Weil das Land ohne seine Obstbäume so viel ärmer wäre

Der erste Crailsheimer Streuobsttag am Samstag ist eine Liebeserklärung an die Obstbaumwiesen der Region und die Produkte, die ihnen zu verdanken sind.

|
Hochstämmige Obstbäume auf Streuobstwiesen– wie dieser alte Birnbaum – werden neu geschätzt.  Foto: 

Es gab schon bessere Jahre fürs Obst. Viel bessere. Nach Frostnächten im Frühjahr war der Traum von einer guten Ernte ausgeträumt. Zwetschgen, Äpfel, Birnen, Kirschen – so vieles, was in voller Blüte stand, ist über Nacht erfroren, als es noch bloße Verheißung war auf kommende Fülle. Es gab aber auch schon viel schlechtere Jahre, vor allem für die hochstämmigen Obstbäume. Crailsheim ist der westlichste Ausläufer der Fränkischen Moststraße und damit Teil einer Bewegung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, der so lange vernachlässigten  heimischen Streuobstwiese die Wertschätzung zukommen zu lassen, die ihr von alters her zusteht.

Tausende Bäume im Stadtgebiet

Am morgigen Samstag zeigt der erste Crailsheimer Streuobsttag, was es mit der Faszination Obstbaumwiese auf sich hat. Es gibt Wochenmarktangebote, eine Führung durch Streuobstwiesen, eine mobile Mosterei, und auch die Apfelkönigin hat sich angesagt.

Allein auf städtischen Flächen in Crailsheim gibt es rund 3800 Streuobstbäume, die vielen privaten Streuobstwiesen nicht eingerechnet. Mit diesen Obst-Pfunden lässt sich wuchern, vor allem wenn der Anschluss an einen Tourismusverein wie die „Fränkische Moststraße“ professionelle Marketinginstrumente und Vermarktungswege beisteuert. „Wir möchten heimische Produkte und Erzeuger in den Vordergrund rücken“, sagt Kai Hinderberger von der Stadt Crailsheim.

Zeitreise mit Apfelbaum

Der einheimische Holzapfel mit kleinen, harten Früchtchen, hat mit dem heutigen Tafelobst praktisch nichts zu tun. Die ersten Obstbau-Impulse kamen mit den Römern, auch wenn’s für deren mediterran geprägte Obstbäume in Hohenlohe zu kalt war. Jahrhunderte später waren es die Klöster, die die Bedeutung der Obstbäume für die Versorgung der Bevölkerung erkannten und zum Klima passende Sorten züchteten. Streuobstwiesen, wie sie sich heute präsentieren, bestimmen erst seit dem 16. Jahrhundert die Landschaft. Für Luther, der den Satz mit dem Weltuntergang und dem Apfelbäumchens offenbar nie gesagt hat, war das noch ein junges Konzept.

Viele Jahre lang war es dann undenkbar, die Früchte dieser Bäume nicht zu nutzen. Erst ab den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts geriet in Vergessenheit, wie wichtig sie gewesen waren und in welchem Maß sie das Landschaftsbild prägten. Im Tafelobstbau kamen  deutlich lukrativere niederstämmige Monokulturen auf, durch großflächige Bebauung wurden die Wiesen durch Ziergärten ersetzt, durch Nadelbäume oder gleich durch Asphalt.

In ländlicheren Regionen wurden Obstbaumwiesen schlicht nicht mehr bewirtschaftet; die vernachlässigten Bäume trugen kaum noch Früchte und fielen Krankheiten zum Opfer – wer ­bückt sich denn auch, wenn’s für einen Zentner Obst nur ein paar Pfennig gibt. Erst ab den 80er-Jahren wuchs ein Bewusstsein dafür, dass diese Bäume Wind- und Erosionsschutz sind, dass sie der bedrohten Tier- und Pflanzenwelt eine Heimat bieten und nicht zuletzt, dass ein Landstrich ohne sie so viel ärmer ist.

Von der Pflicht zum Gewinn

Naturschutz, Landwirtschaft und öffentliche Hand gingen eine buchstäblich fruchtbare Verbindung ein, mittlerweile ist Bewirtschaftung unter anderem durch die Direktvermarktung von Saft, Most und Schnaps, gelegentlich auch von Gelees oder Gummibärchen vergleichsweise rentabel. Vor allem aber haben Naherholung und Tourismus das Streuobst für sich entdeckt.

Marktstände auf dem Crailsheimer Wochenmarkt bieten von 9 bis 12 Uhr zum Teil seltene Obstsorten und allerhand Streuobst-Produkte bis hin zu Smoothies an. Natürlich wird umfassend informiert.
Am Stand des Landschaftserhaltungsverbands Schwäbisch Hall (LEV) können Anträge zur Neuanpflanzung von Hochstämmen abgegeben oder abgeholt werden. Neuanpflanzungen werden mit zehn Euro pro Baum bezuschusst, es müssen mindestens fünf Bäume beantragt werden.
Von 9 bis 16 Uhr kann neben dem Rathaus in einer mobilen Mosterei eigener Saft gepresst werden. Anmeldung unter Telefon 01 72 / 9 18 91 94.
Im Rathaus gibt’s bis 13. Oktober eine Ausstellung „Obstgarten – Natur und Kultur geben sich die Hand“.
Stephan Brendle führt als kundiger Vertreter der Stadtverwaltung durch die Streuobstwiesen am Kreckelberg. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Ende der Blezinger Straße.
Mit dabei sind unter anderem der Tourismusverein Fränkische Moststraße mit Apfelkönigin Anna-Maria I., das Jugendzentrum, BUND und Nabu Crailsheim, der Förderkreis regionaler Streuobstbau Hohenlohe Franken und das Umweltzentrum.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Fachkräfte aufs Land holen

Das neu gegründete Städtebündnis „Hohenlohe Plus“ will sich gemeinsam für eine Stärkung der Wirtschaftsregion einsetzen. weiter lesen