Wo ist Vater?

Ein Flüchtling aus Onolzheim kehrt in den Irak zurück. Er will Verwandte beschützen – und wird entführt. Jetzt droht der ganzen Familie die Abschiebung.

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In der Hand von schiitischen Milizen: Mit solchen Bildern wurde die Familie erpresst. Hier ist der Vater zu sehen.  Foto: 

Über Motaz Attiya ist an dieser Stelle schon viel geschrieben worden. Das ist der Flüchtling aus dem Irak, der in dem Satteldorfer Friseursalon von Christine Gallasch arbeitet. Aber Motaz Attiya, 22, ist nicht alleine in Deutschland, er lebt mit seiner Familie – Mutter, vier Brüder, drei Schwestern – in Onolzheim. Bis zum 25. April vergangenen Jahres zählte sein Vater ebenfalls zur Wohngemeinschaft, doch der trat an diesem Tag freiwillig die Rückreise in den Irak an, um die Frau seines ältesten Sohnes mit ihren Kindern zu beschützen. Die Flucht der Familie im September 2015 fand ohne sie statt, weil sie schwanger war.

Eigentlich wollte der älteste Sohn selber zurück in den Irak, doch dann sprach sein Vater als Familienoberhaupt ein Machtwort: „Für mich ist es nicht so gefährlich.“ Von wegen. Vor zweieinhalb Monaten wurde ein Kind seines ältesten Sohnes in der Provinz Dhi Qar von schiitischen Milizen entführt. Sie nahmen das Kind mit, um an den Vater zu kommen, von dem sie wussten, dass er in Deutschland war. Als der sich meldete, entführten die Milizen auch ihn. Der Vater, muss man dazu wissen, gehört wie die ganze Familie dem sunnitischen Glauben an. Sunniten im Irak werden schikaniert und mit dem Tode bedroht.

Natürlich ging es den Entführern auch um Lösegeld. Als sie feststellten, dass kein Geld zu holen war, gaben sie sich mit Haus und Auto zufrieden. Daraufhin ließen sie das Kind frei, von dem Vater fehlt seitdem jede Spur. Die Frau des ältesten Bruders fragt regelmäßig in Krankenhäusern und bei der Polizei nach.

Wer mit Motaz Attiya über die Entführung seines Vaters redet, kann in seinen Augen sehen, wie es ihm geht. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht darüber nachdenkt, im Irak nach seinem Vater zu suchen. Doch bisher kommt er immer zu dem Schluss: Bleib in Deutschland, hier bist du wenigstens in Sicherheit.

Der Mutter haben sie übrigens noch nicht gesagt, was mit ihrem Mann passiert ist. Sie ist krank – und die Familie hat Angst, dass es ihr dann noch schlechter geht. „Wo ist Vater?“, fragt sie, und sie fragt oft. Die Antwort der Familie: Vater sei in ein anderes Land geflohen.

Motaz Attiya schwieg zunächst auch gegenüber seiner Chefin. Aber irgendwann konnte er es nicht mehr verheimlichen. Es war einfach zu offensichtlich. „Frau Gallasch, ich will keine Pause. Dann denke ich zu viel“, sagt Motaz Attiya. Und das liegt nicht nur an der Entführung des Vaters, die ist einfach noch dazugekommen. Da ist die kranke Mutter, eine kranke Schwester und ein Bruder, der bei ihrer Flucht in der Türkei ermordet wurde. Um das zu beweisen, hat er sich jetzt die Sterbeurkunde schicken lassen. „Ich weiß nicht, was mit meiner Familie passiert“, sagt Motaz Attiya. „Warum meine Familie?“

Aus Scham nichts gesagt

Es kommt noch härter. Mittlerweile droht die Abschiebung. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) verschickte an alle Ablehnungsbescheide. „Eine unmittelbar erlebte Konfrontation mit oder Bedrohung durch Milizen wurde nicht vorgetragen“, heißt es bei Motaz Attiya. Vielleicht sind sie ja auch ein bisschen selber schuld. Denn bei der sogenannten Anhörung, die maßgeblich über die Zukunft eines Flüchtlings entscheidet, erzählte niemand, dass schiitische Milizen ihnen schon einmal übel mitspielten – aus Scham. Die Milizen schlugen den älteren Bruder zusammen, ließen ihn gefesselt und nackt zurück. Davon gibt es ein Foto, Motaz Attiya hat es auf dem Handy. Den Genitalbereich hat er verpixelt, weil er es nicht ansehen kann, aber es ist auch so schon erniedrigend genug.

Schicksal nicht übertragbar

„Wenn der Antragsteller schildert, dass seine Eltern sich bedroht gefühlt hätten, nachdem sie die islamische Religion in der sunnitischen Überlieferung zu praktizieren begonnen haben sollen, so ist dieses Schicksal nicht auf seine Person übertragbar“, schreibt das BAMF an Motaz Attiya, und: „Das Gefühl einer allgemeinen Unsicherheit und Erfolglosigkeit im Herkunftsland führt aber nicht zur Anerkennung der Eigenschaft als Flüchtling.“ Zudem seien „keinerlei Anhaltspunkte erkennbar, die die Annahme rechtfertigen, dass ihm bei Rückkehr in den Irak ein ernsthafter Schaden droht“.

Die Familie hat Klage gegen die Asyl-Bescheide eingereicht. Ihr Anwalt spricht von einer fragwürdigen Sicherheitslage im Irak – und zwar schon Anfang des Jahres, da war der Vater noch gar nicht entführt.

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