Massenphänomen Fanfiction: Das Happy End aus dem eigenen Kopf

Alles nur Fiktion: Wo der Star zum Freund und die Nebenrolle zur Hauptperson wird. Fanfiction ermöglicht Fans das Erschaffen und Erleben einer eigenen Welt.

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Inspiriert vom Sänger einer Boyband schrieb die junge Autorin Anna Todd im Netz einen Liebesroman.  Foto: 

Ein Happy End oder eine spannende Wendung, neue Liebesverflechtungen oder ein simples Date mit dem geliebten Star: Fanfiction macht’s möglich. Die Idee, eine Geschichte weiterzuschreiben, neue Details oder Lieblingsfiguren in den Vordergrund zu rücken oder einfach den bewunderten Star als Hauptperson in einer Welt agieren lassen, die in der eigenen Fantasie entstanden ist, ist nicht neu. Schon die Fans von Sherlock-Holmes-Autor Arthur Conan Doyle in den 1930er-Jahren erfanden eigene Geschichten. In den 70ern hielt das Phänomen der Star-Wars-Filme auch Einzug in die Fanfiction. Ein Massenphänomen sind die Geschichten von Hobbyautoren jedoch erst, seit Mitte der 1990er Jahre das Internet aufkam.

Im Netz entstanden seither viele Fanseiten und mittlerweile auch zugehörige Apps, auf denen Fans ihre Geschichten posten und so mit anderen teilen. Tatsächlich hat es eine besonders erfolgreiche Fanfiction erst kürzlich aus dem Netz auf die Bestsellerlisten geschafft. Die „After“-Erfolgsbücher von Anna Todd sind in der Ursprungsversion eigentlich eine Fanfiction und deren Hauptperson eigentlich der Sänger einer berühmten Boyband.

Hobbyautoren versammeln sich auf Wattpad

Wie Anna Todd teilen viele Hobbyautoren ihre Fantasien, zum Beispiel auf Wattpad. Über 100 Millionen Geschichten in über 50 Sprachen sind auf der Wattpad-App mittlerweile zu finden – nach Angaben der Macher die weltgrößte Gemeinschaft von Lesern und Autoren.

Auch die 14-jährige Johanna (Name geändert) aus Gaildorf ist regelmäßig auf Wattpad und anderen Fanfiction-Seiten unterwegs, um Stories über die Stars ihrer Lieblingsboyband zu entdecken. „Das gehört zum Fansein einfach dazu. Jeder Fan liest und spricht darüber. Man will mitreden können, wenn man sich in der Fandom austauscht“, meint Johanna. Ihre Erklärung, weshalb sie so fasziniert ist von den Geschichten, ist simpel: „Man taucht in eine Welt ein, in der es richtige Menschen sind, Freunde, nicht Unbekannte aus Internet oder Fernsehen.“

Dabei ist die Schülerin durchaus kritisch, wenn es darum geht, wie ihre Stars in den Geschichten dargestellt werden. „Man merkt oft, ob es ein neuer Fan ist oder einer, der länger dabei ist. Neue Fans schreiben oberflächlich, in Klischees, die sie aus der Klatschpresse kennen. Ältere Fans, die sich richtig mit dem Star und der Band beschäftigen, wissen mehr Details. Das merkt man“, betont sie.

Persönlich mag Johanna lieber Fanfiction, in der die Stars nicht Stars sind, sondern sich in einer anderen Welt bewegen, die ihrer eigenen Lebenswelt näher ist, oder die sich komplett von der Realität abhebt. „Es gibt in der Presse eh schon so viele Geschichten und Gossip über die Stars, da finde ich es langweilig, wenn noch mehr dazu erfunden wird", erklärt sie.

Auch selbst eine Geschichte zu verfassen, hat die 14-Jährige bereits probiert, gibt aber lachend zu: „Ich hab’ gemerkt, bei mir kommt nix Gescheites dabei raus. Andere können das einfach viel besser als ich!“ Weil sie der Meinung ist, dass die Mühe der Autoren belohnt werden muss, macht sie auch Gebrauch von der Möglichkeit, die Geschichten direkt zu kommentieren. „Das mache ich, wenn die Geschichte wirklich gut ist, denn ich finde, dann muss man als Leser den Autor auch ermutigen“, sagt die Leserin.

Romantik, Liebe und Sex gehört immer dazu

Entsetzt ist sie darüber, welche Blüten die Fantasie mancher Autoren treibt, die Fanfiction schreiben. „Manche Sachen sind wirklich ekelhaft, und ich frage mich manchmal, ob es nicht andere Möglichkeiten gibt, eine Geschichte spannend zu machen, auch ohne dass Gewalt, Selbstverletzung, Essstörungen, Mobbing oder Ritzen vorkommen muss“, kritisiert Johanna. Witzig findet sie dagegen die Idee, dass es zu allem, wovon man Fan sein kann, auch Fanfiction gibt, „mittlerweile sogar zu Videospielen“, lacht sie. Außerdem sagt sie: „Meist verliebt sich irgendwer in irgendwen. Romantik, Liebe und Sex gehört immer dazu.“

Seit etwa einem Jahr hat Johanna die Wattpad-App auf ihrem Handy installiert, doch ihre Begeisterung hat etwas nachgelassen. „Ich lese nicht mehr ganz so viel wie am Anfang“, sagt sie.

Die Stars selbst können sich Fanfiction heutzutage nur noch schwer entziehen. Durch die rasche Verbreitung werden sie weltweit mit den Fantasien ihrer Fans konfrontiert. Auch die Autoren erfolgreicher Bestseller, die von Fans weitergeschrieben werden, sind nicht immer begeistert von der Idee, dass ihre Figuren neue Geschichten in neuen Welten erleben. Andere fühlen sich geschmeichelt, wie die Harry Potter Autorin J. K. Rowling.

Als Fan hat Johanna ihre Stars und auch deren mögliche Gefühle gegenüber einer Geschichte immer im Blick. „Man überlegt sich manchmal schon, wie sich die wohl fühlen, wenn sie so was lesen“, gibt sie zu. Doch dann sagt sie bestimmt: „Es ist ja im Grunde alles erfunden, Fiktion halt!“

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