Mit natürlichen Wiesen zur Vielfalt

Mit heimischen Pflanzenmischungen begrünt Ernst Rieger Flächen in Städten und Siedlungen und schenkt damit vielen Arten wieder ein Stück ursprüngliche Heimat.

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Über die Jahre hat Ernst Rieger ungewöhnliche Methoden entwickelt, um die Samen aus den Pflanzen zu lösen.  Foto: 

An der Ortseinfahrt zu Raboldshausen  führt das Unternehmen Rieger-Hofmann einen Bauernhof der etwas anderen Art. Tiere gibt es hier nur wenige zur Selbstversorgung. Ansonsten ziehen sich Felder links und rechts entlang des Weges bis zur Hofauffahrt. Dass hier im Umkreis von vier Kilometern auf etwa 70 Hektar mit großen Bemühungen ursprünglicher Lebensraum wächst und gedeiht, erkennt der Laie höchstens im Frühjahr, wenn es dann vielfach blüht und brummt und summt.

Seit insgesamt 34 Jahren ist Ernst Rieger mit seiner Frau Birgit jetzt auf die Vermehrung von Wildblumen, Wildgräsern und Klee spezialisiert. Heute hat er 25 Mitarbeiter im Einsatz, 60 Anbauer deutschlandweit und 20 Saatgut-Sammler.

Wachsender Kundenstamm

Schon in seiner Kindheit wurde dem Bauernsohn klar, dass er den Hof seiner Eltern zwar übernehmen, sich aber nicht für alle Zeit in dem auf 50 Mutterschweine angewachsenen Stall abrackern wollte. Eher zufällig bekam Rieger im Herbst 1982 Wind von der Nische des Arzneipflanzenanbaus: „Durch eine Zeitungsanzeige kam ich zu der Firma Appel in Darmstadt, mit der wir heute noch eng zusammenarbeiten, die suchten damals jemanden, der für sie das Samengut anbaut.“

Da die landwirtschaftlichen Voraussetzungen in seinem Betrieb mit Maschinen, Ställen sowie den Ackerlandschaften dafür schon gegeben waren, wagte Rieger den Versuch. Zuerst vermehrte er Arznei-, dann Wildpflanzen und entwickelte dabei auch ungewöhnliche Erntemethoden. Sein Unternehmenskonzept „Naturnahe Begrünung mit Wildsamen aus der Heimat“ verdankt er übrigens einem wirtschaftlichen Verlust: „Als der Raue Löwenzahn aus Holland bei uns nicht wachsen wollte, kamen wir darauf, dass die Herkunft eine wichtige Rolle spielt.“

So begann er für rund 30 000 Kunden – von Privatpersonen bis zu städtischen Kommunen – je nach Bedarf und Anforderung, spezielle Pflanzen-Mischungen zusammenzusetzen. Diese werden zur Begrünung von Verkehrsinseln, Parkanlagen oder Sportplätzen genutzt. In der großen Lagerhalle warten etwa 15 000 Tonnen Samen in „Big Packs“ auf den Weg in die Säuberungsmaschine, um schließlich von Schalen und Ernteresten getrennt, in reiner Form abgepackt im Kühlraum zu landen. Mit seinem Geschäftsmodell triff Rieger den Nerv der Zeit. Seitdem Artenschwund und Naturverlust im öffentlichen Bewusstsein sind, wird die naturgetreue Begrünung immer beliebter. In Reubach beispielsweise hat das ehemalige Ziegelwerk eine Lehmgrube hinterlassen, die es zu bepflanzen gilt. Mit gebietseigenen Samen sollen Böschungen, Magerrasen, Schmetterlingswildbienensamen hier die Artenvielfalt zurückholen. Um sicher zu gehen, dass keine Anbaufehler das Projekt lahm legen, soll  Rieger dabei ausnahmsweise selbst Hand anlegen. Überwacht wird das Ganze von der Naturschutzbehörde.

Seit 2009 sind die Riegers alleinige Gesellschafter. Die beiden Junioren, Staudengärtner Johannes Rieger (33) und Landwirt Stefan Rieger (30), übernehmen in weiten Teilen die Planung, Lagerung, Anbaubetreuung und die Produktion.

Das Wetter spielt eine zentrale Rolle beim täglichen Planungsprozess. „Wir schauen mehrmals täglich auf den Wetterbericht“, sagt Rieger. „Darauf können wir die Ernte, die Einsetzung und alle anderen Arbeitsschritte anpassen.“

Auf die Frage, welche Herausforderung am größten ist, muss Ernst Rieger schmunzeln und sagt: „Die Menschen – denen mangelt es an Geduld.“ Seine Arbeit ist langwierig. Teilweise dauert es Jahre bis eine Pflanze oder ein Rasen tatsächlich vermehrt werden kann. Neben den Wetterbedingungen muss er auch zusehen, dass die Vögel nicht zu viel des Saatgutes herauspicken. Mit seinen Netzdächern kann er nur manche Arten vor den Attacken aus der Luft schützen.Die größte Herausforderung ist für Ernst Rieger im Moment jedoch „die steigende Nachfrage personell und materiell auf die Reihe zu kriegen“.

Die zunehmende Sensibilität für naturnahes Grün könnte damit sein Unternehmen auch die nächsten Jahre wirtschaftlich erfolgreich tragen. Denn diese liegt ihm auch sehr am Herzen: „Im Grunde könnte jeder im Kleinen auch etwas zur Artenvielfalt beisteuern – man könnte im Garten statt Rasen einfach eine Blumenwiese blühen lassen und dem Rasenmäher-Kaufwahn ein Ende setzen.“

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