Die Innenstadt in Schutt und Asche

Gaildorf heute vor 72 Jahren: Der Krieg zerstörte das Pückler-Schloss und die Stadtkirche durch Granaten. Viele Menschen starben.

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Es muss ein fürchterlicher Anblick gewesen sein an jenem 20. April 1945, heute vor 72 Jahren. Gaildorfs Stadtkirche brannte lichterloh. „Wie ein Untier, gegen das es keine Waffe gibt, zerstörte das Feuer unser Gotteshaus!“ Diese Erinnerung an einen der letzten Kriegstage brachte damals Gudrun Fritz zu Papier, Tochter des Pückler’schen Oberrentamtmanns Ludwig Fritz. Die Flammen hatten bereits auf das Schloss übergegriffen. Beide das Stadtbild prägenden Gebäude waren – wie schon während des Stadtbrands 1868 – dem Untergang geweiht.

Tausende von Toten hatte der Zweite Weltkrieg bis zu diesem Tag allein im Limpurger Land gefordert. Nach offizieller Zählung waren darunter 1168 Soldaten. Über die ungezählten Zivilisten, Vermissten und Ermordeten gibt es keine verlässlichen Angaben.

War die Stadt zunächst von den Wirren des Krieges weitgehend verschont geblieben, sollte ihr nun ihre damals strategisch günstige Lage zum Verhängnis werden: An diesem 20. April – einige Gebäude waren durch Luftangriffe bereits zerstört, die große Kocherbrücke gesprengt – rauchten noch die Trümmer der von US-Soldaten eingeäscherten Fraschhalle. Dort waren nach unbestätigten Berichten Panzerfäuste des Volkssturms gelagert. Nördlich des Kochers lagen die Reste einer Nachhut des 26. Grenadierregiments der 198. deutschen Infanteriedivision. In der Friedhofstraße und beim Steigenhaus waren leichte Geschütze in Stellung gebracht, südlich des Flusses 50 Panzer der 10. US-Panzerdivision, die durch weitere Einheiten verstärkt worden war.

Gegen 9.30 Uhr soll es gewesen sein, als die Deutschen die Amerikaner unter Beschuss nahmen. Scharfschützen auf beiden Seiten lieferten sich über mehrere Stunden hinweg harte Gefechte, die in einer Katastrophe enden sollten: Etwa um 19.30 Uhr – anderen Berichten zufolge bereits um 18 Uhr – bohrte sich eine deutsche Brandgranate durch das Dach der Kirche. Das Feuer fraß sich in Windeseile durch das Gotteshaus und das Schloss. Während die Kirche nicht vollständig verloren war, brannte das Schloss bis auf die Grundmauern nieder.

Graf Gottfried von Pückler-Limpurg war an diesem 20. April, seinem 74. Geburtstag, obdachlos geworden. Seine Frau, Gräfin Adele, hatte ihren in der Nacht zuvor erlittenen Schwächeanfall einfach weggesteckt, noch mehr den Verlust von Hab und Gut: „Es ist ja alles vergänglich, jetzt ist er weg, der Plunder“, soll sie gesagt haben, wie Gudrun Fritz später erzählte. Und auch der Graf, erklärter Gegner des Nazi-Regimes, das diesen Krieg vom Zaun gebrochen hatte, reagierte mit gottesfürchtiger Gelassenheit: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt!“

Nun ist in den folgenden Jahren die Kirche wiederaufgebaut worden. Das Schloss indes sollte nicht mehr das Stadtbild prägen. Das gräfliche Paar verzichtete auf einen Neubau, für den bereits ein Modell gebastelt worden war. Dieses Gebäude sei zwar ein „bitterer Verlust und unwiederbringliche Vergangenheit“, stellte Matthias Rebel zum 70. Jahrestag der Zerstörung fest. Dennoch wirke das Vermächtnis der gräflichen Familie in Form der „Graf von Pückler und Limpurg’schen Wohltätigkeitsstiftung“ – deren Geschäftsführer Rebel ist – in Gaildorf weiter fort.

Noch mehr als die Gaildorfer hatten in diesen Tagen die Menschen in Crailsheim zu leiden. Durch den völlig sinnlosen Widerstand gegen die US-Armee, von dem aus Gaildorf stammenden NSDAP-Kreisleiter Otto Hänle angeordnet, wurde die Stadt fast vollständig zerstört.

Einen Retter erschossen

Dass Gaildorf von einem ähnlichen Schicksal verschont blieb, ist nach heutiger Erkenntnis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einem Mann zu verdanken, der dafür mit dem Leben bezahlen musste: Im Morgengrauen des 21. April 1945, als Teile Gaildorfs noch in Flammen standen, wurde beim nur wenige Kilometer entfernten Hohenberg der 22-jährige Leutnant Alfred Scheffler aus dem ostpreußischen Elbing, von einem sogenannten Divisionskriegsgericht wegen „Fahnenflucht“ zum Tod verurteilt, erschossen.

Wie erst spät bekannt werden sollte: Scheffler hatte sich geweigert, Gaildorf zu „verteidigen“ – und auf diese Weise die Zerstörung der Stadt durch die US-Armee verhindert.

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