Vor dem Vergessen bewahrt

In Ingersheim erinnert Hannes Hartleitner am 100. Geburtstag von Inge Scholl an eine Frau, die ihren Geschwister Hans und Sophie mehr als nur ein Denkmal setzte.

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  • Mit Figuren zeichnete Hannes Hartleitner (rechts) am 100. Geburtstag von Inge Scholl die Geschichte der „Weißen Rose“ und ihres Umfeldes nach. 1/2
    Mit Figuren zeichnete Hannes Hartleitner (rechts) am 100. Geburtstag von Inge Scholl die Geschichte der „Weißen Rose“ und ihres Umfeldes nach. Foto: 
  • Inge Scholl in den Fünfzigerjahren auf dem Titelbild der in München erschienenen Zeitschrift „Heute“.  2/2
    Inge Scholl in den Fünfzigerjahren auf dem Titelbild der in München erschienenen Zeitschrift „Heute“.  Foto: 
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Die Namen von vielen, allzu vielen mutigen Männern und Frauen, die sich im „Dritten Reich“ gegen den staatlichen Rückfall in die Barbarei wehrten, sind nach über 70 Jahren im Nebel der Geschichte verschwunden und nur noch Historikern präsent.

Dass das Schicksal von Hans und Sophie Scholl und ihr Einsatz in der studentischen Gruppe „Weiße Rose“ bis heute zum Allgemeinwissen über den Widerstand in der NS-Zeit zählt, ist vor allem ihrer Schwester Inge Scholl zu verdanken, die am 11. August 100 Jahre alt geworden wäre.

In ihrem Geburtsort Ingersheim, wo auch der Bruder Hans ein Jahr später als Sohn des Bürgermeisters Robert Scholl zur Welt kam, erinnerte Hannes Hartleitner von der Crailsheimer Initiative „Erinnerung und Verantwortung“ genau an diesem Tag an diese außergewöhnliche Frau – mit einer ganz vorzüglich gestalteten „Unterrichtsstunde“ in der Geschwister-Scholl-Schule, zu der Kassandra Kassa eindrückliche Texte der „Weißen Rose“ und ihres Umfeldes vortrug.

Die Familie Scholl zog 1932 nach Ulm, wo auch die älteste Tochter Inge zunächst von den neuen Machthabern ab 1933 ­begeistert war. Sie brachte es im „Bund Deutscher Mädel“ (BDM) immerhin bis zum Rang einer „Ringführerin“, die im NS-Regime für bis zu 500 Mädchen verantwortlich waren.

Dennoch sympathisierte Inge Scholl wie ihr Bruder Hans mit den Idealen der schon in der Weimarer Republik gegründeten und von den Nazis bekämpften „Deutschen Jungenschaft“ – was ihr schon im Jahr 1937 eine Verhaftung durch die Gestapo einbrachte und ihr schwärmerisches Bild vom NS-Staat erstmals getrübt haben dürfte.

Inge Scholl hatte keinen blassen Schimmer davon, welchen Gefahren sich ihre beiden Geschwister Hans und Sophie bei den Flugblatt-Aktionen der „Weißen Rose“ aussetzten: Sie war nicht eingeweiht in die konspirative Arbeit des Zirkels.

Umso dramatischer dürfte ihre Verzweiflung ausgefallen sein, als Hans und Sophie verhaftet und am 22. Februar 1943 in München hingerichtet wurden. Fünf Monate lang saß Inge Scholl in der „Sippenhaft“ hinter Gittern – „ein weiteres Trauma“, wie Hannes Hartleitner sagte. Inge Scholl zog sich nach dem Ende der NS-Herrschaft allerdings nicht still leidend aus der Öffentlichkeit zurück – ganz im Gegenteil: Zusammen mit ihrem späteren Mann Otl Aicher, der als genialer Grafiker mit den Piktogrammen zu den Olympischen Spielen 1972 in München weltbekannt wurde, gründete sie nicht nur die Hochschule für Gestaltung in Ulm, sondern bereits 1946 auch die Volkshochschule in der Donau-Stadt und „leistete damit ihren Beitrag zur Demokratisierung der jungen Republik“, wie Hannes Hartleitner sagte.

Inge Scholl holte auch prominente Künstler wie zum Beispiel Schriftsteller der „Gruppe 47“ nach Ulm, in späteren Jahren engagierte sie sich stark in der Friedensbewegung.

Inge Scholl starb 1998 in Leutkirch. Zeitlebens hatte sie zu manchen Historikern, die sich mit der „Weißen Rose“ befassten, ein gespaltenes Verhältnis: Ihr lag sehr daran, die Deutungshoheit zum Leben und Sterben ihrer Geschwister nicht zu verlieren.

Sehr empfindlich reagiert Hannes Hartleitner, wenn der aus Crailsheim stammende Eugen Grimminger nur auf seine Rolle als „Finanzier“ der „Weißen Rose“ reduziert wird: „Diese Bezeichnung ist fast schon eine Beleidigung.“ Denn sein Einsatz für die Studenten „kam aus tiefstem Herzen“. Grimminger dürfte mit seinem Freund Robert Scholl, dem Vater von Hans und Sophie, die Abneigung gegen das NS-Regime geteilt haben. Grimminger machte sich aber auch Vorwürfe: Durch seine von den Nazis entdeckte Unterstützung für die „Weiße Rose“ verlor die jüdische Ehefrau Jenny den Schutz in einer „Misch­ehe“, sie wurde deportiert und in Auschwitz ermordet. haz

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