Zwei Herren über Leben und Tod

Ein SS-Hauptsturmführer und der NSDAP-Kreisleiter entscheiden sich 1945 für Widerstand gegen die US-Armee – und besiegeln damit den Untergang von Crailsheim.

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Kein Kapitel in der Crailsheimer Stadtgeschichte ist besser dokumentiert als die Zerstörung der Stadt am Kriegsende 1945. Man kennt die Namen der US-Offiziere, die mit einem Panzerverband am 6. April 1945 auf der „Kaiserstraße“ (heute B 290) von Bad Mergentheim her völlig überraschend in Crailsheim einrückten.

Man weiß auch bis auf die Kompanie genau, welche Einheiten der Wehrmacht ab dem 10. April bei der Rückeroberung der Stadt eingesetzt waren, und überliefert sind sogar die Funksprüche der US-Armee bei der zweiten und endgültigen Besetzung am 20. April 1945, als die Stadt vollends in eine einzige Trümmerwüste verwandelt wurde. Eine Gedenkfeier (siehe Info) erinnert heute daran. Merkwürdig blass in der historischen Überlieferung bleiben dagegen zwei Figuren, die eine entscheidende Rolle in dieser Tragödie am Kriegsende spielten. Sie waren Herren über Leben und Tod  und entschieden sich in ihrem blinden Fanatismus für den Untergang: Am Ende der „Schlacht um Crailsheim“ lebten 140 Kinder, Frauen und Männer aus der Bürgerschaft nicht mehr, die Innenstadt war zu 95 Prozent ausradiert.

„Hier wird gekämpft“

Die militärische Befehlsgewalt in Crailsheim lag in den Händen des „Kampfkommandanten“, dem SS-Hauptsturmführer Hübner. Von ihm ist bis heute nicht einmal der genaue Vorname bekannt.

Etwas mehr weiß man über den NSDAP-Kreisleiter Otto Hänle, der seit 1937 in der Bahnhofstraße 22 in Crailsheim residierte. Der gebürtige Gaildorfer des Jahrgangs 1902 war gelernter Bankkaufmann und wohnte mit Frau und drei Kindern in der Spitalstraße zur Miete. 1940 meldete sich Hänle freiwillig zur Wehrmacht, im Oktober 1943 kam er nach Einsätzen in Griechenland, auf dem Balkan und in Russland zurück nach Crailsheim.

Was die Stadt von diesem Mann zu erwarten hatte, falls der Krieg auch nach Hohenlohe kommt, zeichnete sich schon im Oktober 1944 ab, als Otto Hänle vor dem „Volkssturm“ auftrat: „Hier wird gekämpft – und wenn in Crailsheim der Krieg gewonnen werden muss.“

Als die US-Panzer dann am 6. April 1945 tatsächlich vor der Stadt auftauchten, zog es der Kreisleiter allerdings vor, sich mit seinem Tross aus dem Staub zu machen.  Eine Woche später kehrte Otto Hänle in das mittlerweile wieder „feindfreie“ Crailsheim zurück und quartierte sich zusammen mit dem „Kampfkommandanten“ Hübner in einem „Befehlsstand“ in der Kuppelismühle ein. Unter Androhung der Todesstrafe bei Nichterscheinen befahl der Kreisleiter den „Volkssturm“ aus umliegenden Gemeinden nach Crailsheim und ließ 13 Panzersperren errichten.

US-Angriffe provoziert

Der Polizei-Oberleutnant Franz Hilscher notierte 1955 in einem Bericht: „Über so viel Dummheit und Einbildung war ich erschüttert. Es wäre für die Stadt bestimmt besser gewesen, wenn der Kreisstab geblieben wäre, wohin er sich vor dem ersten Einmarsch der Amerikaner verkrümelt hatte.“ So aber provozierte Otto Hänle bei der US-Armee verheerende Luft- und Artillerieangriffe.

Als die Amerikaner am 20. und 21. April 1945 endgültig eine in Schutt und Asche liegende Stadt besetzten, hatte sich Hänle längst wieder abgesetzt. Am 21. Mai 1945 wurde er verhaftet, in den Lagern Moosburg und Ludwigsburg interniert und von einer Spruchkammer als „Hauptschuldiger“ eingestuft. Im November 1948 war der Ex-Kreisleiter wieder ein freier Mann. In Gaildorf arbeitete er als Maurer und Versicherungsvertreter und starb am 13. März 1969 in Schwäbisch Hall.

Ausführlich widmet sich das HT-Magazin „Katastrophenjahre“ auch der Crailsheimer Tragödie am Kriegsende 1945 – mit einer Chronik, Zeitzeugen-Interviews und zum Teil bis dahin unveröffentlichten Fotos. In einem profunden Beitrag geht Stadtarchivar Folker Förtsch der Frage nach, warum Crailsheim derart verheerend getroffen wurde. Das Magazin gibt es im HT-Shop in der Ludwigstraße in Crailsheim. Für einen im Herbst geplanten Band der Buchreihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ wird Folker Förtsch die weithin unbekannte Vita von Kreisleiter Otto Hänle und seine Rolle in der NS-Diktatur näher beleuchten. haz

Ein ökumenisches Friedensgebet von Dekanin Friederike Wagner und Diakon Werner Branke begleitet die Gedenkfeier am Donnerstag um 17 Uhr auf dem Ehrenfriedhof in Crailsheim. Um 18 Uhr beginnt auf dem Marktplatz eine Stadtführung, die über das Ausmaß der Zerstörung und über Schicksale einzelner Menschen informiert.

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