Mathias Ziegler aus Heroldhausen

Ein Zimmermann auf der Wanderschaft

Rot am See.  Mathias Ziegler hat gestern nahezu alle Brücken hinter sich abgebrochen und sich auf einen weiten Weg gemacht, dessen Ziel er nicht kennt. Der 22-jährige Zimmerergeselle ist unterwegs auf der Wanderschaft.

Drei Jahre und einen Tag lang darf Mathias Ziegler seinem Heimatort Heroldhausen (Gemeinde Rot am See) nicht näher als 60 Kilometer kommen. So will es der Brauch der reisenden Gesellen, zu denen Ziegler jetzt gehört. Zu Fuß und per Anhalter ziehen sie von Ort zu Ort und bitten bei Handwerksbetrieben um Arbeit, Quartier oder Essen.

"Es ist nicht einfach, alles zurückzulassen, aber ich weiß, dass es für mich der richtige Weg ist", meint Ziegler. Nach der Hauptschule hatte er in Amlishagen bei der Firma Güttler seine Lehre absolviert und 2007 abgeschlossen. Zuletzt arbeitete er in Eichenau bei der Firma Kratzer; diese Stelle hat er jetzt aufgegeben, um auf die Wanderschaft zu gehen.

In den ersten Monaten wird Ziegler von einem erfahrenen Gesellen, dem "Exportgesellen", begleitet. Von Dojan Jensen soll Mathias Ziegler alles lernen, was man auf der Walz zum Überleben braucht. Der 28-jährige Tischler und Schiffszimmermann aus Flensburg ist seit zweieinhalb Jahren auf der Wanderschaft, die ihn unter anderem bis nach Indonesien und Australien geführt hat. Mit zwei weiteren Gesellen, dem 30-jährigen Sascha Zemva aus Tostedt in der Lüneburger Heide, und dem ebenfalls 30-jährigen Mokka, der keinen anderen Namen angeben möchte, hat Jensen jetzt Mathias Ziegler in seinem Heimatort abgeholt.

Der Abschied folgt einem festen Ritual. Dazu gehört, dass der "Jungreisende" am Ortsschild eine Flasche Schnaps vergräbt, die er zur Hälfte ausgetrunken hat. Die andere Hälfte wird er dann bei seiner Rückkehr leeren. Für Mathias Ziegler war dieser Brauch schon die erste Bewährungsprobe, denn er stieß mit dem Spaten schon bald auf grobes Gestein, so dass eine schweißtreibende Arbeit nötig war, bis das Loch die vorgeschriebene Tiefe von 80 Zentimetern erreicht hatte.

Das nächste Hindernis ist das Ortsschild, das der junge Wandergeselle übersteigen muss. Er klettert hinauf, lässt sich sein Gepäck reichen und wirft es auf der anderen Seite hinunter. Solange er noch auf dem Schild sitzt, darf er sich noch mit seinen Angehörigen und Freunden unterhalten und sich verabschieden. Sobald er aber auf die andere Seite gesprungen ist, darf er nicht mehr zurückblicken.

Eine Flasche Bier hat Mathias Ziegler gestern auf dem Ortsschild sitzend getrunken, seiner Familie, seinen Freunden und Nachbarn, die ihn in großer Zahl verabschiedeten, noch einen Gruß zugerufen, dann ist er gesprungen - und ohne einen Blick zurück losgelaufen.

Wohin ihn der Weg führen wird, wusste Ziegler nicht. Dojan Jensen antwortet auf die Frage nach dem Ziel: "Mein Plan ist kein Plan." Etwas genauer geht es dann aber doch: Durch Ostdeutschland soll der Weg an die Ostsee führen. Dort kennt Jensen einen Kapitän, der sie auf seinem Schiff mit nach Dänemark nehmen könnte.

Dojan Jensen, Mokka und jetzt auch Mathias Ziegler sind sogenannte "Freireisende", Wandergesellen, die keinem "Schacht", also keiner Gesellenvereinigung, angehören. Sascha Zemva dagegen gehört zu den "Rolandsbrüdern", deren Schacht 1891 gegründet wurde.




Info Wandergesellen

Reisende Gesellen erkennt man an ihrer typischen schwarzen Kleidung aus schwerem Baumwollstoff. Dazu gehört eine Zunfthose mit Doppelreißverschluss und Lederbesatz, ein weißes, kragenloses Hemd, das "Staude" genannt wird, eine Weste mit acht Perlmuttknöpfen, die symbolhaft für acht Stunden Arbeit am Tag stehen, eine Jacke mit sechs Knöpfen vorne für sechs Tage Arbeit in der Woche und je drei Knöpfen an den Ärmeln für drei Lehr- und drei Wanderjahre. Die Wandergesellen tragen einen "Deckel" genannten Hut, bei dem es sich um einen Schlapphut, einen Zylinder oder eine Melone handeln kann. Das Gepäck wird in Tüchern, den "Charlottenburgern" verschnürt. Den "Stenz", den Wanderstock, suchen sich die Gesellen auf der Wanderung. erz


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Autor: ERWIN ZOLL | 30.08.2011

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