Vier Menschen aus Hohenlohe haben sich ihren Traum erfüllt

Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum: Anna-Larissa Baranowski, Marcus Schatz, Matthias Schmidt und Jörg Brucklacher haben sich an dieses Motto gehalten und sich lange gehegte Wünsche erfüllt – auch gegen Widerstände.

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  • Anna-Larissa Baranowski aus Crailsheim schlüpft ab und zu gerne in die Rolle der Arvid Astinasdottir. 1/2
    Anna-Larissa Baranowski aus Crailsheim schlüpft ab und zu gerne in die Rolle der Arvid Astinasdottir. Foto: 
  • Marcus Schatz war Lehrer für Kunst, Technik und Sport in Rot am See. Seine Leidenschaft gehörte aber schon lange Tätowierungen. Der heute 40-Jährige kündigte seinen Job und eröffnete das Tattoostudio Herzblut in Haselhof: 2/2
    Marcus Schatz war Lehrer für Kunst, Technik und Sport in Rot am See. Seine Leidenschaft gehörte aber schon lange Tätowierungen. Der heute 40-Jährige kündigte seinen Job und eröffnete das Tattoostudio Herzblut in Haselhof: Foto: 
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Den Alltag hinter sich lassen. Einfach die Stiefel anziehen und loswandern. Sich aufs Wesentliche beschränken. Einen Riesenwunsch erfüllen. Mal was ganz anderes machen – das ist der Traum vieler. Wir haben vier Hohenloher getroffen, die ihren Traum leben. Die es gewagt haben. Die allesamt sagen: „Das war die beste Entscheidung meines Lebens.“ Und die allen anderen raten: „Nicht ängstlich sein. Sich nicht von Eventualitäten schrecken lassen. Einfach probieren. Einfach machen. Im Bewusstsein, dass nur dann etwas besser werden kann, wenn sich etwas ändert.“

Die Journalistin Meike Winnemuth reflektiert dies in dem Bestseller „Das große Los. Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr“. Sie schreibt: „Ich habe Leute nie verstanden, die sich über ihr langweiliges Leben beschweren, wenn sie doch problemlos jeden Tag alles ändern dürfen.“ Mal mit einem Fremden an der Bushaltestelle sprechen. Mal eine andere Zeitschrift kaufen. Mal neue Gedanken in den Kopf lassen. „Wie kann man sich als Gefangener seines eigenen Lebens fühlen, wenn man den Schlüssel zu einem anderen doch selbst in der Hand hat?“
 


Anna-Larissa Baranowski (24) aus Crailsheim zieht regelmäßig die selbstgenähten Lederschuhe an, packt ihre selbstgenähte Gewandung aus Leinen und Wolle ein, dazu das Zelt und das warme Rentierfell und verabschiedet sich in Richtung Mittelalter. Dorthin macht sich auch ihre „Sippe“ auf, sieben junge Leute aus ganz Süddeutschland. Treffpunkt: Birka in Südschweden um 950 nach Christus. Birka war damals eine reiche Handelsstadt der Wikinger, der heilige Ansgar versuchte eben zu missionieren, und wer starb, wurde in reich geschmückten Gräbern bestattet – die sich gut erhalten haben. Was bedeutet, dass die Kleider, der Schmuck und andere Gebrauchsgegenstände der Birka-Wikinger rekonstruiert werden können.

Denn auch darum geht es Baranowskis „Vinland-Sippe“: Die Mitglieder wollen alles so historisch wie möglich nachleben. Sie weben bunte Bänder in der komplizierten Brettchen-Webtechnik. Sie nähen die Kleider nach rekonstruierten Schnitten von Hand, sie schmieden und verzieren ihre Messer auf Wikinger-Art. Selbst die Lebensmittel, die an dem Wochenende im dreibeinigen Topf über dem Feuer gekocht werden, sind authentisch. Keine Kartoffeln, keine Tomaten, dafür Graupen und Wurzelgemüse. Eine Ausnahme macht die Sippe, das muss die 24-Jährige zugeben: „Morgens gibt es Kaffee. Wir sind ja nicht päpstlicher als der Papst.“

Dennoch: Wenn Anna-Larissa Baranowski auf Mittelaltermärkte „zum Lagern“ geht, dann wissen ihre Freunde: die junge Frau, im richtigen Leben im Sachgebiet Öffentlichkeitsarbeit in der Crailsheimer Stadtverwaltung beschäftigt, ist ein Wochenende lang weg. Sie verwirklicht ihren Traum und ist „Arvid Astinasdottir“. Sie hat kein Handy und taucht ein in eine andere Welt. Ein paar Tage lang zählt nur noch das Wesentliche. Ob das Feuer angeht. Ob die Gugel (die Woll-Kapuze) den Regen aushält. Ob der Eintopf schmeckt. „Wir sind völlig aus dem Alltag abgetaucht. Das ist immer ein tolles Gefühl.“
 


Marcus Schatz (40) lebt seinen Traum – und hat dafür eine mutige Entscheidung gefällt. Und er weiß jetzt: „Wenn man etwas will, muss man es machen.“ Die Leute, davon ist er überzeugt, seien viel zu ängstlich. „Besonders wenn junge, ungebundene Menschen daheimsitzen, unzufrieden sind und jammern, habe ich dafür kein Verständnis. Denn sie könnten ihr Leben so leicht ändern“, sagt Marcus Schatz. Er spricht aus Erfahrung, denn er hat das gemacht. Allerdings zu einem Zeitpunkt, an dem er schon nicht mehr ungebunden war und gerade frisch gebaut hatte. Marcus Schatz hat seinen gut und vor allem sicher bezahlten Job als Lehrer in Rot am See geschmissen, hat die Verbeamtung auf Lebenszeit aufgegeben und ein Tattoostudio aufgemacht. Das heißt „Herzblut“ und befindet sich in der Einliegerwohnung seines Hauses in Haselhof. Der Laden läuft. „Es gab sogar schon prominenten Besuch und mittlerweile kommen Leute aus ganz Deutschland.“

Marcus Schatz stammt aus Pforzheim, studierte Kunst und Sport. Er lebte eine Zeit lang von seiner Graffiti-Kunst, doch irgendwann wurde er Lehrer, zum Schluss für Kunst, Technik und Sport in Rot am See. Nach ein paar Jahren wurde ihm der Schulbetrieb zu eng, und weil Tattoos schon immer zu seinem Leben gehörten – das erste ließ er sich mit 21 Jahren stechen und war damals noch ein Exot –, schulte er um. Zwar kann sich jeder eine Tattoomaschine billig aus China kaufen und loslegen, aber das war seine Sache nicht. Er ließ sich die Tätowierkunst bei einem bekannten und etablierten Tattookünstler in Deutschland genau zeigen. Er bildete sich in Sachen Hygiene fort. Er übte, um einen sicheren Strich mit der ratternden Nadel hinzubekommen. Wochenlang kamen ihm nur Bananen und Orangen unter die Nadel. Sein Markenzeichen schon damals: selbst entworfene Tattoos. Mit anderen Worten: künstlerische Unikate. Vorlagenheftchen sucht man hier vergebens.

Dann war das Tatoostudio in der Einliegerwohnung eingerichtet. Der Rest ist Geschichte: Termine gibt es in Haselhof nur noch mit Wartezeit. „Das Tattoostudio war eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben jemals getroffen habe“, sagt Schatz heute.
 


Matthias Schmidt (47) aus Crailsheim, ist Elektrotechniker. Aber eine vorausplanbare, geregelte Ingenieurswelt ist seine Sache nicht immer – deshalb hat er zum Beispiel eine Profi-Backstube im Keller, eine Spezialerlaubnis der Handwerkskammer dazu, und backt, wenn er es zeitlich packt, Hefezöpfe – besser noch als jede schwäbische Hausfrau.

Zum Broterwerb allerdings hatte Matthias Schmidt in einer Hohenloher Firma im Servicemanagement gearbeitet. „Aber ich hatte manchmal den Sinn in dem, was ich tue, nicht gesehen.“ So begab sich Matthias Schmidt auf die Suche. Auf einer Integrationsmesse in Schwäbisch Hall lernte er das Samariterstift und damit das Thema „psychische Erkrankungen“ kennen.

Schmidt überlegte nicht lang. Er kündigte seinen Job und heuerte beim Samariterstift als Gruppenleiter an – für ein Drittel des gewohnten Gehalts. Das war im September 2010. „Es gab keinen Rückfahrschein wie bei einem Sabbatical“, sagt Schmidt. „Der Job war weg.“

Die Familie machte mit. „Wir wollten mal sehen, wie weit man alles zurückfahren kann.“ Nun wurde der Alltag zwar finanziell schmal. Aber inhaltlich reich. Matthias Schmidt war glücklich. „Ich hab mich manchmal stupfen müssen, um zu sehen, ob ich nicht aus dem Traum aufwache.“

Eineinhalb Jahre ging das so, bis er, um als Seiteneinsteiger bleiben zu können, eine Ausbildung hätte nachschieben müssen. Eine schwere Entscheidung, in der natürlich auch das Geld eine Rolle spielte – ein weiteres Kind war inzwischen dazugekommen. „Mittlerweile war auch mein Ingenieursherz wieder erwacht“, sagt er, sodass die Türen schon ein bisschen offenstanden, als die Firma Bosch bei ihm anrief.

Nun arbeitet Schmidt wieder als Ingenieur. Dennoch ist er seiner sozialen Aufgabe treu geblieben. Er leitet den Freundeskreis Samariterstift und wurde bei seinem neuen Arbeitgeber zum Schwerbehindertenbeauftragten gewählt. „Man sieht, es ist auch äußerlich etwas hängen geblieben. Innerlich hat mich die Zeit sowieso verändert. Ich bereue es keine Minute.“ Und er schiebt nach: „Klar brauchte es damals Mut. Es gab ja keinen Rückfahrschein. Aber mein Beispiel zeigt doch, dass es einfach ist, etwas zu ändern. Nach dieser Erfahrung kann ich mir für mein zukünftiges Leben alles vorstellen. Es gibt immer einen Weg.“
 


Jörg Brucklacher (47) aus Fichtenberg sagt: „Als Jugendlicher mit dem Klavierspielen aufgehört zu haben, war eine meiner schlechteren Entscheidungen im Leben. Und als Erwachsener wieder angefangen zu haben, eine meiner besten.“ Früher habe er natürlich alles andere im Kopf gehabt als Üben. „Für Jugendliche ist das ja nur eine weitere lästige Pflicht.“ Ohne Bedauern hängte er deshalb mit 17 Jahren das Instrument an den sprichwörtlichen Nagel. Doch er konnte das Klavier nie so ganz vergessen. Mehr noch: Im Lauf der Jahre wurde der Wunsch danach immer stärker. „Aber erst war das Studium wichtiger, dann die Familie. Dann wurde gebaut.“ Wie’s halt so ist. Es passt nie. Dabei passt es immer – und 2007 war es bei Brucklacher soweit. Der Sohn begann, in der Musikschule Limpurger Land ein Instrument zu lernen, es war das Klavier. Und Vater Brucklacher nutzte die Gelegenheit, um selbst wieder mit dem Unterricht zu anzufangen. Von Jahr zu Jahr wird er nun glücklicher mit der Entscheidung: „Musik hat für mich heute eine komplett andere Qualität“, sagt er. „Ich muss zwar fünfmal so viel üben, um etwa im gleichen Tempo voranzukommen wie früher. Aber es gibt mir auch fünfmal so viel.“

Doch weil er tagsüber als Förster im Wald (und oft genug auch am Schreibtisch) ist, bleibt für das Musizieren nur der Abend. „Ich habe auch ein digitales Klavier und übe oft mit Kopfhörern“, sagt er. „Sonst würde das die Familie überstrapazieren.“ Ein Musikinstrument zu spielen gehöre zum Komplexesten, was ein Mensch machen kann, „da kann man nicht mit halbem Dampf dabei sein“. Es sei unglaublich, wie mühelos Kinder und Jugendliche lernten. „Wenn man als Kind nicht übt, hat man deshalb echt was verpasst.“ Daher könne er nur raten, die Musik nie aufzugeben. Und wenn es doch passiert sei, später wieder anzufangen. Oder als Erwachsener damit zu beginnen. Für Musik sei es nie zu spät. „Der Weg für einen Erwachsenen ist deutlich steiniger. Aber es bringt auch deutlich mehr Genuss.“

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