Geläutert und weise

Unteraspach.  Brauche ich die Kirche - braucht die Kirche mich? Die Besucher der Veranstaltung am Samstag in Unteraspach haben die Fragen für sich beantwortet.

Mit gesenktem Kopf beten sie zu Beginn und zum Ende des Abends. Auch für den Referenten, Paul Dieterich, lange Dekan in Hall, später Prälat in Heilbronn, heute mit 68 in Weilheim/Theck in Ruhestand, sind das nur rhetorische Fragen.

Paul Dieterich, hineingeboren in eine Pfarrerdynastie ("Seit zehn Generationen waren meine Vorväter fast alles Pfarrer - wir können nichts anderes"), haderte manches Mal mit der Kirche. Immer noch treibt ihn um, wie das "Heuchelsystem Kirche", seinen Onkel Paul Schneider, den Prediger von Buchenwald, zur Ermordung freigegeben hatte. Dessen Geschichte und die Haltung der Kirche hat er in einem Buch aufgearbeitet. Dieterich ist nach seinem ermordeten Onkel benannt worden, dessen Foto steht seit Jahrzehnten auf seinem Schreibtisch. Deshalb, so sagt er, "wäre ich am liebsten explodiert", als ihn während des Theologiestudiums ein älterer Pfarrer gefragt habe, ob er die Kirche liebe.

Jung und radikal war er auch als 19-jähriger Wehrdienstverweigerer. Er warf der Kirche vor, die reine Lehre von der Feindesliebe zu verwässern. Angewidert war er von einer Kirche, die in immer neuen Schlussverkäufen die Preise herabsetze, um auf dem Markt der Sinnanbieter konkurrieren zu können - "billige Gnade zu Schleuderpreisen".

Er sei oft ungeduldig gewesen, sagt Dieterich und schaut die rund 70 Besucher der altpietistischen Gemeinschaft über den Rand seiner Brille an. Er macht eine Pause und lässt das Gesagte nachwirken. Er schiebt seine Fäuste tief in die Hosentaschen, holt sie wieder heraus und stützt sich am Pult ab. "Vor 40 Jahren hätte ich gesagt: Diese Kirche brauchen wir nicht." Heute wisse er, Wahrheit sei vielschichtig; auch in der Stille gebe es viele, die im Geist Jesus wirken.

"Wir brauchen die Kirche", sagt Dieterich, "weil wir das Evangelium von Jesus Christus brauchen, die Botschaft, dass jeder und jede von uns rundum von Gott geliebt ist und dass darin unsere unzerstörbare Würde liegt."

Mit großer Vehemenz geißelt er das Denken, dass nur derjenige wertvoll sei, der Leistung bringe. "Diese Auffassung hetzt die Menschen gegeneinander auf im Kampf gegen alle. Sie macht die Menschen gierig und brutal oder depressiv und unzufrieden mit sich."

Dieterich erwähnt in seinem Vortrag zwei-, dreimal seine 35-jährigen Tochter Esther, die an epileptischen Anfällen leidet. Sie lebt in seinem Haushalt. So wirkt seine Aussage glaubwürdig, auch wenn klar ist, dass er selbst jemand ist, der leistungsorientiert lebt. Später wird deutlich, worin er für sich den Unterschied macht - es gehe darum, als Fürsprecher tätig zu werden, für die Menschen, für die Kirche.

In seiner Forderung nach Respekt und liebender Annahme der Menschen geht Dieterich noch weiter: "Der Wert und die Würde eines Menschen hängt nicht von dem ab, was er Böses oder Gutes getan hat." Kein Christ solle sich als Sittenrichter aufspielen. Dieser Punkt ist in abgewandelter Form am Ende des fast zweistündigen Vortrags Thema der Diskussion: Welche Bedeutung habe die altpietistische Gemeinschaft in der Kirche, will ein Besucher wissen. Er leide an den separatistischen Strömungen in der Kirche, sagt Dieterich.

Er halte es nur schwer aus, wenn die Gläubigen nicht mehr miteinander beten, singen, das Brot teilen. Fehlten aber die Gemeinschaften, wäre das ein Aderlass für die Kirche. Dass Toleranz persönliche Stärke braucht, zeigte er an sich: Zwei seiner Enkelkinder seien katholisch. Es falle ihm nicht leicht, sich da zurückzunehmen.


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Autor: ELISABETH SCHWEIKERT | 06.09.2010

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