Lobbyist sucht Lobbyisten

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Rainer Prosi in seinem Crailsheimer Garten. Rechts blüht der Natternkopf, links die Färberkamille, dazwischen schwirrt’s wie wild – wenn auch für die Kamera unsichtbar. Die bei Wildbienen beliebten Pflanzen brauchen eine Schotterfläche, um zu gedeihen.  Foto: 

Von Rainer Prosis früherem Garten ist nur noch ein rotblättriger Ahorn übrig. Er steht dickstämmig vor dem Haus des Crailsheimers und schaut herab auf eine Umgebung, die sich im Lauf der Jahre radikal verändert hat. Wo dem Gewächs aus Übersee einst ein grüner Zierrasenteppich und die üblich-akkuraten Wohnsiedlungs-Blumenbeete zu Füßen lagen, gibt es heute allerhand eher Untypisches zu entdecken: ein Insektenhotel mit „Zimmern“ aus Lehm, hochgeschossene Sträucher, festgebundene Brombeer-, Himbeer- und Holunderstängel als Nistplätze, eine geschotterte Fläche, aus der heimische Wildblumen und Kräuter sprießen.

Und: Drumherum schwirrt es, dass es eine wahre Freude ist – für Prosi sowieso. Der Wildbienen-Experte hat ja alles genau so hergerichtet, damit es schwirrt; damit Wildbienen und andere Insekten zumindest in seinem Garten eine Zukunft haben

Auch die Stadt Crailsheim tut viel für die Tiere. Im Projekt „Stadtbiene“ arbeitet sie mit Nabu, Volkshochschule, Jugendzentrum und Imkern zusammen. Es werden etwa blütenarme Grünflächen in artenreiche Blumenwiesen verwandelt, es wird seltener gemäht, heimische Kräuter werden ausgesät, der städtische Streuobstbestand wird gepflegt. Auch Prosi ist an Bord.

Erst kürzlich hat er die Crailsheimer Anstrengungen im Gemeinderat gelobt. Aber: Mehr geht ja immer. Und Prosi findet: Nicht nur die Stadt sollte vorangehen, sondern jeder einzelne Bürger könnte etwas tun. Auch Betriebe will er animieren, sich für Insektenschutz einzusetzen.

Mehr als die Hälfte der Bienenarten in Deutschland nämlich ist im Bestand gefährdet, auch die Zahl anderer Insekten geht stetig zurück. Fallen aber immer mehr Bestäuber aus, ist das nicht nur eine ökologische, sondern auch eine ökonomische Katastrophe: Der Wert der Bestäubungsleistungen von Kulturpflanzen durch Insekten wird in Europa auf 20 Milliarden Euro geschätzt.

„Wildbienen haben trotzdem keine Lobby“, sagt Prosi. Für die Honigbiene setzten sich immerhin noch die Imker ein, sie werde auch als Wirtschaftsfaktor betrachtet. Aber: Sie taugt wegen ihres relativ kurzen Rüssels schlicht nicht als Bestäuberin für alle Pflanzen. Solche mit langen engen Kronröhren oder mit Klappmechanismus zum Beispiel werden von der der Honigbiene nicht bestäubt. „Und an Stellen, wo Wildbienen gefördert werden sollen, kann man nicht zwölf Honigbienen-Völker daneben stellen“, sagt Prosi. Im Oktober 2016 war er einer der Unterzeichner einer Resolution zum Schutz der mitteleuropäischen Insektenfauna, insbesondere der Wildbienen. Sie wurde an Umweltministerin Barbara Hendricks übergeben. Passiert ist bisher wenig.

Prosi lässt sich nicht entmutigen, er bleibt Wildbienen-Lobbyist. Was schlägt er vor? Dass es mehr mit Muschelkalk eingeschotterte Flächen im Stadtgebiet gibt, auf denen Pflanzen wie der Natternkopf oder die wilde Möhre wachsen. Diese kommen auf geschlossenen Grünflächen nicht vor. Standorte können Kreisverkehre sein oder ein paar Quadratmeter am Straßenrand in einem Wohngebiet. Auch für jeden Garten sind mit Wildblumen eingesäte Schotterflächen eine Option. „Sie sind attraktiv, artenreich und pflegeleicht, man muss einfach im Herbst die Pflanzenstängel abschneiden“, sagt Prosi. Betriebe könnten aus seiner Sicht Areale bereitstellen – wie der Daimler-Konzern, der Bienen auf der 4000 Quadratmeter großen „Neckarkiesbank“ in Cannstatt eine Heimat bietet. „Warum nicht einem Azubi ein Ökopraktikum anbieten?“, fragt Prosi.

Es muss übrigens keiner Angst haben, dass er vor lauter Geschwirr nicht mehr auf der eigenen Terrasse sitzen kann, wenn er seinen Garten zu einem Wohlfühlort für Wildbienen macht. Prosi: „Man kann da besser sitzen als in einem Garten, in dem die Tiere kein Angebot haben außer dem süßen Kuchen auf dem Teller.“

Ein Video vom Nestbau und der Nesttarnung der Zweifarbigen Schneckenhausbiene hat Rainer Prosi vor einigen Tagen auf einem Schotterweg im Stadtteil Türkei gedreht. Er möchte seine Begeisterung gerne mit den HT-Lesern teilen. Unter dem folgenden Link geht’s zum Film:
http://www.wildbienen-kataster.de/Film/Nestbau.mp4

Wer im Garten oder rund um seinen Betrieb Wohlfühlorte für Wildbienen schaffen möchte, den berät Prosi gern: Telefon 0 79 51 / 75 34. E-Mail: rainer.prosi@web.de. sebu

Wildbienenarten hat Rainer Prosi in seinem Garten in Crailsheim nachgewiesen. Sie finden dort zwischen hohen Sträuchern und geschotterten Beeten beste Bedingungen vor.

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