Schillers Jugenddrama "Kabale und Liebe" in Crailsheim

Kontrastprogramm bei der Crailsheimer Theatergemeinde: Ging es in der Januarvorstellung beim Gastspiel der Konzertdirektion Landgraf mit Helmut Zierl um "Die Wahrheit", so präsentierte die erstmals in der Festhalle in Ingersheim spielende Landesbühne Rheinland-Pfalz nunmehr "Kabale und Liebe".

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Da Boulevardtheater, hier Schillers aus seiner Sturm-und-Drang-Zeit stammendes bürgerliches Trauerspiel, das "heute zu den bedeutendsten deutschen Theaterstücken" (Wikipedia) zählt; da eine Komödie, hier eine Tragödie; da ein Publikum des eher mittleren Alters, hier auch ein jüngeres Publikum, was der Tatsache geschuldet ist, dass Schillers Jugenddrama an vielen Gymnasien gerne besprochen wird; da ein aktueller, hier ein historischer Stoff.

Und dennoch gibt es trotz der Unterschiedlichkeiten auch erstaunliche Parallelen. Der französische Autor Florian Zeller setzt in seiner "Wahrheit" das Mittel der Ironie ein, was aus seinem Untertitel "Von den Vorteilen, sie zu verschweigen, und den Nachteilen, sie zu sagen" deutlich hervorgeht. Und Friedrich Schiller? Heißt doch der Haussekretär des Präsidenten vielsagend "Wurm" und nennt der Autor den tumben Hofmarschall, ihn als Witzfigur karikierend, nicht umsonst "von Kalb". Das wurde in der Aufführung der Rheinland-Pfälzer - einziger Wermutstropfen vielleicht - leider (wie auch die Millerin) gestrichen.

Auch die Thematik der so unterschiedlich wirkenden Theaterstücke lässt durchaus Verwandtschaft erkennen: Geht es doch in beiden um das Verbiegen der Wahrheit, bis sie letztlich unkenntlich wird, denn das heute nicht mehr gebräuchliche Wort Kabale lässt sich übersetzen mit Ränkespiel oder -schmieden (was der Duden vorschlägt, aber ebenfalls völlig veraltet ist). In unsere Zeit passt das Wort Intrige wohl besser, was der Duden erklärt mit "Reihe von hinterhältigen, heimtückischen Machenschaften, mit denen jemand gegen einen anderen arbeitet, seine Pläne oder Ähnliches zu durchkreuzen, ihm zu schaden sucht".

Natürlich geht es in beiden Stücken um Liebe - aber da ist wohl nur das Wort gemeinsam, denn in "Die Wahrheit" geht es eher darum, wer mit wem . . ., in "Kabale und Liebe" in erster Linie um eine echte Liebesbeziehung, die so nicht stattfinden darf. Trotz des historischen Kontexts - ein Adeliger liebt eine Bürgerliche, und das kann nicht gut gehen, eine Verbindung der beiden Liebenden lässt die Gesellschaft nicht zu - fallen wieder Parallelen zur heutigen Realität auf: Besonders die Regenbogenpresse nimmt sich dieses Themas gerne in trivialisierender Weise an, doch liest man auch immer wieder einmal von kulturellen Zusammenstößen wegen (verhinderter) Liebespaare unterschiedlicher Ethnien. Insofern lässt sich Schillers jugendliche Anklage gegen die Ständegesellschaft und sein Ruf nach Freiheit für das Individuum sowie das Streben nach Glück (niedergelegt auch in der fast zur selben Zeit datierenden amerikanischen Unabhängigkeitserkärung) immer wieder aktualisieren.

Wie aber spielt man heutzutage einen "Klassiker"? Lässt man die Hauptfiguren wie einmal Hamlet in Stuttgart in einem Taucheranzug auftreten oder wie vor Kurzem bei den "Räubern" in Nürnberg splitternackt? Verzichtet man auf ein Bühnenbild oder gestaltet man naturalistisch äußerst präzise und detailgenau? Belässt man es bei der Schiller'schen Originalsprache oder verschlimmbessert man sie in aktuelles Neudeutsch?

Nun, die Inszenierung von Rolf Heiermann und die Ausstattung von Anita Rask Nielsen bedienten sich schon einer dem 18. Jahrhundert angenäherten Kostümierung, und die ursprüngliche unverwechselbare Diktion des jungen Schiller wurde beibehalten. Auch das Bühnenbild war nicht neorealistisch karg, sondern spiegelte Zeitkolorit wider. Ganz raffiniert und vom Publikum ästimiert, spielte sich das Geschehen auf mehreren Spielebenen ab: hier die bürgerliche, da die adlige Sphäre. Handlungen liefen simultan ab (Lady Milford schreibt einen Brief, Luise schreibt auch einen), der Sohn spricht mit Luise, richtet sich aber quasi auch an seinen Vater. Eine Szene geht übergangslos in die nächste über, sodass keine Pausen entstehen. Das Publikum kommt kaum zum Atmen, sondern folgt gebannt dem Geschehen, sodass die nicht eben leichte Theaterkost keineswegs zur Ermüdung oder Langeweile führen kann.

Auch die Auswahl der Personen und deren schauspielerische Leistung trugen das Ihre zum Gelingen bei. Michael Marwitz als Präsident von Walter, eine schwarze Seele in stets weißer Kleidung, überragt seinen Sohn und bringt seine väterliche Dominanz lautstark zum Ausdruck. Ferdinand, sein naiver, in die Bürgerliche Luise verliebter Sohn, wird dynamisch stimmungsschwankend verkörpert durch David M. Schulze. Eva Wiedemann gibt seine Geliebte Luise, in vielem tonangebend, aber den vielen Zwängen unterworfen, ebenso eindrucksvoll wie auch Josef Hofmann als ihr musizierender unterprivilegierter Vater. Der intrigante Haussekretär Wurm, der das ganze Ränkespiel inszeniert, wird kreativ-schleimerisch von Makke Schneider gespielt. Bewusst auf ihre weiblichen Attribute hin akzentuiert, gibt sich Esther Kuhn als Lady Milford. Die Nebenrollen sind mit Barbara Maria Sava als Zofe und Rainer Hannemann als Kammerdiener besetzt.

Große Sprache, große Gesten, große Gefühle (vor allem als notwendige dramatische Klimax am tödlichen Ende) - ein großer Theaterabend in Crailsheim! Schiller hätte bestimmt seine Freude daran gehabt.

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