OB-Kandidaten auf dem Prüfstand

Dass die Crailsheimer Oberbürgermeister-Kandidaten im Hangar „keine Wohlfühlveranstaltung“ zu erwarten hätten, machte HT-Redaktionsleiter Andreas Harthan gleich zu Beginn klar. Entsprechend kritisch ging es danach zur Sache.

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Das HT-Wahlforum am Montagabend versammelte 2200 Bürger und zeigte mal wieder, welch großes Potenzial der Hangar als Veranstaltungshalle hat.  Foto: 

Mit dem Oberbürgermeister ist es wie mit dem Bundestrainer: Er hat es mit zahllosen Neben-Amtsinhabern zu tun, die natürlich besser wissen, wie die Probleme anzupacken sind. Ein breites Kreuz ist Grundvoraussetzung für Bewerber. Deshalb gingen HT-Redaktionsleiter Andreas Harthan und HT-Redakteurin Christine Hofmann als Moderatoren des Wahlforums dann auch gleich hart zu Sache: Jeder der Kandidaten kam auf den ungemütlichen Einzelprüfstand.

Jürgen Loga ist Kommunal- und Wirtschaftsberater. „Sind das nicht die, die den Rotstift auspacken?“, fragte Harthan. Und: „Möchten Sie so jemanden wie sich bei sich im Haus haben?“ Er sei vor allem dazu da, Chancen zu entdecken, konterte der Kandidat. „Wenn ich meine Kunden wegrationalisiere, kriege ich kein Geld mehr.“ Und angesprochen auf seinen Slogan „Mehr Flair nach Crailsheim“ (Harthan: „Geht’s eigentlich noch allgemeiner?“) erklärte Loga, für jeden Bürger bedeute Flair etwas anderes, jeder könne sich nach der Wahl mit Fantasie einbringen: „Flair heißt: offen sein für alles.“

Siegmund Lukoschek gab derweil zu, dass Auftritte vor Publikum bisher nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählten: „Ich muss lernen, komplizierte Sachverhalte rüberzubringen.“ Zunächst war er aber erst einmal gefordert, zu erklären, was sein Eintreten für ein „modernes und attraktives Crailsheim“ bedeute. Ob er die Stadt denn bisher als altmodisch und unattraktiv erlebe? Crailsheim sei sehr wohl attraktiv, so Lukoschek, aber es müsse darauf geachtet werden, dass sie in den nächsten Jahren mit der Entwicklung der Wirtschaft Schritt halte.

Raunen im Publikum

Ein Raunen ging durchs Publikum, als Harthan den bisherigen AWV-Stadtrat Sebastian Klunker auf sein Lob des guten Miteinanders im Gemeinderat ansprach. Der Kandidat blieb dabei: Natürlich gebe es sachliche Auseinandersetzungen, aber gleichwohl eine respektvolle Zusammenarbeit. Und warum soll gerade „Der von hier“ (so Klunkers Slogan) für einen „Neuanfang“ (so Klunkers Versprechen) stehen? „Weil er die Stadt kennt, die Menschen, weil er weiß, wo der Schuh drückt“, so der Bewerber. Es gehe nicht um Klüngelei, aber um ein Netzwerk, das er habe. Dass er die Bürger in seinem Flyer mit „Du“ anspreche, habe derweil nichts mit Kumpel-Politik zu tun, sondern sei einfach ein Stilmittel.

Bei Alexander Kufner lag für die Moderatoren die Vermutung nahe, dass er den OB-Wahlkampf vor allem als effektive Werbemaßnahme für seine Tätigkeit als Coach sehe. „Ich bin hier, um den Bürgern der Stadt Crailsheim zu dienen“, erwiderte Kufner nach kurzem Zögern. Warum sein Programm dann auf einen Din-A-6-Zettel passe, wollte Hofmann wissen. Das Programm entwickle sich, wenn er OB sei und sich mit den Bürgern zusammensetze, sagte der Kandidat.

Vanessa Dreschner begründet ihre Kandidatur mit ihrer Verbundenheit mit der Stadt. „Da könnten ja auch 34.000 andere OB werden“, befand Harthan. „Aber ich habe den Mut und den Willen“, antwortete die 32-Jährige, die sich als „Verkäuferin durch und durch“ sieht. „Aber die Stadt sucht doch einen Oberbürgermeister!“, betonte Hofmann. Dreschner: „Es stand nichts von Qualifikationen in der Stellenanzeige.“

Faszinierende Aufgabe

Dr. Christoph Grimmer, der parteilos ist, aber zuletzt als Sprecher der FDP-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft gearbeitet hat, sprachen die Moderatoren auf seine Nähe zu den Freidemokraten an. „Natürlich gibt es Schnittmengen“, sagte er – etwa beim positiven Menschenbild. In anderen Punkten sei er jedoch nicht auf FDP-Linie, etwa in der Flüchtlingspolitik („Es wäre gut gewesen, wenn auch die FDP Angela Merkel unterstützt hätte“). Ob die Bewerbung in Crailsheim nicht ein Karriererückschritt sei? Nein, die Aufgabe fasziniere ihn. Und: „Ich würde nicht in Aalen oder Ellwangen kandidieren, sondern nur in Crailsheim, meiner Heimatstadt.“ Für den Plan, den Gemeinderat zu verschlanken, bekam Grimmer Applaus.

Frank Blumenstock hatte bei der offiziellen Bewerbervorstellung gesagt, er komme, wenn die „Kacke am Dampfen“ sei. Braucht Crailsheim wirklich einen Ausputzer? „Ich denke, Crailsheim hat viel Potenzial. Ich verstehe nur oft nicht, warum es nicht genutzt wird.“ Harthan wollte wissen, warum er noch nie bei einer Gemeinderatssitzung gewesen sei – wo er doch schon seit Jahren über eine OB-Kandidatur nachdenke. Blumenstock: „Es wäre vielleicht schon mal Zeit gewesen, aber es gibt halt auch noch andere Dinge im Leben.“

Alexander Hofmann gab zu, dass es „vielleicht nicht ganz so glücklich formuliert“ gewesen sei, als er bei der Bewerbervorstellung von seiner politischen Erfahrung gesprochen hatte – aber nur auf seinen Vater, den früheren Ortsvorsteher von Tiefenbach, verweisen konnte. Außerdem hatte der Ingenieur angeführt, etwas „Gscheits“ gelernt zu haben. Ob ihn das schon als OB qualifiziere, fragte Moderatorin Hofmann. „Ich finde schon“, so der Bewerber. „Sachen wie Sozialkompetenz lernt man nicht im Studium.“

Erzkonservativ oder nicht?

Ulrich Seel, der von der CDU unterstützt wird, sah sich von Harthan mit einer „Gefällt mir“-Angabe für die erzkonservative katholische Laienorganisation „Opus Dei“ auf seiner Facebook-Seite konfrontiert. Daran könne er sich nicht erinnern, sagte Seel. Er sei gläubiger Katholik, aber nicht erzkonservativ – was man etwa daran erkenne, dass er ein Arbeitsangebot der AfD ausgeschlagen habe: „Die hätten mir 100.000 Euro auf den Tisch gelegt.“ Stattdessen also Crailsheim. Ob es ihn nicht störe, dass er für die CDU, die zunächst einen anderen Kandidaten aufstellen wollte, nur zweite Wahl sei, fragte Harthan. „Das ist für mich kein Problem“, so Seel. „Die Wahl ist auf mich gefallen – und ich glaube, ich bin eine gute Wahl.“ Crailsheim habe Potenzial. Er wolle „in die Tat umsetzen, was entschieden ist“.

Evi Arnold wurde gefragt, was die Wähler mit ihrer Aussage anfangen sollten, sie sei als Jugendliche sexuell belästigt worden, habe später Morddrohungen erhalten und sei als Ortschaftsrätin verbal attackiert worden. „Dass ich mit solchen Anfeindungen klarkomme“, sagte Arnold. „Man kann mich nicht so einfach unterbuttern.“ Sie kann sich übrigens vorstellen, die OB-Amtsstube in ihre bisherige Wirkungsstätte – den „Bayrischen Hof“ – zu verlegen: „Noch kann ich einen Spaß machen. Noch muss ich mir keine Gedanken machen, was nächste Woche ist.“


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