Maschinengewehr unterm Nerzmantel

Chanson-Abend mit Birgit Nolte-Michel und Pianist Michael Lauenstein im Bürgerhaus in Rot am See.

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Birgit Nolte-Michel singt, spielt, ja verkörpert einen Abend lang Hildegard Knef  Foto: 

Von nun an ging’s bergab“, singt die Dame im kleinen Schwarzen, die an diesem Abend Hildegard Knef ist, ihre mit der Geburtsstunde beginnende Biografie. Das wird dem Achterbahn-Leben der Knef so gar nicht gerecht, aber es ist ein erster, ironischer Blick auf eine der größten deutschen Nachkriegskünstlerinnen. Beate Meinikheim, die für das Kulturprogramm in Rot am See verantwortlich zeichnet, kann diesen Chanson-Abend als Erfolg verbuchen, als Geschenk an alle, die dabei waren. Nicht nur, dass insbesondere die rauchig-tiefen Töne der Knef-Lieder wie gemacht sind für Birgit Nolte-Michel, die auch schon Marlene Diet­rich und Edith Piaf verkörpert hat: Was ist das für ein Leben, aus dem da erzählt wird.

Cole Porter hat die Knef in „Schnee am Kilimandscharo“ gesehen und für seine Broadway-­Produktion Silk Stockings gewonnen – das ist das Ninotschka-Motiv, für alle, die alte Filme lieben. Ein Traum wird wahr fürs deutsche Fräuleinwunder in Amerika? Nicht, wenn das Stück 675-mal gespielt wird, jeden Tag außer sonntags, dafür mittwochs und samstags zweimal. Marlon Brando, den die Knef in dieser Zeit kennengelernt hat, ließ sich auf die Nase schlagen, um der Tretmühle wenigstens für ein paar Tage zu entkommen. Es sind solche Anekdoten, die den Abend in Rot so unterhaltsam machen. Dazu kommt, dass Nolte-Michel, wie ja auch die Knef selbst, Lieder nicht singt, sondern spielt, mit jeder Faser ihres Körpers.

Die roten Rosen sind unsterblich

Wer sich auf die großen, die ganz erfolgreichen Titel gefreut hatte, wird nicht enttäuscht. Die den „Tapetenwechsel“ suchende Birke, „So oder so ist das Leben“, „Eins und eins das macht zwei“ –  nichts fehlt, schon gar nicht „Für mich soll’s rote Rosen regnen“. Passend zu diesem Erkennungslied der Knef sind die zum Teil mit Wein und Trauben bestückten Varieté-Tische im dämmrig-dunklen  Saal mit roten Rosen geschmückt. Aber Nolte-­Michel singt auch, wie die Knef, Cole Porter, zum Beispiel die deutsche Version des „I get a kick out of you“. Oder Bert Brechts Seeräuber-Jenny: „Und ein Schiff mit acht Segeln, und mit 50 Kanonen an Bord“ ist ohnmächtige Allmachtsfantasie aller geknechteten Spülmägde. Wie viel Energie in ein paar wenigen Minuten verfeuert werden kann, zeigt ein Chanson des belgischen Sängers Jacques Brel: In einem bereits beim Zuhören ermüdenden Crescendo besingt „die Knef“ das wüste Treiben der Matrosen in „Amsterdam“. Vor allem aber sind es die eigenen Lieder, von Michael Lauenstein an Klavier und Akkordeon begleitet, die diesen Abend ausmachen; die „Mutter aller Liedermacher“ gilt als eine der ersten, die ihre eigenen Lieder schrieb, und die haben mit Schlagern rein gar nichts zu tun, wohl aber mit einer Frau, die sich immer wieder neu erfindet.

Lieder sind es, und Fragmente aus einem ungeheuer reichen, zerrissenen Leben: Mit den Erinnerungen an den Großvater beschwört sie die Jugend in Berlin herauf, das Gartenparadies, den Krieg, die Bomben, die Gefangenschaft in Russland bis hin zum Selbstmord des geliebten alten Mannes. In Interview-Form kommt die Knef selbst zu Wort – Oliver Nolte gibt vor historischer Kamera den Reporter –, außerdem der Ex-Mann, der ein ganz anderes Licht wirft auf „die Frau mit dem Maschinengewehr unter dem Nerzmantel“, auf ihre Abstürze, ihre Angst.

Der Abend ist zweigeteilt wie das Leben der Knef: Aus dem lebensprühenden Fräulein – ihre Nacktszene in „Die Sünderin“ war einer der großen Skandale der Nachkriegszeit – wird die alternde Diva, die den Brustkrebs ebenso überlebt wie den hässlichen Scheidungskrieg und ihren Dauerstreit mit den Boulevardblättern.

Sie malt jetzt, sie ist erfolgreiche Chanson-Sängerin und Buchautorin, deren „Geschenkter Gaul“ in 17 Sprachen über vier  Millionen Mal verkauft wird. Passt diese rastlose Kreativität zu einem glücklichen Leben? Wenn die Knef zum Beispiel lamentiert, dass auf Tournee das gesamte Ensemble bei ihr frühstückt, wird das relativiert durch das Porträt einer Frau, die nicht alleine sein kann. Nie. Ohne ihre Zerrissenheit aber gäbe es ihr Vermächtnis nicht. „Wer ist froh, dass du gelebt hast“, war für Hildegard Knef die wichtigste Frage überhaupt. Der Abend in Rot am See gibt darauf weitere Antworten.

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