Podiumsdiskussion: Welternährung der Zukunft auf Prüfstand

Prognosen tragen es in sich, dass sie so oder so interpretierbar sind. Das ist auch beim Problem der künftigen Welternährung nicht anders, wie am Mittwoch bei einer Podiumsdiskussion deutlich wurde.

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Wilhelm Wackler, Dr. Friedrich Bullinger, Angela Müller, Ralf Häußler und Isabella Hirsch (von links) diskutierten im Johannesgemeindehaus in der Reihe "Zukunft säen" über "Ernährungssicherung und Landwirtschaft".  Foto: 

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf geschätzte knapp zehn Milliarden Menschen wachsen. Besitzt der Planet die Chance, sie alle mit Nahrungsmitteln zu versorgen? Die Teilnehmer der Diskussionsrunde im Johannesgemeindehaus waren sich zumindest in diesem Punkt einig: Es ist möglich. Allein der Weg dorthin ist gewunden und hält verschiedene Varianten offen. Sind die Versprechungen der internationalen Agrarindustrie allein seligmachend - oder sind es doch alternative kleinbäuerliche Strukturen, die das Seelenheil garantieren?

"Lebensmittel, Wasser und Energie - alles andere ist nebensächlich"

Auf dem Podium (wie im Publikum) waren Vertreter beider Thesen vertreten. Zwar anerkannte Bauernverbands-Vertreter Wilhelm Wackler die Bemühungen der alternativen und regionalen Landwirtschaft, war allerdings auch überzeugt, dass das Rad der Landwirtschafts-Geschichte nicht zurückgedreht werden könne. Ohnehin, so Wackler, werde die Arbeit seiner konventionell arbeitenden Kollegen zu häufig verteufelt. "Kein Bauer entzieht sich doch seiner Grundlagen, indem er den Boden verseucht", argumentierte er. Aber auch das: "Jeder soll seinen eigenen Weg gehen." Grundsätzlich gehe es darum, der Menschheit künftig drei Dinge zu sichern: "Lebensmittel, Wasser und Energie - alles andere ist nebensächlich."

Den Gegenpart zu Wackler stellte Isabella Hirsch dar. Die Aktivistin der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft aus Feuchtwangen hat dem Wachstum abgeschworen und ihre Betriebsgröße auf ein "überschaubares Maß" zurückgefahren - zugunsten von mehr "Luft zum Leben". Sie zeigte sich überzeugt, dass die EU-Subventionierung vorrangig Großbetrieben zugutekommt.

Landtagsabgeordneter (und Landwirt) Dr. Friedrich Bullinger forderte die Verbraucher auf, bereit zu sein, mehr für ihre Lebensqualität aufzubringen. "Es wird zu viel für Urlaubsreisen, Technik und Autos ausgegeben", spitzte er zu. Der Wert von Lebensmitteln würde schon durch die Marktmacht der vier großen Billig-Discounter konterkariert. Bullinger plädierte vehement für mehr Regionalität im Lebensmittelregal, war sich aber bewusst, dass die daraus folgenden höheren Preise nicht von allen bezahlt werden können (und wollen). Was den Einfluss der Politiker auf die EU-Vorschriften zur Landwirtschaft betrifft, meinte Bullinger: "Menschen ohne Land machen Gesetze für Menschen mit Eigentum - das öffnet nur wenig Freiräume."

Andrea Müller aus Niederstetten stellte als Repräsentantin des evangelischen Bauernwerks in den Raum, dass Deutschland schon heute nicht mehr in der Lage sei, sich selber mit Lebensmitteln zu versorgen: "Wir verbrauchen für die bei uns verkauften Produkte Land in Südamerika." Sie baut - wie die Experten, die den "Welternährungsbericht" veröffentlicht haben - auf kleine Strukturen. "Kleinbauern mit maximal zwei Hektar Land sind der Schlüssel für eine boomende Landwirtschaft", meinte sie. "Wer 30.000 Hektar bewirtschaftet, kümmert sich um Abläufe und seine Leute und achtet weniger auf die Qualität der Bodenbearbeitung."

Als "gefährliche Entwicklung" sah Moderator Ralf Häußler in Zeiten niedriger Zinsen den Kauf von Boden durch Spekulanten - weltweit übrigens. Das stehe einer nachhaltigen Landwirtschaft oft im Wege - und sorge zudem für "Irrwege", indem Land nicht mehr für die Lebensmittelproduktion, sondern für die Energiegewinnung genutzt werde.

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer darin, dass sich eine Menge ändern muss, um die Weltlebensmittelproduktion der Zukunft zu sichern: "Wenn bevölkerungsreiche Länder wie China unseren Lebensstandard anstreben, kommt es unweigerlich zur Katastrophe."

"Zukunft säen" geht weiter

Am heutigen Freitagabend geht es weiter mit den Veranstaltungen der Aktionsreihe "Zukunft säen". Neben dem Filmvortrag "Atomic Africa" in Ellrichshausen läuft ab 19.30 Uhr der Gemeindeabend im Westgartshausener Gemeindehaus mit Pfarrer Heinrich Georg Rothe über den Oman. Rothe ist Islambeauftragter der evangelischen Landeskirche.

ELS

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