Verhanswursteln

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Der eine kämpft mit Worten und Gesten um die Gunst der Zuschauer, der andere mit spitzer Feder um die seiner Leser. Vor 100 Jahren wird in Schwäbisch Hall ein Streit zwischen einem Rezensenten des Haller Tagblatts und dem Schauspieler Georg König in der Zeitung ausgetragen.

Die Besprechung des Stücks fällt an sich nicht schlecht aus. "Es muss anerkannt werden, dass die Direktion bemüht war, den ,Kaufmann von Venedig ansprechend und würdig zu geben, wie es sich bei einer ,Klassiker-Aufführung gebührt. Die Hauptrollen waren in guten Händen." Wenn, ja wenn da nicht ein gewisser Schauspieler alles vermasselt hätte - so sah es zumindest der Rezensent. "Dass Herr König in der Rolle des Graziano gerade diese Szene wählen musste, um seine Rolle geradezu zu verhanswursteln und - auch sonst - sich auf den billigen Possenreißer hinauszuspielen, zeugt nicht gerade von einem guten und geläuterten Geschmack, wenn auch bei einem Teil der Zuschauer der Lacherfolg natürlich nicht ausblieb." Pfui, dieser egoistische Schauspieler. Und Schande über das lachende Publikum! Der Autor fordert die Spielleitung auf, dem Mimen ein "Privatissimum" zu lesen, ihm mit einer solchen Ermahnung seine Extravaganzen auszutreiben.

Doch ein Schauspieler des Haller Stadttheaters lässt eine solche Kritik nicht auf sich sitzen. Zwei Tage später erscheint sein gepfefferter Leserbrief. "Ihre Kritik über die Aufführung zeugt nicht gerade von besonders viel Verständnis für dieses Stück. Ihnen möchte ich raten, das Stück gelegentlich mal an einem richtig gehenden Theater anzusehen." Offensichtlich fühlt sich Schauspieler König an dem Theater in der Provinz fehl am Platz. "Im Übrigen mein Herr, merke ich schon lange, dass Sie etwas gegen mich haben, das schert mich aber nicht viel, denn von Ihnen hängt meine Existenz noch lange nicht ab. Schreiben Sie, was Sie wollen - denn dazu sind Sie ja da." Den Leserbrief unterzeichnet er mit "Georg König, Schauspieler, Hier".

Die Redaktion des Haller Tagblatts kann es sich wiederum nicht verkneifen, Kommentare in den Leserbrief einzustreuen: "Übertreibungen, wie wir sie nun ein paar mal schon rügen mussten, werden wir auch künftig zu tadeln uns erlauben." Darüber hinaus sei "Jede Bemerkung unsererseits überflüssig".

100 Jahre später führen die Freilichtspiele Schwäbisch Hall mit "Hamlet" und "Verlorene Liebesmüh" zwei Shakespeare-Klassiker auf. Bei beiden Aufführungen fällt kein Schauspieler aus seiner Rolle. Schade eigentlich. Das wunderschöne Wort "verhanswursteln" würde sich ganz gut in einer Theaterkritik machen - im Kampf um die Gunst der Leser.

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