Wenn der Zappelphilipp älter wird

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Gedanken und Aktivitäten geraten bei ADHS-Betroffenen auf Abwege und Irrwege.  Foto: 

Wir sind eine Herausforderung für die Gesellschaft, mit der diese anscheinend nicht gut zurechtkommt", sagt Gert Tiefenbach. Der 63-Jährige hat ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) und leitet eine Selbsthilfegruppe für Erwachsene in Heilbronn. ADHS, damit verbinden die meisten Menschen den kleinen Zappelphilipp - also das Kind, das nicht stillsitzen kann, das jähzornig ist, impulsiv und chaotisch. Ein großer Prozentsatz der betroffenen Kinder nimmt die Störung aber auch ins Erwachsenenleben mit.

Die innere Unruhe, der Jähzorn, die Impulsivität, damit haben auch Erwachsene zu kämpfen. Und obwohl sie häufig gelernt haben, mit ihrem Anderssein umzugehen, stellen sie ihre Umwelt, Familie, Partner, Arbeitgeber, Ausbilder, ungewollt immer wieder vor große Herausforderungen. Nicht selten ist ihr Lebenslauf deshalb eine Chronologie des Scheiterns. Probleme bei der Selbstorganisation, im Zeitmanagement, in der Beziehungsgestaltung, der Arbeitsorganisation, ziehen einen ganzen Rattenschwanz an Folgen nach sich, mit denen gerade nicht diagnostizierte Betroffene oft ein Leben lang zu kämpfen haben.

Begleiterkrankungen sind daher bei Erwachsenen mit ADHS die Regel, oft sind sie so massiv, dass die eigentliche Ursache, nämlich ADHS, gar nicht erkannt wird. Die Rede ist von Depressionen und Ängsten, bipolarer Störung, Persönlichkeitsstörungen, Selbstzweifeln und mangelndem Selbstbewusstsein. Nicht selten haben Betroffene auch Drogenprobleme, weil sie darin eine Möglichkeit finden, sich selbst ruhig zu stellen.

Natürlich ist es der relativ einfachere Weg, wenn ein Kind schon mit dem Wissen aufwächst, welche Ursache hinter vielen seiner Probleme steckt und wenn es von klein auf Strategien lernen kann, damit umzugehen.

Dies bestätigt auch Gert Tiefenbach: "Kinder lernen langsam mit dem Anderssein umzugehen. Als Erwachsener kann man dann auf diese Grundkenntnisse aufbauen. Es wird im Alter nicht schlimmer, nur die in den letzten Jahren immer schneller und gnadenloser werdende Gesellschaft erhöht den Druck so, dass immer mehr ADHSler auffällig werden."

Trotzdem kann es auch für Erwachsene eine Erleichterung sein, wenn sie die Diagnose ADHS erhalten. Bis dahin ist der Weg jedoch steinig. "Bei Kindern liegen aktuelle Schulbeurteilungen, Ansichten von Verwandten und so weiter vor. Erwachsene können sich in der Regel nur auf ihre eigenen Beobachtungen verlassen - wenn sie Glück haben, gibt es einen Partner. Dann ist meist auch schon Schluss, und der Arzt muss durch geschicktes Fragen und Erfahrung den Rest leisten", so Tiefenbach.

Überhaupt die richtige Anlaufstelle für eine Diagnose zu finden, gestaltet sich nach seiner Erfahrung schwierig. "Die Diagnose ist bei einem Erwachsenen sehr zeitaufwendig."

Besonders zu leiden haben ADHSler unter dem Bild, welches häufig in der Öffentlichkeit gezeichnet wird. Von einer "Erkrankung" etwa will Tiefenbach nichts wissen: "ADHS ist keine Erkrankung, sondern eine Andersartigkeit. Diese beginnt nicht irgendwann, sondern ist schon bei der Geburt angelegt." Auch das Stigma und die Vorurteile, die mit ADHS und vor allem der medikamentösen Therapie verbunden sind, wecken seinen Unmut: "Es darf jeder zu diesem Thema eine Ansicht haben, nur sollte man dabei auch an die Betroffenen denken. Wir Erwachsenen können uns mehr oder weniger gut wehren - wer dabei auf der Strecke bleibt, sind jedoch die Kinder. Denn wenn man Kindern ein Medikament verabreicht, steigert das die Lebensqualität enorm, ermöglicht eine Eingliederung und macht es dem betroffenen Kind auch möglich, Freundschaften zu schließen und in der Schule relativ unauffällig mitzuschwimmen. Dies wirkt sich dann auch positiv im Erwachsenenalter aus. Man fühlt sich gut in die Gesellschaft integriert und wird nicht als Randfigur wahrgenommen."

Eine Therapie für Erwachsene kann aufgrund der Vorgeschichte, dem Zeitpunkt der Diagnose und den aktuellen Lebensumständen ganz unterschiedlich sein. Die Palette reicht von Beratung, Psychotherapie und medikamentöser Einstellung bis hin zu Coaching, um Selbstorganisation, Selbstkontrolle und Problemlösungsstrategien lernen.

Einen wichtigen Beitrag, um im Alltag zurechtzukommen, kann das Umfeld leisten, bestätigt Gert Tiefenbach: "Ganz oben steht ein verständnisvoller, einfühlsamer und vor allem geduldiger Partner. Hilfreich ist eine Selbsthilfegruppe, denn hier ist die Andersartigkeit plötzlich normal, und man fühlt sich anerkannt, wie man ist. Man weiß plötzlich, es gibt noch mehr solche Chaoten wie mich!

Info Für Betroffene und Interessierte empfiehlt Gert Tiefenbach ein Buch von Christine Beerwerth: "Suche dir Menschen, die dir guttun"" (Kreuz Verlag). Weitere Infos gibt es online unter www.adhs-deutschland.de.

Botenstoffe aus dem Lot

Unter ADHS verstehen Mediziner eine neurobiologische Funktionsstörung, die auf einer Fehlregulierung wichtiger Botenstoffe im Gehirn basiert. Diese hängt in hohem Maße von genetischen Faktoren ab, ist also erblich. Betroffen sind davon vor allem Teile des Gehirns, die beim Ordnen der Gedanken und der Steuerung der Aktivität eine wichtige Rolle spielen. Umweltreize können nicht gefiltert und in richtige Bahnen gelenkt werden, was vor allem die Lern- und Aufmerksamkeitsfunktionen beeinträchtigt. Warum viele Betroffene noch als Erwachsene unter ADHS leiden, die Symptome bei anderen aber verschwinden, darüber gibt es noch keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse. juvo

SWP

"Das Gehirn reift und die Symptome verändern sich"
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