Mit 64 hat man noch Träume: Ex-OB Schlenvoigt geht als Wasserversorgungs-Berater nach Benin

Das Thema "Entwicklungshilfe" hatte Georg Schlenvoigt schon in jungen Jahren auf dem Radar. Mit 64 hat er seinen Traum realisiert - endlich. In Benin berät der Goldbacher die (halb-) staatliche Wasserversorgung.

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Georg Schlenvoigt auf der Treppe zum Garten in Goldbach mit Geldnoten aus der Westafrikanischen Union. Zwei Jahre geht der Ex-OB nach Benin.  Foto: 

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Entwicklungshilfe im herkömmlichen Sinn ist es nicht, was den früheren Oberbürgermeister von Crailsheim nach Westafrika getrieben hat. Vielmehr berät er in der Hauptstadt Cotonou als "integrierte Fachkraft" die Soneb, die nationale Wasserversorgungs-Gesellschaft Benins. Dort ist er angestellt mit einem regulären Arbeitsvertrag über zwei Jahre. Für Wohnung, Fahrer, Wachen und Haushaltshilfe muss er selber aufkommen. Auch die Heimflüge nach Deutschland, zum Beispiel zu Kreistagssitzungen, zahlt er aus eigener Tasche.

„Monsieur George“ war sofort angetan von der Aufgabe

Seit 1999 betreibt Georg Schlenvoigt, studierter Bauingenieur mit Schwerpunkt Wasserbau, seine Beratungsfirma Wivcon. Da hatte und hat er zwar ein gutes Auskommen, doch "kurz vor der Rente" war er "einfach neugierig", wollte noch mal Neuland betreten. Als die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) einen Wasserbau-Ingenieur für Benin, das frühere Dahomey, suchte, warf er kurzerhand seinen Hut in den Ring. Für die GIZ war er quasi überqualifiziert, doch als Betriebswirt sahen die GIZ-Experten in ihm durchaus den Richtigen. Und die Soneb-Leute wohl auch. Im Mai sondierte "Monsieur George", wie Schlenvoigt im französischsprachigen Land tituliert wird, weil den Menschen dort sein Name als unaussprechlich vorkommt, vor Ort die Lage - und war angetan. Von der Aufgabe, seinen künftigen Partnern, vom Land mit seinen Menschen.

In der Präsidialdemokratie Benin gilt die "Société Nationale des Eaux du Benin" (Soneb) als halbstaatliche Einrichtung, die versucht, nicht nur die großen Städte nachhaltig mit Wasser zu versorgen, sondern auch die Menschen auf dem Land - ein oftmals schwieriges Unterfangen. 700 Mitarbeiter befördern bislang 30 Millionen Kubikmeter Wasser - 40 Liter pro Kopf und Tag (in Deutschland liegt er bei 120 Litern) - zu ihren Kunden. "Nein, Wassermangel herrscht nicht", weiß Schlenvoigt, "aber in einem der ärmsten Länder der Welt mit einem Pro-Kopf-Einkommen von ungefähr einem US-Dollar am Tag ist sauberes Trinkwasser eine nationale Aufgabe, die viele Probleme mit sich bringt." Probleme für die Bevölkerung, aber auch für die Wasserversorger.

Unzählige Bewohner transportieren noch heute ihr Wasser über oft viele Kilometer in Schüsseln und Krügen auf dem Kopf zur Behausung. Das zu ändern, ist eine der Soneb-Hauptaufgaben. Das größere Problem ist die mit der Versorgung einhergehende Hygiene. "Händewaschen ist absolut nicht überall üblich", hat "Monsieur George" erkannt. Und: "Das Besorgen von Wasser ist allein Frauensache." Es geht also darum, Männer einzubinden, in den Städten Individual-Anschlüsse und Hausversorgungen einzurichten und in der Fläche zumindest Springbrunnen zu installieren. Ein Budget von 150 Millionen Euro steht dazu bereit.

Wer jetzt an Stichworte wie Korruption und dunkle Kanäle denkt, liegt sicher nicht völlig daneben. Doch vordergründig zeichnet die Soneb ein laut Schlenvoigt "vorbildliches Finanzmanagement" aus. Wie es dann vor Ort beim Zähler-Ablesen und dem Verteilen der Ware Wasser aussieht, steht auf einem anderen Blatt. "Es gibt sicher Möglichkeiten, sich am System zu bedienen", ahnt der Berater aus Hohenlohe.

Anders als in Deutschland werden jene am stärksten zur Kasse gebeten, die am wenigsten Wasser brauchen. Konsequenz: Viele der Ärmsten verzichten ganz auf öffentliches Wasser. Denn selbst wenn ein "Mehr-Abnehmer", der einen öffentlichen Brunnen betreibt, weniger entrichten muss, reicht er Top-Preise an die Bedürftigsten weiter - ein Teufelskreis. "Hier muss Überzeugungsarbeit im Sinn einer Sozialkomponente geleistet werden", meint Schlenvoigt.

Deutschland unterhält traditionell gute Beziehungen zu Benin. Erinnert sei nur an die Besuche von Ex-Bundespräsident Horst Köhler in diesem westafrikanischen Land. Wenn es um Wasserbau geht, sind übrigens die Holländer dort führend, aber auch Franzosen, Amerikaner und Chinesen tummeln sich dort.

Der Beratungsbedarf ist jedenfalls hier wie dort riesig

Vorbereitet auf seinen Aufenthalt wurde der Crailsheimer Ex-OB in Bad Honnef bei einer "interkulturellen Fortbildung", wo er Meinungen zu hören bekam, die zum Teil im diametralen Kontrast zur afrikanischen Realität stehen. Aber da schließt sich der Kreis, denn das betrifft seiner Ansicht nach auch viele hiesige Kommunen, die nicht wissen, was mit der in Kürze anstehenden Einführung der kommunalen Abschreibungswirtschaft auf sie zukommt. Hier hat Schlenvoigt zuletzt sein Standbein gehabt, um mit seiner Consulting-Firma bei Stichwörtern wie "Doppik" Orientierung zu bieten: "Der Beratungsbedarf zu diesem Thema hierzulande ist riesig."

Eine Parallele also zu Benin, wo er sich jetzt erst mal häuslich einrichten will. Sein Auto, ein Opel, ist verschifft und wartet bereits im Lagunenhafen von Cotonou auf seine Entladung. Der Zoll ist immens, ein Auto vor Ort aber noch teurer. Georg Schlenvoigt ist guter Dinge, dass er eines Tages rundum glücklich und zufrieden aus Afrika zurückkehrt nach Hohenlohe. Zu den Kreistagssitzungen kommt er sowieso heim. Was sind schon 6500 Kilometer?

Zahlen, Daten und Fakten zu Benin

Der westafrikanische Staat Benin hieß bis 1975 Dahomey. Bis 1960 war er französische Kolonie. Französisch ist auch heute Amtssprache. Es gibt circa 60 Sprachgruppen. Die Fläche von 112 622 Quadratkilometern entspricht einem knappen Drittel der Fläche Deutschlands. Vorherrschender Vegetationstyp ist die Savanne. Neun Millionen Einwohner leben in Benin, das zu den ärmsten Staaten weltweit zählt. Die Analphabetenquote liegt bei 60 Prozent. Benin mit seinen zwölf Départements ist Präsidialdemokratie. Größte und Hauptstadt ist Cotonou mit 900.000 Einwohnern. Die Landwirtschaft ist der Haupterwerbszweig.

ELS

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Kommentare

06.08.2014 18:18 Uhr

Bon courage, Herr Schlenvoigt

Ich beglückwünsche Herrn Schlenvoigt zu seinem Entschluß nach Benin zu gehen. Ich habe das Land und insbesondere seine Menschen -seit ich dort 3 Jahre lang als deutscher Botschafter tätig war- in besonders angenehmer Erinnerung. Mit einigen Künstlern, Hochschullehrern, Journalisten habe ich heute noch Kontakt.Benin darf als Demokratie auf dem Kontinent gelten. Die Wähler haben ihren Präsidenten Thomas Yayi Boni im Amt bestätigt. Friedliche Wahlen: Das allein hebt Benin schon von jenen Staaten in seiner Nachbarschaft ab, die derzeit von sich reden machen.Als Vorbild kann der kleine Staat auch in anderer Hinsicht dienen: Als erstes Land Afrikas stellte man dort 2003 die Beschneidung von Frauen unter Strafe. Heute wird das archaische Ritual selbst in den entlegenen Dörfern nicht mehr praktiziert. Dank massiver Aufklärung lag die Rate der Aids-Erkrankungen unter den Erwachsenen laut index mundi im Jahr 2009 bei 1,2 Prozent. Zum Vergleich: Im südlichen Swasiland waren es 26 Prozent. Es gibt in Afrika keine Art der Infrastruktur-Investition, die sich so stark auf die wirtschaftliche Performance auswirkt wie jene in das adäquate Angebot von Trinkwasser. Erst danach folgen Bewässerungsanlagen, Elektrizität sowie der Ausbau von Straßen- und Bahnnetzen. Die Wasserversorgung der Bevölkerung sollte für jede afrikanische Regierung ein zentrales Thema sein, denn es geht um die Gesundheit der Bevölkerung. Diese müssen besonders in den Elendsvierteln der Städte und auf dem Land oft über lange, gefährliche Fußwege in Eimern das Wasser heranschleppen.
Volker Seitz, Botschafter a.D.

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