Vor 70 Jahren bleibt vom alten Crailsheim nur eine Trümmerwüste übrig

Kriegsende mit Schrecken: Heute vor 70 Jahren starteten die Amerikaner ihre zweite Offensive gegen Crailsheim - und ließen kaum einen Stein auf dem anderen. Das Städtchen ging im Feuer unter.

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  • Wahrlich apokalyptische Szenen: Der Künstler Rudolf Warnecke thematisierte die Zerstörung Crailsheims 1975 mit diesem Holzschnitt. Warnecke stammte aus Bautzen in Sachsen. 1959 zog er nach Dinkelsbühl, ein Jahr später richtete er sich auch in Crailsheim ein Atelier ein. Er starb 1994 in Merchingen. 1/4
    Wahrlich apokalyptische Szenen: Der Künstler Rudolf Warnecke thematisierte die Zerstörung Crailsheims 1975 mit diesem Holzschnitt. Warnecke stammte aus Bautzen in Sachsen. 1959 zog er nach Dinkelsbühl, ein Jahr später richtete er sich auch in Crailsheim ein Atelier ein. Er starb 1994 in Merchingen. Foto: 
  • Szenen der Zerstörung aus dem Familienalbum der Familie Hebeiß. Gudrun Dürr-Hebeiß hat sie dem HT dankenswerterweise zur Verfügung gestellt. Die Fotos zeigen von links: die Herrenmühle samt Rathaus und Liebfrauenkapelle, der Stadtteil Türkei, die Innenstadt und der Bahnhof. 2/4
    Szenen der Zerstörung aus dem Familienalbum der Familie Hebeiß. Gudrun Dürr-Hebeiß hat sie dem HT dankenswerterweise zur Verfügung gestellt. Die Fotos zeigen von links: die Herrenmühle samt Rathaus und Liebfrauenkapelle, der Stadtteil Türkei, die Innenstadt und der Bahnhof. Foto: 
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Ein Satz klingt Martin Baier, Jahrgang 1934, bis heute in den Ohren: "Die Stadt ist so oder so dem Untergang geweiht." Der NSDAP-Kreisleiter Otto Hänle soll ihn ausgesprochen haben, als er gemeinsam mit den letzten Versprengten von SS und Volkssturm die sinnlose Verteidigung Crailsheims vorbereitete. Das war irgendwann zwischen dem 10. April, als die Amerikaner sich nach der ersten Besetzung der Stadt noch einmal Richtung Norden zurückgezogen hatten, und dem 20. April, als sie mit heftigem Artillerie-Feuer zurückkamen. Ein Nachbar erzählte Baiers Vater Fritz, dem Bäcker, davon - und der sagte: "Die Lumpen! Jetzt gehen wir fort!" Die Baiers machten sich auf zu einem Vetter in Gauchshausen.

Wenige Tage später erfuhr Fritz Baier von einem Polen in Sandhof, dass die schmucke Heimatstadt nur noch eine Trümmerwüste war. "Er ist sofort nach Crailsheim gelaufen", erinnert sich Martin Baier. "Und wir haben darauf gewartet, dass er zurückkommt. Stunde um Stunde. Er kam als gebrochener Mann."

Crailsheim war bereits von Kriegswunden gezeichnet, als die Baiers gingen. Am 23. Februar hatte es einen großen Jagdbomber-Angriff gegeben, bei dem vor allem der Bahnhof zerstört werden sollte, aber auch viele Ziele in der Innenstadt getroffen wurden - zum Beispiel der Rathausturm, auf dem drei Hitler-Jungen Wache hielten. Zwei überlebten, Kurt Marquardt hingegen starb einen grausamen Tod. Stundenlang hing er kopfüber am Turm.

Wilhelm Brenner aus Wollmershausen machte damals eine Lehre bei einer Gärtnerei in der Schillerstraße. Einer seiner jungen Kollegen, Hermann, hatte auch regelmäßig auf den Turm gemusst. Ein französischer Kriegsgefangener sagte zu ihm: "Du blöder Hund, du wirst einmal da oben sterben! Und die Goldfasanen sitzen im Keller!" Er meinte die Parteibonzen. Am Tag des Angriffs war Hermann krank.

Eine weitere größere Attacke aus der Luft folgte am 4. April. Während die Amerikaner Crailsheim zwischen dem 6. und 10. April besetzt hielten, schossen deutsche Einheiten in die Stadt und landeten einige Volltreffer. Trotzdem gilt: Bis zum 20. und 21. April war Alt-Crailsheim noch am Leben. Danach lag es rauchend darnieder. 66 Prozent der Stadt wurden zerstört, die Innenstadt war zu 95 Prozent dem Erdboden gleichgemacht.

Nur wenige Städte wurden ähnlich schlimm oder schlimmer getroffen. Warum? Stadtarchivar Folker Förtsch hat die Gründe 2008 in einem Aufsatz zusammengetragen, der bis heute Stand der Forschung ist. Ein Faktor war demnach die besondere strategische Bedeutung der Stadt. Plan der Amerikaner war es ursprünglich gewesen, über Crailsheim Richtung Schwäbisch Hall und Backnang vorzurücken und so deutsche Einheiten einzukesseln. Sie hatten aber nicht mit solch massivem Widerstand gerechnet. Die Deutschen blockierten den Nachschub über die Kaiserstraße und warfen alle verfügbaren Kräfte Richtung Crailsheim.

Die Rückeroberung der Stadt war zwar ein Pyrrhus-Sieg, spielte in der NS-Propaganda aber eine gewichtige Rolle. Schließlich waren Erfolgsmeldungen von der Front zu jener Zeit rar gesät. Crailsheim wurde zu einem Symbol des angeblichen "heldenhaften Überlebenskampfes" des deutschen Volkes. Der Druck auf die Bevölkerung war enorm: Wer Kritik an der sinnlosen Verteidigung übte oder gar an eine Übergabe der Stadt dachte, musste mit schlimmsten Strafen rechnen.

Bürgermeister Friedrich Fröhlich hatte die Stadt verlassen, genau wie viele der Bürger. Nur noch rund 700 Einwohner zählte Crailsheim am 20. April. Unter ihnen war keiner, der nach all dem Erlittenen den Mut und die Kraft aufbrachte, unter akuter Lebensgefahr ein Zeichen der Aufgabe Richtung Amerikaner zu senden. So war das Schicksal der Stadt besiegelt.

Der Druck auf die Bevölkerung war enorm

Hildegard Bartels von der Heldenmühle musste kurz nach den massiven Angriffen der Amerikaner ins Crailsheimer Krankenhaus, um eine Bekannte abzuholen. In ihren Erinnerungen schreibt sie: "In der Stadt loderten immer wieder kleinere oder größere Feuer auf und überall rauchte es. In der Gartenstraße lag mitten auf der Straße ein Mann, er war am ganzen Körper verkohlt. Im Krankenhaus herrschte große Unruhe, die Betten mit den Kranken waren in den Kellerräumen und Fluren aufgestellt."

Else Kirschbaum aus Weipertshofen hatte vier Jahre lang im Haushalt einer Crailsheimer Familie gearbeitet. Als diese die Stadt im April verließ, ging auch Kirschbaum zurück in ihr Heimatdorf. Ein paar Tage nach der Zerstörung kam sie wieder: "Man macht sich keine Vorstellung, wie das ausgesehen hat", sagt sie. "Die ganze Stadt lag in Schutt und Asche." Man kann es sich tatsächlich kaum noch vorstellen - und es ist zu hoffen, dass niemals mehr ein Crailsheimer Vergleichbares sehen muss.

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