Vor zehn Jahren: Tödliche Verwechslung in Schrozberg

Mittwoch, 11. Juni 2003: Vor zehn Jahren sterben beim Zusammenstoß von zwei Zügen auf der eingleisigen Tauberbahn bei Schrozberg sechs Menschen – ein Mann verliert seine ganze Familie.

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Mittwoch, 11. Juni 2003 – ein wunderschöner Sommertag, über 30 Grad im Schatten. Absolut nichts deutete darauf hin, dass dieser Tag unter dem Kapitel „Eisenbahn-Katastrophen“ in die Geschichte von Hohenlohe eingehen wird.

An diesem Mittwoch sah auch in den Bahnhöfen entlang der Tauberbahn alles nach Routine aus: In Niederstetten wickelte ein 51 Jahre alter Fahrdienstleiter den Verkehr auf der Strecke wie immer ab, sein 26 Jahre alter Kollege auf dem Bahnhof in Schrozberg konnte ebenfalls auf einen ruhigen Dienst hoffen.

An diesem Mittwoch bestieg vormittags in Wertheim eine fünfköpfige Gruppe den Regionalexpress (RE) mit der Nummer 19 533: Der Zug, ein Triebwagen der Baureihe 628 (früher auch „Schienenbus“ genannt) sollte die Familie nach einer Radtour von Rothenburg nach Wertheim wieder zurück nach Crailsheim und von hier aus weiter in ihr Heimatdorf bei Dillingen an der Donau bringen.

Der 44 Jahre alte Familienvater, seine 38 Jahre alte Ehefrau, die beiden Söhne im Alter von zehn und zwölf Jahren sowie die fünfjährige Tochter suchten sich Plätze im Fahrradabteil direkt hinter dem Führerstand des Triebwagens.

An diesem Mittwoch schlich sich der Tod völlig banal in den Alltag hinein. Seine erste, noch harmlose Spur: Im Stellwerk in Niederstetten flackerte gegen Mittag ein Lämpchen und signalisierte eine Störung auf der Strecke. Der dortige Fahrdienstleiter entschied sich für das durchaus erlaubte telefonische Meldeverfahren der Züge – und gegen eine alternative Methode, die den sogenannten Streckenblock auf dem Abschnitt nach Schrozberg bewahrt und den gleichzeitigen Verkehr von zwei Zügen auf der eingleisigen Strecke unmöglich gemacht hätte.

Güterzug für Personenzug gehalten

An diesem Mittwoch machte der Fahrdienstleiter im Schrozberger Bahnhof um 12.01 Uhr den finalen, tödlichen Fehler: Er gab dem in Schrozberg haltenden Regionalexpress mit der Nummer 19 534, der von Crailsheim in Richtung Wertheim fuhr und mit einer Diesellok der Baureihe 218 und vier Personenwagen auf der Strecke unterwegs war, freie Fahrt – obwohl der Gegenzug RE 19 533 aus Niederstetten noch nicht den Bahnhof in Schrozberg erreicht hatte, wo sich die Züge üblicherweise kreuzen.

Als Grund für dieses schier unglaubliche Versagen gab der Fahrdienstleiter später an, das er den Güterzug IRC 52 245, der kurz zuvor die Station in Schrozberg passiert hatte, mit dem Regionalexpress aus Niederstetten verwechselt habe.

An diesem Mittwoch um 12.03 Uhr wurde der 44 Jahre alte Familienvater, der tagelang selbst in Lebensgefahr schwebte, zum Witwer: Beim Zusammenstoß der beiden Züge kurz vor Schrozberg starben seine Frau und seine drei Kinder. Keine Rettung mehr gab es auch für die beiden Zugführer im Alter von 33 und 35 Jahren aus Aschaffenburg und Miltenberg. 25 Fahrgäste erlitten zum Teil schwere Verletzungen.

Fast genau zwei Jahre später sprach das Landgericht in Ellwangen sein Urteil in diesem Fall von fahrlässiger Tötung: 18 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung für den Fahrdienstleister in Schrozberg und eine Geldstrafe von 4800 Euro für seinen Kollegen in Niederstetten.

Feuerwehrkommandant: "Wirklichkeit hat uns ganz brutal eingeholt"

Bürgermeister: "Zusammenstoß von Zügen nicht vorstellbar"

Polizei: "Einsatz der Rettungskräfte hat gut geklappt"
 

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