Suche nach der Königslösung

Gedanken zum Sonntag von Pfarrer Wolf-Dieter Kaiser aus Gröningen, der sich aus Anlass derBundestagswahl mit dem Thema Macht befasst.

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Mit dem Stimmzettel, die in der Wahlurne landet, verleihen die Wähler Macht.  Foto: 

Sein Herz soll sich nicht erheben über seine Brüder…“ so kommentiert das Königsgesetz im fünften Buch Mose, was das Volk von dem erwarten soll, den es über sich setzt. Und es fügt auch noch einige andere Fallstricke hinzu, in denen die Mächtigen dieser Welt sich verheddern können: Sie sollen sich keinen Harem halten. Auf viele Pferde sollen sie verzichten. Und schon gar nicht sollen sie ihr Volk verkaufen, um sich vom Erlös noch mehr Pferdestärken zulegen zu können.

Nicht ohne leichte Wehmut liest man diesen Versuch, ein Idealbild eines Herrschers zu zeichnen, eines Herrschers, welcher nicht vom Gebot des Herrn abweicht, sondern täglich in ihm liest und sich daran hält. Wären die Könige dieser Welt immer so gewesen, wie hier geschildert, so könnte man direkt zum Monarchisten werden. Aber das waren sie leider nicht.

Leseschwäche scheint ein Leiden zu sein, das mit der Höhe der erreichten Position zunehmen kann, sonst wären im Königsgesetz nicht all diese konkreten Beispiele aufgetaucht, was nicht sein soll. Was hilft dagegen? Manche dachten in ihrer Einfalt, es genüge, die Könige, Kaiser und Zaren abzusetzen und sie zu vertreiben (was human war), oder sie zu köpfen beziehungsweise zu erschießen (was zwar ihren Zorn milderte, aber zugleich auch barbarisch war). Das wesentliche Problem wurde auf diese Art jedoch nicht gelöst: Macht ist geduldig; sie wartet einfach ab, bis der Nächste kommt, um sich an ihrer Seite niederzulassen. Und kaum sitzt er oder sie da, so versucht sie es erneut, einen weiteren Geist einzunebeln.

Die Heilige Schrift ist darum im Blick auf menschliche Macht recht vorsichtig und misstrauisch. Auf der einen Seite akzeptiert sie die Notwendigkeit einer ordnenden Macht: Diese hat zu existieren und ihren Dienst zu tun, egal, wie man die dazugehörenden Diener nennen und finden mag. Andererseits weiß sie jedoch nur zu genau, dass es für die Mächtigen sehr schwer werden kann, nicht abzuheben. Erhebt sich ihr Herz nicht doch über die Brüder? Hiergegen mahnt sie, und wer ein wenig in seine Zeit hineinhört, der versteht sie nur zu gut. Wer es hoch hinauf schaffte, der mag nicht gerne wieder zurückrudern. Das macht es auch so schwer, auf etwas zu verzichten, bei etwas einzulenken, einen Fehler zuzugeben und vielleicht auch einiges zurückzunehmen. Dabei wäre doch gerade das ein Zeichen, dass jemand wirkliche Größe hat und nicht nur die Macht, etwas zu tun und darauf zu beharren.

Nun: Jetzt dürfen wir wieder Menschen zu Abgeordneten machen und sie zu einem Dienst am Volk und am Staat berufen. Wir dürfen Macht verteilen. Was sie uns dafür versprechen? Dazu gibt es viele Antworten, und eine alleinige Königslösung ist nicht darunter. Was wir uns von ihnen erwarten, sollte deshalb das Beste von jedem sein: nicht Macht, die sich über andere erhebt und in diesem Sinn genutzt wird, sondern die Fähigkeit, zu lesen

was die Zeichen der Zeit sind,

was geboten ist,

was den Menschen Sorge macht,

welche Arbeit dringend getan werden muss,

was und wer dazu helfen kann.


Dass sie die Weisheit dazu haben, ihre Macht recht zu gebrauchen: Das lasst uns denen wünschen, die sich am Abend über ihre Wahl freuen können.

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