sogleich zum jährlichen Grillabend eingeladen worden. Geselliges Beisammensein und Gastfreundschaft in der Friedrich-Eisenmenger-Straße - das hätte dem Namensgeber sicher prima gefallen.

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