Die meisten Kirchturmuhren spinnen eh

Seine ersten 70 Jahre feiert in diesen Tagen das von Rudolf Augstein (1923-2002) ins Leben gerufene Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Geliebt, gefürchtet und gehasst, berichtet die Redaktion nicht nur über die „großen“ Themen, sondern schielt gelegentlich auch in die vermeintliche Provinz – zum Beispiel nach Gaildorf.

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Zehn Jahre sollten ins Land ziehen, bis „Der Spiegel“ auf eine schwäbische Kleinstadt namens Gaildorf aufmerksam wurde. Damals herrschte hierzulande das, was man heute Pflegenotstand nennen würde: „Schwesternmangel“ in den Krankenhäusern. Im Beitrag „Rechtsschutz für die Haube“ (29. Juni 1957) berichtete das Magazin über die umstrittenen Gepflogenheiten der Orden und „Mutterhäuser“, ihre Schwestern per Mitgliedschaft an sich zu binden. Wer nicht beitrat, bekam halt keinen Job.

So handhabte es seinerzeit auch die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) mit ihrer Schwesternschaft, dem „Bund freier Schwestern“: Als die „das Gaildorfer Krankenhaus belegte, standen die dort arbeitenden freien Schwestern vor der Wahl, entweder Gewerkschaftszahler zu werden oder davonzuziehen. Wer nicht der ÖTV beitrat, erhielt die Kündigung.“ Was in völligem Widerspruch zum Arbeitsmarkt stand. Hintergrund: 1954 hatten die in Gaildorf tätigen Haller Diakonie-Schwestern nach 45 Jahren ihren Dienst aufgegeben – aus Personalmangel.

Streitbarer Rathauschef

Nach mehreren kleineren „Spiegel“-Notizen mit Bezügen zum Limpurger Land sorgte ein Kuriosum für Aufsehen – bundesweit: Mit „Fromme Front“ war ein Beitrag überschrieben, der den damals 30-jährigen und erst wenige Monate amtierenden Gaildorfer Bürgermeister Hans König in den Fokus rückte (10. Oktober 1966): Es ging um den berühmten Kirchturmstreit „im Wahlkreis des gottesfürchtigen Bonner Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier“. Dort, so berichtete das Magazin, „hadert ein Kleinstadt-Republikaner mit Thron und Altar“. Streitpunkt: „die Freiheit der kommunalen Kirchturmpolitik“.

Der streitbare Hans König hatte ein aus dem Jahr 1887 stammendes Gesetz, von König Karl von Württemberg erlassen, ins Visier genommen: Demzufolge standen die bürgerlichen Gemeinden bei Instandhaltung, Erneuerung und Erweiterung von Kirchtürmen, -uhren und -glocken finanziell in der Pflicht. Dies sollte nun 1966 ganz konkret geschehen: Die Schäden am Turm der Stadtkirche seien so groß geworden, „dass immer wieder Steine herunterbrachen und Kirchgänger und Fußgänger gefährdeten“, erinnerte sich Hans König später in seiner Schrift zum 200-jährigen Bestehen des Dekanats (2007). Dazu die „Spiegel“-Geschichte: „Als dann (...) im Mai dieses Jahres der Gaildorfer Dekan Gebhard Kirn dem Rathaus abermals eine saftige Turm-Rechnung präsentierte und für eine gründliche Renovierung 100 000 Mark aus der Stadtkasse begehrte, ging der neue Bürgermeister König mitsamt seiner Rathausgarde in Opposition.“

Tatsächlich summierte sich der begehrte städtische Beitrag auf 150 000 D-Mark. Insgesamt hatte man für die Turmsanierung 300 000 D-Mark kalkuliert. Das war dem Schultes doch zu viel: „Erstens sei ein Gaildorfer Vertrag aus dem Jahre 1890, in dem sich Stadt und Kirche im Zuge der Königsorder von 1887 auf Teilung der Turm-Kosten geeinigt hatten, völlig überholt, und zweitens sei gar kein Geld da“, wird König im „Spiegel“ zitiert.

Verstört habe nun der Dekan „seine Kirchenoberen“ alarmiert, die auf eine Erfüllung des Vertrags bestanden. „Im Angesicht dieser frommen Front“ glaube der Bürgermeister weder an die Unterstützung seiner schwäbischen Amtskollegen – „Die warten nur, bis ich mir die Finger verbrenne“ –, noch an eine Änderung des alten Gesetzes: „Dazu wird sich wohl keine Landtagsfraktion bereit finden wollen.“

Der (namentlich nicht genannte) „Spiegel“-Autor: „Gaildorfs Königs letzte Hoffnung: von der Kirche wegen Nichtzahlung der Turm-Tausender verklagt zu werden und so einen Musterprozeß ausfechten zu können.“ Dabei wolle er dann nachweisen, dass „die Vertragsgrundlagen von dazumal entfallen sind, seit es eine halbwegs formierte Gesellschaft mit Armbanduhren, Funk-Zeitansagen und Alarmsirenen gibt.“ Er habe, sagte König dem Magazin, „nicht das geringste gegen die Kirche. Doch ich sehe nicht ein, daß ich aufgrund eines alten Zopfes 100 000 Mark bezahlen soll.“ Und überhaupt, soll König noch bemerkt haben: „Die meisten Kirchturmuhren spinnen ja sowieso.“

Im „Starfighter“ über Gaildorf

Wie der Streit endete, berichtete Hans König in seiner Dekanats-Chronik: Der Oberkirchenrat habe auf Vertragserfüllung gepocht, das Innenministerium jedoch eine „Anpassung an die geänderten Verhältnisse“ für gerechtfertigt befunden. Eine gerichtliche Auseinandersetzung habe die Landeskirche aber „unbedingt verhindern“ wollen. Und doch Druck ausgeübt, wie sich König erinnert: „Die Verhandlungsbereitschaft der Stadt begann, als die Kirche, trotz massiven Einspruchs der Denkmalbehörde, mit dem Abbruch des Kirchturms drohte, da er für kirchliche Zwecke nicht unbedingt erforderlich sei.“ Nach vierjährigem Streit kam es zum Vergleich. Die Stadt Gaildorf bezahlte anstatt der geforderten 150 000 Mark einmalig 60 000 Mark und verständigte sich mit der Kirche darauf, sich künftig beim Turm mit 25 Prozent der Kosten, bei der Uhr mit 50 und bei den Glocken mit 20 Prozent zu beteiligen. Die Stadt habe damit rund 90 000 Mark gespart. König: „Das mag heute wenig erscheinen, aber damals war dies die Hälfte der Baukosten für den Kindergarten auf dem Bühl.“

Nicht ums Geld ging es in einer weiteren Reportage, sondern um ein viele Jahre währendes Ärgernis am Himmel über Deutschland: die Lärmbelästigung und Gefährdung der Bevölkerung durch militärische Tiefflüge: „Spiegel“-Redakteur Diethelm Schröder setzte sich hinter Oberstleutnant Gerd Overhoff im nordrhein-westfälischen Nörvenich in einen F-104 G „Starfighter“ der Bundeswehr und nahm an einem Manöver teil.

Ziel des Übungseinsatzes mit der Nummer 1271 und dem Code „Low Level Süd Sophie“, an dem sich drei Jets beteiligten: der Sendemast auf der Hohen Brach im Mainhardter Wald. Unter dem Titel „Wenn der Fliegendreck Flügel kriegt“ (30. Juli 1979) schildert Schröder im Stenogramm das für alle Beteiligten waghalsige und für viele Nicht-Beteiligten lästige Unternehmen: „Die drei Maschinen donnern, eine breite Lärmschleppe hinter sich her ziehend, nach einer großen Schleife in der Höhe von Ansbach in Richtung Ellwangen. Bauern und Waldarbeiter blicken starr nach oben und halten sich die Ohren zu, Kühe und Pferde auf den Weiden galoppieren davon.“

Und dann der zweite „Angriffsflug“: Die Maschine mit der Kennung 2724 fliege „schneller, tiefer. Dichter Wald, nach 45 Sekunden eine Lichtung. Stimmt. Nach weiteren 75 Sekunden Gaildorf. Stimmt.“ Nun wird ein Raketenabschuss simuliert: „Mein Blickfeld verengt sich, im Dunst, am Waldrand der Hohen Brach, erkenne ich gerade noch das Ziel, einen Sendemast.“ Für die Insassen des Fliegers ist das eine Tortur: Der Pilot, schreibt der Journalist, „keucht. Aber er hat, ständig vor sich hin murmelnd, das Ziel im Leuchtkreis des Visiers. Wir rasen auf den Sendemast zu. Schuß, abdrehen, steigen.“

Der doppelte Otto

Es gab aber auch viele „weiche“ Geschichten im Blatt. Etwa über den doppelten Otto Eisenmann (25. Juli 1966): Ein Mann solchen Namens, ein FDP-Bundestagsabgeordneter und Versicherungskaufmann aus Itzehoe, hatte eines Sonntags im Sommer 1966 eine Autopanne im Schwäbischen Wald. Niemand konnte ihm helfen. Dann rief er in seiner Verzweiflung Gaildorfs Polizeiwache an: „Hier ist Otto Eisenmann . . .“ Der Polizist unterbrach ihn: „Hier ist auch Otto Eisenmann.“ Der Anrufer fühlte sich veräppelt – bis ihn sein Gesprächspartner aufklärte: Er heiße wirklich Otto Eisenmann. Nun: Kommissar Eisenmann wusste Rat, fuhr auf einen Sportplatz und bat einen kickenden Kfz-Mechaniker, nach dem Schlusspfiff den Mercedes des Politikers Eisenmann wieder flott zu machen. Das laut „Spiegel“ glückliche Ende der Eisenmann-Geschichte: „Der Handwerker behob den Schaden kostenlos, der Abgeordnete dankte ihm mit 20 Mark Trinkgeld.“

So etwas gefällt den Lesern. Was manchen indes – bis heute – sauer aufstößt: Das Magazin soll vor Jahren einmal die Stadt Schwäbisch Hall eher beiläufig als „Kaff“ bezeichnet haben. Solche Arroganz mag man in Gaildorf nicht, selbst wenn sie sich gegen die (in der Vergangenheit nicht immer geliebte) Kreisstadt richtet.

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