Stadt muss Geld in die Hand nehmen

Ein Experte spricht im Crailsheimer Gemeinderat Klartext: Ohne Subventionen und Grundstücksvergünstigungen ist bezahlbares Wohnen künftig nicht möglich.

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Bezahlbare Wohnungen gibt es in Mehrfamilienhäusern. Die sind in den Baugebieten bisher kaum vorgesehen.  Foto: 

Das Thema sozialer Wohnungsbau wird im Crailsheimer Gemeinderat in schöner Regelmäßigkeit kontrovers und aus verschiedenen Blickrichtungen diskutiert: Einige Stadträte fordern, dass die Stadt selber Sozialwohnungen baut. Andere plädieren dafür, dass die Stadt lediglich die Rahmenbedingungen schaffen soll und der Markt die Nachfrage nach günstigem Wohnraum von allein decken werde.

Allein aus diesem Jahr liegen vier Anträge vor, die sich mit sozialem Wohnungsbau beschäftigen. Die Stadtverwaltung lädt jetzt externe Fachleute ein, um das Thema aus verschiedenen Richtungen zu beleuchten – und somit einen Schritt voranzukommen: von der Diskussion zur Durchführung.

In der Gemeinderatssitzung am Donnerstag stellte der erste Experte Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen zum sozialen Wohnungsbau vor. Nach der Sommerpause werden weitere Referenten zum sozialen Wohnungsbau aus Nutzersicht sprechen und kommunale Modelle für den sozialen Wohnungsbau präsentieren.

Aus welchem Blickwinkel man es auch betrachtet, es ist eine ­Tatsache, dass es in Crailsheim nicht so viel preiswerten Wohnraum gibt, wie gebraucht wird. Damit steht die Stadt keineswegs allein da. „Es wurde jahrelang zu wenig Wohnungsbau betrieben, man ging einfach von einer falschen Entwicklung der Bevölkerung aus – dabei bilden die Asylbewerber nur die Spitze des Eisbergs“, sagte Marc Bosch, Leiter Wohn- und Gewerbebau bei der Wüstenrot Haus- und Städtebau GmbH und Vorstandsvorsitzender der Immobilienwirtschaft Stuttgart (IWS).

Nach Boschs Aussage fehlten mehr als 450 000 Wohnungen in Deutschland. Die Bauindustrie könne diesen Mangel auf Jahre gesehen nicht ausgleichen. Selbst wenn sie es schaffen würde, zeitnah Projekte umzusetzen, bliebe das Problem der hohen Baukosten bestehen. Erschwerend hinzu kämen ein knappes Angebot an Bauland, politische Reglementierungen und lange Genehmigungsverfahren. „Erst ab einer Miete von 14 Euro pro Quadratmeter ist eine Immobilie für den Bestandshalter kostendeckend“, sagte Bosch. Von einer bezahlbaren Wohnung spricht man bei einem Quadratmeterpreis von unter zehn Euro. „Hier trifft die Mietpreis-Vision von 9,50 Euro pro Quadratmeter auf eine Realmiete von 14 Euro pro Quadratmeter.“ Das Fazit des Experten: Ohne Subventionen, Grundstücksvergünstigungen und Außenentwicklung ist bezahlbares Wohnen künftig nicht möglich.

„Macht sozialer Wohnungsbau dann überhaupt Sinn?“, wollte der CDU-Fraktionsvorsitzende Gerhard Neidlein wissen. Die Antwort des Experten war eindeutig: „Investoren, die sozialen Wohnungsbau betreiben, holen sich ihr Geld über andere, hochpreisige Projekte wieder rein. Anders geht es nicht.“ Die Kommune müsse in jedem Fall Geld in die Hand nehmen – egal ob sie selber baue oder bauen lasse und später subventioniere. Auch eine kommunale Baugenossenschaft sei kein Allheilmittel, weil auch sie mit Geldmitteln ausgestattet werden müssen.

In manchen Städten gibt es eine Sozialwohnungsquote. Auch in Crailsheim wäre dies möglich. „Welche Quote wäre für Crailsheim sinnvoll?“, fragte Hermann Wagner (AWV). Möglich wäre alles, was unter 50 Prozent liege, sinnvoll wären 20 bis 25 Prozent, antwortete Marc Bosch. „Aber: Es muss refinanziert werden.“

Aus den Reihen der SPD schlug Wolfgang Ansel vor, dass die Stadt selber kleinere Wohnprojekte realisieren und den Mietpreis subventionieren könne. Dies hielt Bosch jedoch für keine praktikable Lösung. „Als Betriebswirt kriege ich das nicht zusammen: Erst bauen, dann subventionieren – das ist doppelt gemoppelt.“

Wilfried Kraft (Grüne) fragte sich, ob überhaupt ein Investor Interesse daran hätte, in Crailsheim zu bauen. „Ich denke, wir müssen selber Geld in die Hand nehmen“, so Kraft.

Am Ende werde es wohl eine Mosaiklösung geben, vermutete Erster Bürgermeister Harald Rilk: „Ich kann mir vorstellen, dass eine Mischform Sinn macht: einerseits selber Gebäude zu erstellen und andererseits Investoren zu suchen, die Projekte verwirklichen. Ich glaube nicht, dass es nur eine Lösung gibt.“

Umdenken ist nötig

Herbert Holl erinnerte daran, dass bezahlbare Wohnungen in mehrstöckigen Gebäuden zu finden sind. „Das bedeutet: Wir brauchen Baugebiete, in denen Geschosswohnungsbau möglich ist. Bisher haben wir überwiegend Baugebiete für Einfamilienhäuser. Da müssen wir in Crailsheim stark umdenken“, so der Baubürgermeister.

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