Maximilian Sax wohnt noch Zuhause, Desiree Mohn in einer WG in Berlin

Wohnsituation: Anfang Oktober haben bundesweit knapp 500.000 junge Menschen ein Studium begonnen – zwei „Erstis“ aus der Region erzählen.

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Maximilian Sax: Keine WG-Partys

Keine Miete zahlen, nicht kochen, waschen und bügeln müssen – der Traum vieler Jugendlicher. Im „Hotel Mama“ ist er Realität und kann es auch bleiben, wenn man sich nach dem Abi oder der Fachhochschulreife entscheidet, in der Nähe des eigenen Wohnorts zu studieren. So wie Maximilian Sax (21) aus Neuenstadt am Kocher.

Im September hat Maximilian sein Studium an der Hochschule Heilbronn, Campus Schwäbisch Hall, im Fach Management und Beschaffungswirtschaft begonnen. Der 21-Jährige hat sich darüber hinaus auch an Hochschulen in Heidelberg, Stuttgart und sogar Dresden beworben, sich jedoch trotz der Zusagen für Hall entschieden. „Dabei hat in erster Linie der finanzielle Aspekt eine Rolle gespielt“, räumt Maximilian ein. Natürlich sei außerdem die Reputation der Uni wichtig gewesen. „Die Hochschule Heilbronn hat gute Partner wie zum Beispiel das Unternehmen Würth.“

Und so pendelt der Neuenstädter seit knapp zwei Monaten nun jeden Tag unter der Woche insgesamt 80 Kilometer nach Hall und zurück. „Klar ist es irgendwie unangenehm, den Eltern auf der Tasche zu liegen“, meint Maximilian bei einem Telefongespräch. Aber ihm bleibe im Moment nichts anderes übrig, weil er kein Bafög bekomme. Auch für ein Stipendium habe er sich bereits beworben – erfolglos. Neben dem Studium zu jobben, um finanziell unabhängiger von Mama und Papa zu werden, schließe er nicht aus, habe sich nur noch nicht darum gekümmert, die Stellenanzeigen zu sichten. „Ich bin für alles offen.“ Aber erst wolle er sich akklimatisieren und einschätzen, wie viel Zeit für einen Nebenjob bleibe. Was sind aus seiner Sicht Vor- und Nachteile des Zuhausewohnens? „Dass Mama kocht“, antwortet er sofort – es folgt ein herzliches Lachen. „Und dass der Kühlschrank voll und immer jemand für einen da ist.“ Ein Nachteil für den Studenten sei, dass er weniger unabhängig und selbstständig als manch Gleichaltriger ist – und dass er keine WG-Partys feiern kann.

Miete muss Maximilian seinen Eltern nicht zahlen und auch sein Studium finanzieren sie ihm. „Wenn es der Staat nicht tut, dann eben die Eltern“, scherzt der Student. Allerdings komme er für den Sprit, die Steuer und die Versicherung seines Autos selbst auf. „Und da kommt einiges zusammen.“

Wie haben seine Mutter und sein Vater reagiert, als feststand, dass Maximilian nach der Schule nicht ausziehen wird? „Man könnte sagen, meine Mama ist mir um den Hals gefallen“, witzelt er. Schließlich sei jede Mutter froh, wenn ihr Kind so lange wie möglich zu Hause wohne. Und auch Söhne und Töchter profitierten ja davon. So muss Maximilian lediglich sein Zimmer aufräumen und „bei den schweren Sachen wie Getränkekisten schleppen helfen“.

Und was sagen Freunde und Kommilitonen dazu, dass der Neuenstädter noch „bei Mutti“ wohnt? „Manche würden gerne mit mir tauschen, weil ich es daheim so komfortabel habe“, meint er und lacht. Außerdem sei etwa die Hälfte seines Kurses auch noch nicht flügge geworden – und zwar sowohl Männer als auch Frauen.

Die ganzen sieben Semester will Maximilian nicht zu Hause wohnen. Sobald er sich in der Hochschule eingewöhnt und einen Job gefunden hat, wird er sich voraussichtlich eine WG suchen. Dann kann er endlich Partys feiern.
 

Desiree Mohn: Kühlschrank leer

"Berlin ist die Stadt, wo ich immer hinwollte“, sagt Desiree Mohn (18) aus Fichtenberg. Die Multinationalität und die Größe der Metropole hätten es ihr angetan. Deshalb hat sie auch beschlossen, dort zu studieren.

Seit Oktober ist Desiree an der Technischen Universität Berlin in den Fächern Soziologie und Gesundheitsmanagement eingeschrieben. Die Entscheidung, ein Studium so weit weg von Familie und Freunden zu beginnen, habe sie bewusst getroffen. „Ich habe mich ausschließlich in Berlin und Potsdam an Hochschulen beworben“, erzählt die 18-Jährige am Telefon. Und das obwohl sie ein sehr inniges Verhältnis zu ihrer Mutter und außerdem einen festen Freund in Schwäbisch Hall hat. Doch der Lockruf der Millionenstadt war laut.

Bereits im Juni suchte die Fichtenbergerin in Berlin nach Möglichkeiten, wo sie wohnen könnte. Warum schon so früh? „Ich wollte sichergehen, dass ich bis zum Semesterstart schon eine Bleibe hatte“, antwortet Desiree pragmatisch. Bei Freunden auf der Couch zu schlafen, wie es andere getan haben, wäre für sie keine Option gewesen.

Schnell fand sich über ein Internetportal eine Vier-Zimmer-Wohnung unweit der Hochschule, die als WG genutzt werden konnte. Mit zwei Jungs aus Hall und einer Crailsheimerin zog Desiree im September ein. Ein Studentenwohnheim wäre ihr „zu kühl“ gewesen.

Das Tolle an einer Wohngemeinschaft sei, dass man sowohl seine Privatsphäre als auch immer jemanden zum Reden habe. „Jeder hat sein eigenes Zimmer, und wenn wir zusammen Zeit verbringen wollen, treffen wir uns einfach in der Küche oder in meinem Zimmer, weil es das größte ist“, sagt Desiree. Und wie haben die vier entschieden, wer es bekommt? „Die anderen wollten es gar nicht, weil es teurer ist. Und ich hatte schon bei meinen Eltern immer ein kleines Zimmer.“

Apropos Eltern: Wie war es denn für sie, vor allem aber für Desirees Mutter, die 18-jährige Tochter ziehen zu lassen? „Es ist ihr schon schwergefallen, zumal auch mein Bruder nicht mehr zu Hause wohnt“, räumt die Studentin ein. „Aber zum Glück gibt es ja Skype und Whatsapp.“ Es fehle ihr jedoch manchmal, heimzukommen und mit ihrer Mutter über ihren Tag zu sprechen. „Auch meinen Freund vermisse ich natürlich.“ Wegen der Entfernung sehe sie ihn nur etwa alle drei Wochen und ihre Eltern sogar noch seltener. Was sind denn die Vor- und Nachteile des Nicht-mehr-zu-Hause-Wohnens? „Ein Vorteil ist, dass man nach seinen eigenen Regeln leben kann. Niemand macht dir Vorschriften. Das kann wiederum zum Nachteil werden, wenn man beispielsweise vergisst, einzukaufen und sonntags nichts im Kühlschrank hat“, sagt Desiree und lacht. Auch selbst zu kochen, sei nicht gerade ihr Hobby. Da fehlten ihr schon Omas Kohlrouladen mit Tomatensauce – ihr Lieblingsessen.

Und wie finanziert Desiree ihr Studium und das Leben in Berlin? „Meine Eltern unterstützen mich, aber ich jobbe nebenher auch als Barkeeperin – dreimal werktags und einmal am Wochenende.“ Nicht nur, dass sie damit Mama und Papa nicht so sehr auf der Tasche liege, hinter der Bar zu stehen, mache ihr auch Spaß.

Sechs Semester muss Desiree studieren, bis sie ihren Bachelor-Abschluss in der Tasche hat, noch drei Jahre lang selbst Wäsche waschen, kochen, putzen und einkaufen. Doch sie sagt selbst: „Ich wünsche mir niemanden, der das für mich erledigt.“

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